25.05.2026

Die verborgenen Kirchen von St. Marien – Teil 1

Die ältesten Spuren der romanischen Kirche

Die heutige Marienkirche prägt das Lübecker Stadtbild wie kaum ein anderes Bauwerk. Ihre gewaltige hochgotische Basilika mit den beiden Türmen wirkt so selbstverständlich, als hätte sie schon immer genau so dort gestanden. Doch tatsächlich ist die Kirche, wie wir sie heute kennen, nur das Endprodukt einer jahrhundertelangen Bauentwicklung, deren Anfänge mehr als 800 Jahre zurückreichen.

Bereits 1163 wird eine Kirche an dieser Stelle erstmals in den Urkundenbüchern des Bistums Lübeck erwähnt. Wie dieser frühe Bau aussah, wissen wir allerdings bis heute nicht. In der älteren Forschung wurde häufig angenommen, dass es sich zunächst um eine einfache Holzkirche gehandelt haben könnte – nicht zuletzt, weil Holz im frühen mittelalterlichen Norddeutschland ein naheliegender Baustoff war.

Doch sicher ist das keineswegs.

Denn archäologische Untersuchungen in Lübecks Gründungsviertel und im Bereich des Kolks zeigen, dass bereits ab etwa 1170 mit großem technischem Aufwand in Backstein gebaut wurde. Im profanen Hausbau entstanden damals bereits ganze Gebäude aus Backstein. Selbst Treppenanlagen, die hinunter in die hölzernen Keller führten, wurden schon in den 1180er Jahre aus Backstein errichtet. Warum also sollte ausgerechnet die Kirche der aufstrebenden niederdeutschen Kaufleute ausschließlich aus Holz bestanden haben? Gut möglich, dass schon der erste Kirchenbau zumindest teilweise aus Feldsteinen oder frühen Backsteinen errichtet war. Bislang fehlen dafür jedoch eindeutige archäologische Nachweise.

„Wie die wohl aussah?“
„Vielleicht wissen wir irgendwann mehr.“

Sicher ist jedoch, dass auf diesen frühen Kirchenbau schon bald ein ambitioniertes Großprojekt folgte: Gegen Ende des 12. beziehungsweise zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand an dieser Stelle eine romanische Backsteinbasilika – errichtet von Lübecks Kaufleuten in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs und städtischen Selbstbewusstseins.

Schon lange war bekannt, dass sich Spuren dieses Vorgängerbaus noch heute im aufgehenden Mauerwerk der Kirche erhalten haben. An einzelnen Pfeilern und Wandbereichen lassen sich ältere Baustrukturen ablesen. Wie diese romanische Kirche jedoch im Chorbereich genau aufgebaut war, darüber konnte bislang nur spekuliert werden.

Erst die aktuellen Arbeiten zur Erneuerung der Fußbodenheizung ermöglichen nun erstmals archäologische Einblicke unter den heutigen Kirchenboden.

Und diese Einblicke haben es in sich.

Bereits 40 Zentimeter unter dem heutigen Fußboden kamen im Chorbereich Mauern aus der Frühzeit der Kirche zum Vorschein. Die freigelegten Backsteinmauern ruhen auf massiven Fundamenten aus Feldsteinen und gehören zu jener ersten großen romanischen Backsteinbasilika, die die niederdeutschen Kaufleute gegen Ende des 12. beziehungsweise zu Beginn des 13. Jahrhunderts errichten ließen.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Qualität der verwendeten Backsteine. Zudem besitzen die Backsteine besitzen eine Höhe von rund 10 Zentimetern und zeigen deutlich erkennbare Scharrierungen auf den Oberflächen – feine, bewusst eingearbeitete Rillen, die typisch für die frühe romanische Backsteinbaukunst in unserer Region sind und vor allem ästhetischen Zwecken dienten. Hinzu kommen sorgfältig ausgeführte sogenannte Dachfugen. Diese charakteristische Fugentechnik tritt vor allem bei qualitätvoll ausgeführtem Sichtmauerwerk auf und verweist auf eine bewusst repräsentative Gestaltung des aufgehenden Mauerwerks.

Gerade in Lübeck lassen sich solche bauhandwerklichen Details inzwischen vergleichsweise gut chronologisch einordnen. Die Kombination aus großformatigen Backsteinen, einer Backsteinhöhe von etwa 10 Zentimetern, Scharrierungen und den charakteristischen Dachfugen verweist eindeutig auf eine Bauzeit gegen Ende des 12. beziehungsweise zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Die im südöstlichen Chorbereich freigelegten Mauern liefern damit erstmals auch archäologisch einen direkten Nachweis für jene romanische Vorgängerkirche, die bislang vor allem über bauhistorische Beobachtungen am aufgehenden Mauerwerk rekonstruiert werden konnte.

Gleichzeitig lässt sich an diesen Befunden erstmals der Grundriss der romanischen Apsis nachvollziehen – also jenes halbkreisförmigen Chorabschlusses, der typisch für romanische Kirchenbauten war. Die freigelegte Mauer ist stellenweise noch mehrere Steinlagen hoch erhalten. Nach Osten folgt sie dem bogenförmigen Verlauf der ehemaligen Apsis, während sie sich nach Süden und Westen rechtwinklig fortsetzt.

Damit wird erstmals archäologisch greifbar, wie der Chorbereich der frühen Marienkirche aufgebaut war.

Doch damit nicht genug.

In einem weiteren Suchschnitt im nördlichen Chorbereich traten erneut Mauern der romanischen Kirche zutage – und zwar nur rund 30 Zentimeter unter dem heutigen Fußboden. Besonders spannend ist dabei eine freigelegte Mauerecke: Hier wird der Verlauf der sogenannten Vierung sichtbar, also jener Bereich, in dem Langhaus und Querhaus der Kirche aufeinandertrafen. Damit lässt sich erstmals nachvollziehen, wie die romanische Kirche im Bereich zwischen Chor und Querhaus gegliedert war.

„Da unten ist also tatsächlich noch die alte Kirche erhalten?“
„Ja – und zwar viel besser als gedacht.“

Die aktuellen Grabungen zeigen eindrucksvoll, wie nah die Anfänge der Marienkirche noch immer unter dem heutigen Kirchenboden verborgen liegen. Gleichzeitig liefern sie erstmals konkrete archäologische Hinweise zur Gestalt jener romanischen Basilika, die einst den Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung von St. Marien bildete. Welche Umbauten später folgten und wie aus dieser frühen Backsteinkirche schließlich die gewaltige gotische Kirche entstand, davon wird im nächsten Teil noch zu berichten sein.

Abbildung 2/Video: Lübeck, St. Marien – 3D-Aufnahme des Grabungsschnitts im Chorbereich. Deutlich erkennbar: das Feldsteinfundament und die Backsteinmauer aus dem späten 12. bzw. frühen 13. Jahrhundert mit den Schraffierungen.

Lübeck, Fischstraße 17 – Grabung im Gründungsviertel. Backsteintreppe aus den 1180er Jahren, die in den ehemaligen Kaufmannskeller führte.

Lübeck, St. Marien – nördlicher Grabungsschnitt im Chorbereich. Mittig, hinter dem gelben modernen Tonrohr, sind Mauerreste der Ecksituation von Lang- und Querhaus der romanischen Bauphase sichtbar.