„Gab es hier eigentlich viele Gräber?“
„Ja.“
„Auch innerhalb der Kirche?“
„Vor allem in hier überall im Kircheninneraum.“
Wer heute durch die Marienkirche geht, denkt selten daran, dass sich unter den eigenen Füßen über Jahrhunderte hinweg ein Ort der Bestattung befand. Dabei gehörte der Kirchenraum lange Zeit ganz selbstverständlich auch den Toten. Und genau diesen Aspekt der Geschichte von St. Marien beginnen wir nun, Schritt für Schritt freizulegen.
Bereits mehrfach wurde das Umfeld der Marienkirche – insbesondere der Marienkirchhof – archäologisch untersucht. Dabei traten neben Spuren ehemaliger Nebengebäude vor allem Körpergräber und Knochengruben zutage. Im Gegensatz dazu blieb der Innenraum der Kirche bis heute weitgehend unerforscht.
Die wenigen Einblicke, die wir bislang haben, gehen im Wesentlichen auf zwei unterschiedliche Eingriffssituationen zurück: Zum einen auf vereinzelte Beobachtungen aus der Nachkriegszeit, zum anderen auf einen größeren baulichen Eingriff in den 1970er Jahren in der Briefkapelle. Gerade diese Maßnahme liefert die bislang wichtigsten archäologischen Hinweise aus dem Kircheninneren. Im Zuge umfassender Instandsetzungsarbeiten – darunter die Verlegung von Leitungen und die Absenkung des Bodenniveaus – kamen hier zwei Erdgräber und fünf Gruftanlagen zum Vorschein. Die datierbaren Bestattungen reichen überwiegend vom 14. bis ins 18. Jahrhundert. Zeitgleich konnten Mauerzüge identifiziert werden, die zur frühgotischen Hallenkirche gehören – dem direkten Vorgängerbau der heutigen Basilika.
Die Nachkriegseingriffe verfolgten hingegen ein anderes Ziel. Fotoaufnahmen aus dieser Zeit zeigen, dass insbesondere im Bereich der Pfeiler des Hauptschiffs stellenweise sehr tief in den Untergrund eingegriffen wurde. Es kann vermutet werden, dass diese Maßnahmen im Zusammenhang mit statischen Untersuchungen standen: Nachdem beim Bombenangriff große Teile des Gewölbes und des Daches eingestürzt waren, musste geprüft werden, ob die tragenden Pfeiler und ihre Fundamente weiterhin standsicher waren – sowohl für provisorische Sicherungen als auch für den späteren Wiederaufbau.
Diese Eingriffe lassen sich noch heute im Befund nachvollziehen. In genau diesen Bereichen stoßen wir bei den aktuellen Untersuchungen wiederholt auf massive Betonverfüllungen, die als Relikte dieser Sicherungs- und Wiederaufbaumaßnahmen interpretiert werden können. Sie überlagern die älteren archäologischen Schichten und zeigen, wie stark die jüngere Baugeschichte in den Untergrund eingegriffen hat.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie lückenhaft unser bisheriges Bild vom Kircheninneren eigentlich ist – und genau hier setzen die aktuellen Untersuchungen an.
Erst jetzt ändert sich diese Situation grundlegend. Für neue Heizkanäle entlang der Kapellenwände, der Seitenschiffe und im Chroumlauf mussten wir den Untergrund archäologisch untersuchen – und genau dabei kamen sie zum Vorschein: Gräber und Grüfte mitten in St. Marien. Die aktuellen Arbeiten zeigen, wie umfassend der Innenraum von St. Marien tatsächlich als Begräbnisstätte genutzt wurde – weit mehr, als es der heutige Eindruck vermuten lässt.
Doch mit jedem neu freigelegten Grab wachsen auch die Fragen. Wer waren die Menschen, die hier bestattet wurden? Nach welchen Kriterien wurde entschieden, wer innerhalb der Kirche seine letzte Ruhe fand – und wo genau hatten die Hanseeliten ihre letzte Ruhestätte? Und was verraten uns diese Bestattungen über die soziale Ordnung, den Glauben und den Umgang mit dem Tod in der mittelalterlichen Stadt?
Antworten darauf liegen nicht nur in den Gräbern selbst, sondern auch in ihrer Umgebung. Denn der Boden von St. Marien erzählt mehr als nur eine Geschichte – Schicht für Schicht bewahrt er die Spuren vergangener Jahrhunderte. Und genau dort setzen wir an. Im nächsten Teil von „Die Toten von St. Marien“ gehen wir den Fragen weiter auf den Grund.