01.04.2026

Vergangenheit wird sichtbar

Unter dem Boden von St. Marien wird derzeit sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt. Wer die Kirche besucht, hat aktuell die Möglichkeit, Archäologie unmittelbar vor Ort zu erleben – und die freigelegten Grabungsschnitte im Original zu betrachten.

Mit den neu installierten, beleuchteten Informationstafeln erhält der Kirchenraum eine erste, übergeordnete Einführung in die laufenden Ausgrabungen – und in ihre Bedeutung für die Geschichte der Stadt. Sie bilden bewusst den Auftakt: einen Einstieg, der den Blick lenkt und die archäologischen Arbeiten ebenso einordnet wie die besonderen Befunde, die hier freigelegt werden. Die Umsetzung der Tafeln sowie die bewusste Sichtbarmachung der Grabung erfolgen dabei in enger Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde.

Von dort aus führt der Weg direkt zu den geöffneten Grabungsflächen. Die einzelnen Schnitte bleiben nun bis Ende des Jahres sichtbar und werden jeweils durch eigene Beschilderungen ergänzt. So entsteht ein Zusammenspiel aus Überblick und Detail: Während die Einführungstafeln den historischen und archäologischen Rahmen aufspannen, erschließen die begleitenden Hinweise vor Ort die konkreten Befunde – genau dort, wo sie freigelegt wurden.

Für uns als Archäologinnen ist diese Form der Präsentation ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. Es ist uns wichtig, die Grabung nicht nur zu dokumentieren, sondern sie auch verständlich und zugänglich zu machen. Indem die Befunde offen einsehbar bleiben, wird Archäologie als Prozess erfahrbar: als sorgfältiges Freilegen, Einordnen und Interpretieren. Besucherinnen und Besucher können so eigene Eindrücke gewinnen und Zusammenhänge unmittelbar vor Ort nachvollziehen.

Gerade für Lübeck ist diese Sichtbarmachung von besonderer Bedeutung. Die Ausgrabungen unter St. Marien betreffen nicht nur einzelne Befunde, sondern einen zentralen Teil des kulturellen Erbes der Stadt. Sie geben Einblick in die Entwicklung des Kirchenraums, in Bestattungspraktiken und in die sozialen Strukturen vergangener Jahrhunderte. Für Gäste wie für Lübeckerinnen und Lübecker entsteht so ein direkter Zugang zur Geschichte – nicht über abstrakte Darstellungen, sondern im unmittelbaren Blick auf originale Substanz.

Einblicke in archäologische Grabungen sind grundsätzlich möglich – doch nicht immer stehen sie so unmittelbar und nachvollziehbar zur Verfügung wie hier. Umso bewusster haben wir uns dafür entschieden, die laufenden Arbeiten sichtbar zu machen. Denn nur durch diese Offenheit wird greifbar, wie archäologische Erkenntnisse entstehen: Schicht für Schicht, Befund für Befund. So lässt sich nicht nur das Ergebnis verstehen, sondern auch der Weg dorthin – und damit die Bedeutung dessen, was unter unseren Füßen bewahrt ist.

Perspektivisch wird daran gearbeitet, zumindest Teile dieser Einblicke über die Bauphase hinaus zu erhalten. Ziel ist es, das derzeit Sichtbare nicht vollständig wieder verschwinden zu lassen, sondern dauerhaft zugänglich zu machen.

Nutzen Sie die Gelegenheit und kommen Sie vorbei – ein Blick in die Grabung vor Ort eröffnet Perspektiven, die sich so nur selten erschließen.