11.05.2026

Die Toten von St. Marien – Teil II

„Woran erkennt man eigentlich, dass hier früher Menschen bestattet wurden?“

„An den Strukturen im Boden – etwa an Grüften oder Särgen und den menschlichen Überresten, die sich darin finden.“

„Und wenn die Toten fehlen?“

„Dann wird es spannend. Dann müssen wir herausfinden, was mit ihnen geschehen ist.“

Dass St. Marien über lange Zeit hinweg als Begräbnisstätte diente, lässt sich nicht allein an den aktuell freigelegten Grüften ablesen. Auch in Bereichen, die derzeit nicht untersucht werden, belegen bildliche und historische Quellen eine intensive Nutzung des Kirchenraums für Bestattungen.

Ein besonders anschaulicher Hinweis findet sich auf Fotografien, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen wurden. Sie zeigen Grabplatten, die einst die Lage der Grüfte im Kircheninneren markierten – wie es in vielen Kirchen üblich war. Ein Großteil dieser Platten, meist aus gotländischem oder Öland-Kalkstein gefertigt, zerbarst während der Bombardierung unter der enormen Hitze und den herabstürzenden Teilen des Kirchendachs. Beim Wiederaufbau der schwer beschädigten Kirche wurden zudem zahlreiche Kalksteinplatten aus dem Innenraum entfernt. Ihre ursprüngliche Menge weist jedoch auf eine hohe Dichte an Bestattungen hin – auch an Stellen, an denen heute keine Gräber mehr sichtbar sind.

Diese Einschätzung wird durch die aktuellen Untersuchungen im Chorbereich eindrücklich bestätigt: Dort treten gegenwärtig große, aufwendig gestaltete Grabplatten des 17. Jahrhunderts zutage, unter denen sich zugehörige Grüfte befinden. Die Befunde zeigen, dass bereits in einer Tiefe von etwa 40 cm unterhalb des heutigen Laufhorizonts mit Bestattungsstrukturen zu rechnen ist – ein Befund, der die Aussagen der historischen Quellen zur intensiven Nutzung gerade dieses Bereichs des Kirchenraums in bemerkenswerter Weise untermauert.

Diese Grabplatten erfüllten dabei weit mehr als nur eine praktische Funktion. Ursprünglich dienten sie zwar dem Schutz der darunterliegenden Bestattungen, entwickelten sich jedoch schnell zu wichtigen Informationsträgern. Inschriften mit Namen und Sterbedaten markierten nicht nur die Grabstelle, sondern erinnerten zugleich an die Verpflichtung der Lebenden, für die Verstorbenen zu beten. Formulierungen wie „orate pro eo“ oder „Biddet Gott vor se alle“ machten die Grabplatte zu einem sichtbaren Bestandteil der Memorialkultur.

Zugleich spiegeln die Platten den Wandel religiöser Vorstellungen wider: Während im Mittelalter die Fürbitte im Zentrum stand, treten nach der Reformation zunehmend persönliche Glaubensbekenntnisse oder später auch rein weltliche Erinnerungsformen in den Vordergrund. Auch ihre Nutzung war dynamisch: Grabstellen waren keineswegs immer dauerhaft vergeben. Wurden Nutzungsrechte aufgegeben oder liefen Fristen ab, konnten Platten neu bearbeitet, umgewidmet und erneut verwendet werden – in Einzelfällen sogar mehrfach. Entsprechend finden sich in historischen Quellen häufig Hinweise darauf, dass Personen „unter dem Stein“ eines Familienmitglieds beigesetzt wurden. Die Grabplatte fungierte somit als sichtbarer Zugang zu einem darunterliegenden, oft über Generationen genutzten Bestattungsraum.

Archäologische Befunde zeigen zudem, dass solche Platten in vielen Fällen so in den Fußboden eingelassen waren, dass sie bei Bedarf wieder aufgenommen werden konnten. Dies war notwendig, um Nachbestattungen durchzuführen oder bestehende Grablegen erneut zu nutzen – ein Hinweis darauf, dass der Kirchenraum als dicht belegter und langfristig organisierter Bestattungsort funktionierte.

Bestattungen innerhalb von Kirchen waren im christlichen Abendland über Jahrhunderte hinweg verbreitet. Besonders begehrt waren Grabplätze in der Nähe des Altars, da man sich von ihnen eine stärkere Teilhabe an den Gebeten und liturgischen Handlungen versprach – und damit bessere Aussichten auf das Seelenheil. Zugleich spiegelte der Bestattungsort den sozialen Rang der Verstorbenen wider: Je angesehener und wohlhabender eine Person war, desto prominenter fiel in der Regel ihr Platz im Kirchenraum aus.

Die bisherigen Grabungen zeigen, dass sich diese Praxis auch in St. Marien deutlich nachvollziehen lässt. Die freigelegten Gräber und Grüfte sind nicht zufällig im Innenraum verteilt, sondern Teil eines über lange Zeit gewachsenen, strukturierten Belegungssystems.