Dienstag 18.01.2022 Text vorlesen (ReadSpeaker) Text vorlesen (ReadSpeaker) Suche Suche MenüSchließen

Veröffentlicht am 12.01.2022

Lübecker Reformarchitektur schuf vorbildliche Bauten

Bausenatorin Joanna Hagen und Professor Joachim Heise entdecken Bauten aus der Vorkriegszeit beim Stadtspaziergang

Professor Joachim Heisel und Senatorin Joanna Hagen (v.l.n.r.) mit dem Buch "Tradition und Modernität" auf einem Spaziergang zu ausgewählten Projekten der Reformarchitektur. (12. Januar 2021)

Lübeck rühmt sich zu Recht seiner mittelalterlichen Bausubstanz. Weitgehend unbekannt ist jedoch, dass hier auch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg vorbildliche Bauten entstanden. Es waren wirtschaftlich erfolgreiche Jahre, in denen große Veränderungen in der Altstadt stattfanden: Neue, größere Schulen, Verwaltungen und Geschäftshäuser wurden errichtet. Baudirektor Johannes Baltzer und dessen Mitarbeiter Carl Mühlenpfordt, aber auch freie Architekten realisierten in der Altstadt und in den Vorstädten eine Reihe von Bauten und städtebaulichen Projekten, die damals in Deutschland als richtungsweisend galten. Joachim Heisel, Professor an der TH Lübeck, hat nun erstmals die Planungen und Bauten der sogenannten Reformarchitektur in seinem Buch „Tradition und Modernität - Reformarchitektur in Lübeck“ zusammenfassend gewürdigt.

Das Erscheinen Buchs war auch Anlass für Senatorin Joanna Hagen, sich zusammen mit dem Autor auf die Spuren der Reformarchitektur in Lübeck zu begeben. Auf einem Spaziergang zu ausgewählten Projekten dieser Epoche war man sich einig, dass viele Leitlinien der Reformarchitekten auch heute noch aktuell sind. „Vorbildlich ist nach wie vor die Art und Weise, wie sich die neuen Bauten in das Bild der Altstadt einfügen, ohne historische Baustile zu kopieren“, meint Senatorin Hagen. „Viele dieser zurückhaltend gestalteten Bauten fallen erst beim zweiten Blick auf, dann erkennt man deren große Qualitäten im Detail“, ergänzt Prof. Heisel. Das bekannteste Beispiel sei sicher die Ernestinenschule von 1904 am Koberg, aber man solle sich unbedingt auch mal das Gemeindehaus an der Kreuzgang Großen Petersgrube und Kolk sowie das Hauptzollamt an der Untertrave 54 – beide von 1910 – in Ruhe anschauen. Wie sehr Baudirektor Baltzer darauf achtete, das Bild der historischen Stadt behutsam weiterzuentwickeln, wurde auf dem Spaziergang noch einmal auf dem Gelände des ehem. St.-Johannis-Klosters deutlich, wo ab 1904 das Jungfernstift, das Johanneum und die alte Feuerwache den östlichen Stadtrand bilden. Heisel ist noch heute von den Bauten dieser Epoche angetan und verweist darauf, dass zum Denkmaltag 1908 Fachleute aus den ganzen Deutschen Reich nach Lübeck kamen, um sich von dem hier Erreichten inspirieren zu lassen.

Senatorin Hagen ist noch etwas Anderes wichtig: „Auch außerhalb der Altstadtinsel entstanden damals vorbildliche Projekte, etwa die Heilanstalt Strecknitz, der Vorwerker Friedhof mit seinen Bauten, die Heimstädten-Siedlung und viele Bauten im Umfeld des Stadtparks und des Moltkeplatzes“.

Prof. Heisel ist überzeugt: „Wer nach Konzepten für qualitätsvolle Wohngebiete als Alternative zu Einfamilienhausgebieten sucht, der muss sich die Bebauung zwischen der Strohkatenstraße und der Straße Bei der Wasserkunst anschauen.“ Der Spaziergang geht dort durch die 1907 breit angelegte Hohelandstraße mit ihren großen Häusern und alten Bäumen und zurück über die schmalere Rotlöscherstraße von 1913 mit ihren gepflegten Vorgärten. Die individuell gestalteten Häuser reihen sich zu geschlossenen Straßenzügen und erzeugen ein städtisches und abwechslungsreiches Straßenbild. Auch Senatorin Hagen ist von der Konzeption angetan: „Diese Art zu Bauen hat ja in der Altstadt seit Jahrhunderten Tradition und ist heute noch sehr gefragt.“

In Kücknitz entstand in Folge des Hochofenwerks ab 1909 ein neuer Stadtteil, der mit Marktplatz, Kirche und Schule eine Mitte erhielt, die auch heute noch das Zentrum des Stadtteils bildet. „Es ist eine der qualitätsvollsten und nachhaltigsten Stadtplanungen in Schleswig-Holstein im 20. Jahrhundert“, schwärmt Prof. Heisel und erläutert wie durch Anordnung und Ausformung der Gebäude und der Straßen sowie durch die Wahl von Formen und Materialen ein Ort mit starkem eigenem, aber auch unübersehbar lübeckischem Charakter geschaffen wurde. „Man muss nicht immer weit fahren, um gute Anregungen zu bekommen - es hilft auch, sich die Zeit zu nehmen, um die eigene Stadt in Ruhe zu betrachten“, bilanziert Frau Hagen die Exkursion in die jüngere Architekturgeschichte Lübecks.

Das Buch von Joachim Heisel „Tradition und Modernität - Reformarchitektur in Lübeck, Darmstadt 2021“ ist unter ISBN 978-3-534-40591-6, für 30 Euro im Buchhandel erhältlich. +++