Veröffentlicht am 13.12.2022

Archiv der Hansestadt Lübeck veröffentlicht Übersicht der Familienarchive online

Von Aereboe bis Zuhr: Rund 350 private Dokumentensammlungen erlauben einen individuellen Einblick in persönliche Lebensgeschichten

Postkarte und Schreiben Erich Mühsams an seine Schwester Charlotte

Vom Nachlass des Lübecker Malers Albert Aereboe (1889–1970) bis zu den Erinnerungen des Lotsenkommandeurs Simon Caspar Gotthard Zuhr aus Travemünde: Das ist die Spannbreite der rund 350 Familienarchive, die im Archiv der Hansestadt Lübeck verwahrt werden. In ihrer Aussagekraft und ihrem Abwechslungsreichtum sind diese von unschätzbarem Wert nicht nur für die Familien selbst. In ihnen finden sich Memoiren, Tagebücher, Briefkorrespondenzen, Reiseberichte, Fotosammlungen, Gedichte und unveröffentlichte Romane, aber auch wissenschaftliche Materialsammlungen. Ab sofort ist neben einer kurzen Erläuterung der Familiengeschichte auch eine Inhaltsübersicht der jeweiligen Dokumentsammlungen online unter http://www.stadtarchiv-luebeck.findbuch.net abrufbar. Anhand der Verzeichnisse der einzelnen Familienarchive können die Originalschriftstücke im Lübecker Archiv zur Einsicht vorbestellt werden, was die gezielte Recherche erheblich erleichtert.

Schriftgut vom 15. bis ins 21. Jahrhundert

Die Lübecker Nachlässe und Familienarchive umfassen den bemerkenswerten Zeitraum vom 15. bis ins 21. Jahrhundert und das Schriftgut unterschiedlichster Berufsgruppen. Von welcher Vielfalt Gestalt und Inhalt dieser Quellen sind, ist anhand einzelner Nennungen kaum aufzuzeigen, wie die nachfolgenden zwei Beispiele zeigen:

Das Familienarchiv der jüdischen Familien Mühsam und Landau beinhaltet unter anderem Dokumente des Apothekers und Bürgerschaftsmitgliedes Siegfried Mühsam, seiner Tochter Charlotte Landau, geborene Mühsam, eine der ersten weiblichen Bürgerschaftsmitglieder sowie in kleinem Umfang seines Sohnes, des Schriftstellers Erich Mühsam. Es reflektiert in einmaliger Weise das Leben und Wirken einer politisch aktiven, lübeckischen Familie Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Nationalsozialismus.

Von ganz anderer Natur, doch nicht weniger spannend ist das 400 Seiten umfassende Manuskript des Seefahrenden Paul Schütt, geboren 1873, in Lübeck. Er dokumentierte seine außergewöhnlichen Lebenserinnerungen, vor allem seine Seereisen weltweit, tagebuchartig und ergänzte sie durch äußerst frühe Fotoaufnahmen. Dieser Nachlass ist sicherlich eine reichhaltige Quelle auch für Völkerkundler.

Private Archive ergänzen behördliches Schriftgut

Private Archive sind vielfach subjektiv in ihrer Sichtweise auf die Welt, sie erlauben dadurch individuelle Blicke hinter die Kulissen. Sie ergänzen in hervorragender Weise das im Archiv verwahrte behördliche Schriftgut. Diese unglaublich vielförmige Quellengattung erfreut sich in der historischen Forschung und bei Familienforschern, Publizisten, Heimatforschern als auch in Schülerprojekten großer Beliebtheit. Das Interesse an diesen Dokumenten zeigt darüber hinaus einen Perspektivwechsel in der Geschichtswissenschaft auf, diese wendet sich zunehmend von großen Struktur- und Systemthemen hin zum einzelnen Mensch, der als Individuum und Gruppe wieder mehr in den Focus genommen wird.

Nachlasse von Lübecker:innen

Real umfassen die Familienarchive die Gesamtmenge von mehr als 200 Regalmetern erlebter Geschichte das entspricht rund fünf Tonnen Papier. Zu verdanken ist dieser einzigartige Schatz vor allem den Lübecker:innen und ihrem Vertrauen, das sie in das Stadtarchiv haben; denn diese Materialien wurden dem Archiv von den Bürger:innen mit dem Anliegen übergeben, ihre Vergangenheit hier vor dem Vergessen zu bewahren und der geschichtsinteressierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.+++