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Rot-Buche

Fagus sylvatica - Baum des Jahres 1990

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Hörtext als Kurzfassung

Waren Sie schon mal in einer Kathedrale des Waldes?

Im Lübecker Drägerpark bilde ich mit ein paar Artgenossen ein stattliches Grüppchen. Locker verteilt, werden wir hier gemeinsam alt. Sollten Sie aber einmal die Chance haben, im Herbst in einen reinen Buchenwald zu gehen, kann ich das nur empfehlen: Warten Sie, bis unsere Blätter sich gefärbt und wir etwa die Hälfte davon abgeworfen haben. Der Boden ist dann bedeckt mit bunten Blättern. Unsere astlosen Stämme ragen wie schnurgerade Säulen in die Höhe. Und unsere Kronen bilden ein farbenprächtiges Dach. Scheint dann noch die Sonne, ist das einfach überirdisch. Das ist der Moment, an dem Sie verstehen, was ich mit »Kathedrale des Waldes« meine.

Der Herbst ist auch die Zeit, um meine Früchte genauer zu betrachten. Sie sind dreikantig und als Bucheckern bekannt. Sie werden von Vögeln und Kleintieren verbreitet. Darf ich – wie hier im Drägerpark – relativ frei stehen, bleibt mein Stamm nicht kahl, sondern bildet bis tief hinunter Äste aus. Auch das sieht imposant aus. Vor allem, wenn ich im Alter rund 40 Meter hoch werde.

Eines kann ich hier vielleicht einmal aufklären: Mit der Hainbuche oder der Weißbuche bin ich nicht verwandt; sie gehören zur Familie der Birkengewächse. Ich bin aber ein Buchengewächs, was man daran erkennt, dass ich das Wort fagus im Namen trage. Wer es ganz genau wissen will: im Original heiße ich »fagus sylvatica« und in der Umgangssprache Rotbuche. Und jetzt kommt noch so ein Irrtum: Ich heiße nicht Rot-Buche, weil meine Blätter rot sind, sondern weil mein Holz so viele Rotanteile hat. Die mit den roten Blättern, das sind Blutbuchen – sie sind eine meiner Kulturvarianten.

Um noch einmal auf die »Kathedrale« zurück zu kommen: Wenn Sie diese live erleben wollen, brauchen Sie gar nicht so weit zu fahren, denn auch im östlichen Schleswig-Holstein finden Sie uns Rot-Buchen als Wald. Überhaupt fühle ich mich zwischen dem 40. und 60. Breitenrad am wohlsten. Will sagen: in ganz Europa und mit einer Vorliebe für die Ebenen und Mittelgebirge West- und Mitteleuropas. Anders formuliert: ich bin ein europäischer Charakterbaum. In einigen Büchern steht sogar zu lesen, dass Mitteleuropa ohne menschliche Eingriffe heute von Rotbuchen übersät wäre. In Deutschland wachse ich gerne als Reinbestand, aber auch als Mischwald im Verbund mit Fichten, Tannen oder Eichen. Insgesamt bewachse ich 20% der deutschen Gesamtwaldfläche und bin damit eine der am weitesten verbreiteten Laubholzarten überhaupt.

Kein Wunder also, dass ich auch das bedeutendste Nutz- und Industrieholz-Gewächs des Landes bin. Ich werde zu Furnieren, Fußböden und Möbeln verarbeitet und in den meisten deutschen Haushalten findet sich wohl irgendetwas aus Buchenholz. Im Möbelbau habe ich es sogar zum Status einer Design-Ikone gebracht: Der Tischlermeister Michael Thonet entwarf in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Stuhl, für den er mein Holz verwendete und es nach einem neuartigen Biegeverfahren verarbeitete. In der Industrie ende ich heute leider am häufigsten als Palette. Die sind zwar auch nützlich – aber in einer Waldkathedrale fühle ich mich eindeutig wohler.

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