Veröffentlicht am 31.03.2026

Demografie und Konflikte in der Lübecker Statistik

Zuwanderung im erwerbsfähigen Alter stabilisiert Lübecks Bevölkerung und Arbeitsmarkt

Bevölkerung mit Migrationshintergrund am 31.12.2025 nach Bezugs- und Konfliktländern

Wie wirken sich internationale Konflikte auf die Bevölkerungsentwicklung der Hansestadt Lübeck aus? Die Hansestadt Lübeck verzeichnet nicht nur den höchsten Bevölkerungsstand seit 1978, sondern auch einen Höchststand bei den sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Rund 15 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund mit Bezug zu einem Konfliktland – also zu einem Staat, in dem zwischen 1997 und 2025 mehr als 50 konfliktbedingte Todesfälle je eine Million Einwohner:innen registriert wurden (UN 2024; ACLED).

Die neue Ausgabe der Statistischen Nachrichten Nr. 71 der Hansestadt Lübeck analysiert unter dem Titel „Demografie und Konflikte“ die Wechselwirkungen zwischen globalen Krisen und lokalen Wanderungsbewegungen. Grundlage sind Auswertungen des Melderegisters der Hansestadt Lübeck sowie internationale Konfliktdaten des Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) und Bevölkerungsdaten der United Nations. Die Veröffentlichung untersucht insbesondere Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund und Bezug zu Iran (1.071 Personen), Ukraine (4.484) und Syrien (4.651) in Zeitreihen und kleinräumiger Differenzierung nach statistischen Bezirken.

Höchster Bevölkerungsstand seit 1978

Zum 31. Dezember 2025 erreichte Lübeck laut Melderegister mit 223.261 Einwohner:innen den höchsten Bevölkerungsstand seit 1978. Gegenüber dem Vorjahr wuchs die Bevölkerung um 105 Personen. Ausschlaggebend war eine positive Wanderungsbilanz: 11.709 Zuzüge standen 10.105 Fortzügen gegenüber – ein Überschuss von plus 1.604 Personen. Damit wurde das anhaltende Geburtendefizit ausgeglichen. Die natürliche Bevölkerungsbewegung blieb mit minus 1.471 Personen negativ – ein Trend, der bereits seit 1969 besteht.

1.600 Kinder wurden 2025 geboren (durchschnittlich 4,4 pro Tag), 3.071 Personen verstarben (8,3 pro Tag). Die Geburtenrate lag bei 1,1 Kindern je Frau. Die geburtenstärksten Tage waren der 19. Juni und der 28. Juli mit jeweils elf Neugeborenen. Besonders bedeutsam ist, dass die Wanderungsgewinne vor allem jüngere und erwerbsfähige Altersgruppen betreffen. Der Wanderungssaldo der 15- bis 64-Jährigen lag 2025 bei plus 1.418 Personen, darunter plus 1.198 Ausländer:innen. Allein die 18- bis 29-Jährigen erzielten einen Überschuss von plus 1.253 Personen (plus 821 Ausländer:innen). Die Zuwanderung konzentriert sich damit stark auf das Ausbildungs-, Studien- und frühe Erwerbsalter und wirkt dem demografischen Alterungsprozess entgegen.

 

Diese Entwicklung spiegelt sich inzwischen auch deutlich am Arbeitsmarkt wider: Zum 30. Juni 2025 erreichte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Wohnort mit 85.939 Personen einen neuen Höchststand. Am Arbeitsort lag sie sogar bei 106.836 Personen. Über 13,4 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Wohnort und 13,5 Prozent am Arbeitsort haben eine ausländische Staatsangehörigkeit (Bundesagentur für Arbeit 2026). Gleichzeitig liegt der Anteil ausländischer Personen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bei 17,5 Prozent. Die Daten zeigen damit, dass internationale Zuwanderung nicht nur die Bevölkerungszahl stabilisiert, sondern auch das Arbeitskräftepotenzial Lübecks stärkt.

Geburtsorte der Lübecker Bevölkerung

Die Herkunftsstruktur Lübecks ist zugleich lokal und international geprägt: Rund 41 Prozent der Bevölkerung wurden in Lübeck geboren. Es folgen Hamburg (3,5 Prozent), Eutin (1,8 Prozent), Berlin (1,1 Prozent), Bad Oldesloe (1,1 Prozent) und Kiel (1 Prozent). Unter den 50 häufigsten Geburtsorten finden sich auch Aleppo (Syrien), Damaskus (Syrien), Zakho/Zaxo (Kurdistan/Irak), Teheran (Iran), Kabul (Afghanistan), Kiew (Ukraine) und Hasaka (Syrien).

Konflikte als Treiber internationaler Zuwanderung

Insgesamt 33.416 Personen (15 Prozent) haben einen Migrationshintergrund mit Bezug zu einem Konfliktland. Seit 2014 ergibt sich für diese Bevölkerungsgruppe – unter Berücksichtigung von Geburten, Sterbefällen sowie Zu- und Fortzügen – ein durchschnittlicher jährlicher Zuwachs von rund plus 1.124 Personen.

Die Analyse zeigt deutlich, dass bewaffnete Konflikte und Kriege seit 2014 einen erheblichen Einfluss auf die internationale Zuwanderung nach Lübeck haben. Besonders sichtbar wurde dies während des syrischen Bürgerkriegs ab 2011 sowie nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. In beiden Fällen stiegen die Zuzüge aus den betroffenen Staaten deutlich an.

Während vor 2014 vergleichsweise wenige Menschen aus klassischen Konfliktregionen nach Lübeck kamen, erreichten die Wanderungszahlen 2015/2016 sowie erneut ab 2022 deutlich höhere Werte. Die Untersuchung zeigt zudem, dass internationale Krisen nicht nur kurzfristige Ausschläge in der Wanderungsstatistik verursachen, sondern auch langfristig Alters- und Bevölkerungsstrukturen verändern.

Zuwanderung aus Konfliktstaaten trug in mehreren Jahren entscheidend dazu bei, das negative natürliche Saldo auszugleichen. Ohne diese Wanderungsgewinne wäre die Bevölkerungszahl nicht gewachsen. Gleichzeitig ist die Zuwanderung überwiegend durch jüngere Altersgruppen geprägt, was den demografischen Alterungsprozess abmildert.

Bevölkerungswachstum durch Ausländer:innen

Der Bevölkerungszuwachs im Jahr 2025 ist vor allem auf die steigende Zahl ausländischer Staatsangehöriger zurückzuführen (plus 797 Personen), während die Zahl deutscher Staatsangehöriger leicht zurückging. Der Anteil der Ausländer:innen erhöhte sich auf 14,9 Prozent (33.280 Personen).

Die größten ausländischen Bevölkerungsgruppen stammen aus der Türkei (1,9 Prozent), der Ukraine (1,7 Prozent), Syrien (1,5 Prozent) und Polen (1,1 Prozent). Besonders starke Zuwächse verzeichneten Ukraine (plus 10,9 Prozent), Indien (plus 36 Prozent) und Afghanistan (plus 7,3 Prozent), während die Zahl der Personen aus Irak, Bulgarien und Polen zurückging.

Räumlich konzentrieren sich höhere Ausländer:innenanteile auf einzelne Stadtbezirke. Blankensee weist mit 38,3 Prozent den höchsten Anteil auf, gefolgt von Alt-Moisling (26,5 Prozent) und Buntekuh (22,8 Prozent). In Buntekuh leben mehr Menschen mit (52,2 Prozent) als ohne Migrationshintergrund.

Stadtweit haben 45,1 Prozent der unter 18-Jährigen einen Migrationshintergrund. Den niedrigsten Anteil verzeichnet Travemünde mit 21,3 Prozent.

Lübecks Bevölkerung wird älter

Die Altersstruktur verschiebt sich in Richtung einer älteren Bevölkerung. Die Zahl der Personen ab 65 Jahren sowie der Hochaltrigen stieg erneut. Die Gruppe der über 85-Jährigen erreichte mit 9.747 Personen (4,4 Prozent) einen historischen Höchststand. Das Durchschnittsalter lag bei 45,0 Jahren (Frauen: 46,5 Jahre; Männer: 43,4 Jahre). Der Anteil der 18- bis 64-Jährigen blieb mit 61,7 Prozent weitgehend stabil.

Die zusammengefasste Geburtenziffer verharrte bei 1,1 Kindern je Frau – dem niedrigsten Wert seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1928. Für eine langfristige Bestandserhaltung ohne Zuwanderung wären 2,1 Kinder je Frau erforderlich. Das durchschnittliche Alter der Mütter bei Geburt lag bei 31,0 Jahren, dass der Väter bei 34,6 Jahren.

Mehr Haushalte durch Singularisierung

Die Zahl der Haushalte stieg auf 127.127. Mehr als die Hälfte (54,5 Prozent) sind Einpersonenhaushalte – ein Ausdruck zunehmender Singularisierung. Der Anteil der Alleinerziehenden lag bei 4,5 Prozent aller Haushalte und ging leicht zurück.

Konfliktmigration ist ein vielschichtiges Thema

Die Daten zeigen sehr deutlich: Lübecks Bevölkerungsentwicklung wird längst nicht mehr nur durch Geburten und Sterbefälle bestimmt. Entscheidend ist, dass insbesondere junge und erwerbsfähige Menschen nach Lübeck ziehen. Das stabilisiert nicht nur die Einwohnerzahl, sondern stärkt auch den Arbeitsmarkt und das Fachkräftepotenzial unserer Stadt.

Die Statistischen Nachrichten betonen, dass Konfliktmigration ein vielschichtiges Thema ist. Wanderungsentscheidungen werden von politischen, wirtschaftlichen und individuellen Faktoren beeinflusst. Die empirische Auswertung zeigt jedoch einen klaren Zusammenhang zwischen eskalierenden Gewaltkonflikten und steigenden Zuzugszahlen aus den betroffenen Staaten. Die Veröffentlichung leistet damit einen mit konkreten Zahlen belegten Beitrag zur Versachlichung der Debatte über Flucht, Migration und kommunale Auswirkungen.

Bedeutung für kommunale Planung

Die Ergebnisse sind für zahlreiche kommunale Handlungsfelder relevant – insbesondere für Integrationsplanung, Bildungsinfrastruktur, Wohnungsmarkt und soziale Dienstleistungen.

„Internationale Krisen bleiben nicht abstrakt. Sie werden auch in der Bevölkerungsstatistik einer Stadt wie Lübeck sichtbar“, erklärt Jan Lindenau, Bürgermeister der Hansestadt Lübeck. „Eine faktenbasierte Analyse hilft, Entwicklungen einzuordnen und langfristig tragfähige Planungen vorzunehmen.“

Die Statistischen Nachrichten Nr. 71 – Bevölkerung und Konflikte sind online abrufbar unter www.luebeck.de/statistik

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