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Veröffentlicht am 30.04.2021

Archäologen und Naturwissenschaftler erforschen Lübecker Pandemien

Viren und Bakterien in Skelettresten bestätigen Ausbrüche – Erkenntnisse in der heutigen Medizin von Nutzen

Zwischen Parkplatz und Langhaus des Heiligen-Geist-Hospitals wurden bei notwendigen Bodeneingriffen im Jahr 1991 sehr aufwendig mittelalterliche Massenbestattungen freigelegt. Nach 30 Jahren sind Forschung und Technik soweit, auch kleinste Geheimnisse um die Verstorbenen zu lüften.

Pandemien sind nicht Neues, das wissen wir mittlerweile alle nur zu genau. Auch im Mittelalter waren Ausbrüche von Infektionskrankheiten ständiger Begleiter im Leben der Menschen. Einige, wie die Pestwellen, haben es sogar bis heute in das Bewusstsein der Menschen geschafft. „Solche epidemischen und sogar auch pandemischen Ausbrüche, die Millionen Menschenleben gefordert haben, sind auch in den Ausgrabungen der Archäologie Lübecks nachzuweisen,“ so Dr. Dirk Rieger, Leiter der Abteilung Archäologie in der Hansestadt Lübeck. Bereits zu Anfang der 1990er Jahren wurden durch Umbaumaßnahmen am Heiligen-Geist-Hospital zu Lübeck einige Bodeneingriffe unumgänglich. Hier stieß die Archäologie Lübeck auf Reste mehrerer Massenbestattungen – insgesamt mehr als 1000 Skelette, verteilt auf nur wenige Quadratmeter Fläche. Die Lage als auch die schiere Masse an in kürzester Zeit verstorbener Menschen aller Altersstufen und Geschlechter ließ bereits noch zu Ausgrabungszeiten an eine hoch infektiöse Krankheit als Todesursache denken, allen voran an die große verbriefte Pestwelle von 1350. Jedoch datieren nicht alle der Massenbestattungen in dieselbe Zeit, zudem wurde Lübeck allein im 14. Jahrhundert von mindestens sechs „Pestilenzen“ heimgesucht.

Massenbestattungen am Heiligen-Geist-Hospital

Sowohl nach den archäologischen wie auch neu durchgeführten naturwissenschaftlichen Altersbestimmungen datiert eine Skelettserie in die Zeit, für die mit dem Jahr 1367 eine „horrible Pestilencia“ für Lübeck beurkundet wurde. Mit diesen Worten wurden oftmals sowohl lokale Epidemien als auch die damalige zusammenhängende Welt überspannende Pandemien bezeichnet, deren exakte Krankheiten man freilich noch nicht genau kannte. „Die Chroniken der Stadt Lübeck berichten, dass die Pestilencia viele Menschenleben gefordert hat aber erstaunlicherweise auf Lübeck beschränkt war“ bemerkt Prof. Gerhard Fouquet von der Universität Kiel. Aus diesem Grund wurde in Kooperation von der Archäologie Lübeck, dem Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, dem historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der Universität Göttingen und dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die DNS von insgesamt 92 Individuen extrahiert, sequenziert und dann naturwissenschaftlich wie historisch eingeordnet. Ziel war es festzustellen, ob sich pathogene DNS von Viren oder Bakterien in den Skelettresten erhalten hatten, die es ermöglichen, die genaue Todesursache festzustellen.

aDNS Sequenzierung bestätigt Pandemie

Molekularbiologe Prof. Ben Krause-Kyora erläutert: „Die Sequenzierungsergebnisse bestätigten für eines der Massengräber aus der Zeit um 1367 den Nachweis von Salmonella enterica subsp. enterica serovar Paratyphi C – folglich starben diese hier begrabenen Menschen an einer Typhuserkrankung, an der binnen kürzester Zeit hunderte Menschen an hohem Fieber und völliger Dehydration erlagen.“ Durch ein weiteres Screening der aus den Skeletten extrahierten Darmparasiten in einem Forschungsprojekt der Lübecker Archäologie und der Universität Oxford konnten diese neuen Ergebnisse zusätzlich gestützt werden. „Durch die typhusbedingte Diarrhö ließen sich im ehemaligen Magen-Darmtrakt der Verstorbenen keine solch spezifischen Parasiten mehr feststellen, im Gegensatz zu all den älteren Bestattungen, bei denen sich jedoch nirgends Typhus als Todesursache nachweisen ließ und die daher mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Pest starben“ ergänzt Dr. Rieger.

Typhusgenom aus dem Mittelalter rekonstruiert

Den Kieler Molekularbiologen gelang es in einem weiteren Schritt, drei der Paratyphus C-Genome vollständig zu rekonstruieren. „Obwohl Paratyphus C heut in Europa faktisch nicht mehr vorkommt“, berichtet Magdalena Haller, Doktorandin im SFB 1266 der Universität Kiel, „weisen die Resultate darauf hin, dass der Erreger in der Vergangenheit stärker verbreitet war und die Menschen in Lübeck vor erhebliche Herausforderungen gestellt hat.“ Dies ermöglicht den medizinhistorisch überaus bedeutenden Vergleich zu anderen, bekannten Typhus-Stämmen. Das Ergebnis ist sehr spannend, denn das Genom weist eine hohe Ähnlichkeit zu einem Typhusstamm auf, der aus der Zeit um 1200 in einem Gräberfeld in Bergen, Norwegen, entdeckt wurde. Diese Typhuspandemie hatte sich daher mutmaßlich von dort aus nach Süden über die damaligen Handelswege verbreitet. Auf ihrem Weg könnte der Typhus mutiert sein, veränderte so leicht das Genom und wurde möglicherweise hochinfektiöser. Wiederum schließt sich heute hier mit den neuen Varianten des Coronavirus der Kreis zur Geschichte.

Die Forschungskooperation hat gezeigt, dass hier schon die frühen Folgen einer Art Globalisierung im Mittelalter sich in den Gebeinen der Verstorbenen ablesen – je mehr Handelskontakte es gab, desto mehr wurden auch Krankheiten ausgetauscht. Ein Gutes hatte es allerdings, das uns allen auch Hoffnung bringen sollte: Die Gesellschaft des 14. Jahrhunderts hat auch diese Pandemie überstanden. Dr. Rieger blickt positiv in die Zukunft: „Diese Art der Untersuchungen bieten die Chance, die alten Genomen der Krankheiten, die durch die Archäologie und die Naturwissenschaften freigelegt, extrahiert und erforscht werden können, als wesentlichen Baustein für die modere Medizin der Zukunft zu nutzen.“ +++