Samstag 25.09.2021 Text vorlesen (ReadSpeaker) Text vorlesen (ReadSpeaker) Suche Suche MenüSchließen

Veröffentlicht am 07.09.2021

Die Lübecker Archäologie entdeckt Torte als Zeitzeuge des Luftangriffs

Ein ganzes Kaffeeservice lag zwischen Trümmerteilen im Keller

Lisa Renn (links) und Doris Mührenberg (rechts) inspizieren den beim Luftangriff 1942 verschütteten Fund. Im Vordergrund sind die Verzierungen aus Zucker gut zu erkennen am hinteren Ende ist die Torte immer noch in Wachspapier eingeschlagen.

Palmsonntag 1942 – der Luftangriff auf Lübeck. Dies ist das Ausgangsszenario für einen sehr ungewöhnlichen archäologischen Fund, den die Abteilung Archäologie der Hansestadt zu Füßen der Marienkirche in der oberen Alfstraße bei Schachtsetzungen vor wenigen Wochen freilegte. Es handelt sich um eine ganze Torte. Das fein mit Glasur, Randverzierungen und Spritzdekor versehene Backwerk ist nahezu unversehrt und war sorgsam in Wachspapier eingeschlagen. „Sie ist zwar stark verkohlt und äußerlich rußgeschwärzt“ berichtet Lisa Renn, Ausgrabungsleiterin Vorort, „doch durch die Hitze auf nur noch ein Drittel ihrer ursprünglichen Höhe zusammengeschrumpft“.  Wie durch ein Wunder ist sie aber noch im Detail und in all ihren Facetten erkennbar.

Durch den Luftangriff zerstörte, herabstürzende Bauelemente haben scheinbar einen Teil des Erdgeschosses des ehemaligen Hauses Alfstraße 18 in den Keller abrutschen lassen. Hier befand sich auch die Küche und in dieser auch die Torte, die - von Schuttteilen umgeben und abgedeckt - somit vor der Zerstörung geschützt wurde. Es ist momentan das einzige archäologisch freilegte Feingebäck seiner Art in Norddeutschland und ein überaus bedeutsamer Fund - vor allem für die Hansestadt. Und er trat nicht allein auf: Neben der Torte lag ein ganzes Kaffeeservice, das sicherlich für die private Kaffeetafel am betreffenden Palmsonntag gedacht war.  „Um den Geheimnissen der Torte noch weiter auf den Grund zu gehen, wurden Proben der Füllung und der Glasur im Labor untersucht“ so Dr. Dirk Rieger, Leiter der Archäologie. Die ersten Untersuchungen bestätigen, dass es sich um eine Nusstorte mit Krokant-Ummantelung handelt.

In dem zerstörten Haus in Alfstraße wohnte unter anderem ein Lübecker Kaufmann namens Johann Hitze, das geht aus alten Stadtbüchern hervor. Gut möglich, dass er oder seine Familie die Torte und das Kaffeeservice besaß und für eine anstehende Festivität vorsah - vielleicht sogar für eine Konfirmation, die klassischerweise an Palmsonntagen durchgeführt wurde und die am folgenden Tag hätte stattfinden sollen? So stellt der Fund der Lübecker Torte eine ganz private, fast intime Verbindung zu dem in der Geschichte so einschneidenden Tag der Stadt dar.

Eine dramatische Geschichte wird greifbar

Das Bild der Ausgrabung und die fantastischen Funde lassen die Geschichte vor dem geistigen Auge ablaufen. Es steht alles für die Kaffeetafel des Palmsonntags bereit, das gute Geschirr, die Torte, auch an die musikalische Unterhaltung ist gedacht. „Es fanden sich mehrere Schelllackplatten für ein Grammophon“ erläutert Doris Mührenberg, die das archäologische Magazin betreut, „darunter auch Beethovens Mondscheinsonate op. 27 Nr. 2 und die Sinfonie Nr. 9: symphonie avec chœur en ré mineur“. Dann der Angriff, die Zerstörung, der Untergang. „Es hat 79 Jahre gedauert, bis diese besonderen Zeitzeugen, die auch allein durch ihre eigene Vergänglichkeit und fragile Materialität den direkten Moment der Zerstörung widerspiegeln, erneut ans Licht gekommen sind und von denen niemand wusste, dass sie überhaupt existieren“ fasst Dr. Rieger zusammen. Die Torte wird nach ihrer Konservierung ein weiteres Highlight der Lübecker Archäologie werden und zudem ein Ausstellungstück, dass es sonst so nirgends gibt. +++