Veröffentlicht am 10.03.2008

Die Nordtangente – Ein Jahrhundertbauwerk für Lübeck

Mit Inbetriebnahme der Eric-Warburg-Brücke gehen langgehegte Wünsche in Erfüllung

Mit der Eric-Warburg-Brücke ist am Montag, 10. März 2008, eines der wichtigsten Straßenbauprojekte der vergangenen Jahre in der Hansestadt Lübeck für den Verkehr freigegeben worden. Landes-Verkehrsminister Dietrich Austermann eröffnete am Vormittag, 10 Uhr, gemeinsam mit Bürgermeister Bernd Saxe und Bausenator Franz-Peter Boden in einem Festakt den neuen Brückenschlag über die Trave.

Mit der Verbindung der Einsiedelstraße auf der Westseite und der Neuen Hafenstraße auf dem Ostufer der Trave ist nach langen Jahren der Planung der Ausbau der Nordtangente zwischen der Autobahn A 1 und der Bundesstraße 75 weitgehend abgeschlossen und die bisherige Lücke im äußeren Tangentenring um die Lübecker Innenstadt beseitigt. Es wird erwartet, dass künftig bis zu 40 000 Fahrzeuge diese neue Brücke nutzen werden.

„Die Nordtangente wird zu einer deutlichen verkehrlichen Entlastung im Umfeld der historischen Altstadt führen“, sagte Austermann in seiner Ansprache vor dem symbolischen Durchschnitt des Absperrbandes. „Außerdem erwarte ich von dieser leistungsfähigen Hinterlandanbindung an die A 1 nachhaltige Impulse für die Entwicklung der Hafenwirtschaft, die dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit Lübecks gegenüber den anderen Ostseehäfen zu sichern und auszubauen.“

Auch für das Land sind der Bau der neuen Klappbrücke und deren Einbindung in das umgebende Straßennetz als bislang umfangreichstes Fördervorhaben im kommunalen Straßenbau eine große Herausforderung. Bereits im Dezember 2000 sind der Hansestadt Lübeck für das auf rund 72 Millionen Euro veranschlagte Projekt Fördermittel nach dem Gemeindeverkehrs-Finanzierungsgesetz (GVFG) und dem Finanzausgleichsgesetz (FAG) in Höhe von insgesamt rund 48 Millionen Euro zugesagt worden. Trotz der hohen Anforderungen an das Förderprogramm mit seinen jährlich etwa 400 Einzelprojekten konnten die bislang abgerufenen Fördermittel in Höhe von rund 29 Millionen Euro zeit- und bedarfsgerecht bereitgestellt werden.

Hintergrund: Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es in der Hansestadt Lübeck erste Überlegungen, die bestehenden Fährverbindungen über die Trave im Bereich der heutigen Nordtangente durch eine bewegliche Brücke zu ersetzen. 1884 war eine Drehbrücke vorgesehen, später eine Klappbrücke. 1908 lehnte die Bürgerschaft der Hansestadt Lübeck ein solches Verkehrsbauwerk ab. Während der beiden Weltkriege ruhte die Planung. Erst nach dem Wiederaufbau wurde in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dieses für die Stadt so wichtige Straßen- und Brückenbauvorhaben von dem Straßenbaulastträger, der Hansestadt Lübeck, Bereich Verkehr, erneut aufgegriffen und die Planungen vorangetrieben.

Warum ist gerade dieses Projekt so bedeutsam für Lübeck? Die Nordtangente ist Teil des weitgehend ausgebauten innerstädtischen Tangentenringes, der die A 1 Lübeck-Hamburg und die östlich und westlich der Lübecker Altstadt liegenden Stadtteile, Gewerbe- und Erholungsgebiete miteinander verbindet. Der Lückenschluss und wichtigste Baustein der Nordtangente ist die Querung der Trave, einer vielbefahrenen Bundeswasserstraße, durch eine neue bewegliche Brücke nördlich der Altstadtinsel. Sie verbindet die vorhandenen, aber umzubauenden Straßen Einsiedelstraße am Westufer und Neue Hafenstraße am Ostufer der Trave.

Die neue Flussquerung wird für die Lübecker Altstadt, die 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden war, zu der lang ersehnten Entlastung vom Durchgangsverkehr führen.

Im Grundsatz ist die Nordtangente als zweispurige Straße mit beidseitigen Geh- und Radwegen sowie Baumstreifen geplant. Eine Ausnahme bildet die Eric-Warburg-Brücke, die vierspurig mit jeweils einem drei Meter breiten kombinierten Geh- und Radweg vorgesehen ist. In den Zufahrtsbereichen der Eric-Warburg-Brücke ist bei Brückenöffnung mit Staubildung zu rechnen. Um einerseits den Stauraum zu vergrößern und andererseits Verkehr mit anderen Zielen an dem Stau vorbeiführen zu können, erhält die Nordtangente im Endzustand auf beiden Traveseiten zwei Fahrspuren Richtung Brücke.

Zum Brückentyp: 1994 sah die Planung eine Hubbrücke mit einer lichten Durchfahrtsbreite von rund 87 Metern und einer Hubhöhe von 47 Metern vor. Eine Brücke mit diesen Abmessungen hätte alle Forderungen erfüllt, die von Seiten des Hafens und der Schifffahrt an die Brücke gestellt wurden. Mit dieser Hubbrücke wurde für die insgesamt 1,3 Kilometer lange Nordtangente ein Gesamtinvestitionsbedarf von rund 124 Millionen Euro ermittelt. Dieser war nicht zu finanzieren. Insbesondere das Land Schleswig-Holstein als Hauptzuschussgeber forderte eine drastische Baukostenreduzierung.

Wieder setzte in der Hansestadt Lübeck eine lebhafte Diskussion über Planungsvarianten der Nordtangente ein. Mit rund 51 Millionen Euro brachte letztlich der Systemwechsel von der Hub- zur Klappbrücke die größte Einsparung. Allerdings wurde damit die lichte Durchfahrtsbreite auf 37,50 Meter reduziert, so dass zukünftig die Innenstadthäfen nicht mehr für jede Schiffsgröße erreichbar sind.

Auf der Grundlage des Planfeststellungsbeschlusses vom Sommer 1999 wurden in den Jahren 2000 und 2001 umfangreiche Gleisbauarbeiten im Hafengelände am Konstinbahnhof durchgeführt. Die eigentlichen Bauarbeiten an der Nordtangente begannen mit dem ersten Spatenstich am 11. November 2002 in der Neuen Hafenstraße. Wegen des schlechten Untergrundes wurde dort die Tragfähigkeit des Bodens im Rampen- und Leitungsbereich durch eine flächige Rüttelstopfverdichtung mit Kiesstopfsäulen erhöht. Anschließend wurden die Ver- und Entsorgungsleitungen aus dem Bereich der vorhandenen Neuen Hafenstraße herausgenommen und entlang des zukünftigen Böschungsfußes neu verlegt. Insgesamt wurden rund 5600 Kiesstopfsäulen mit einem Durchmesser von mindestens 0,75 Meter bis in Tiefen von 13 bis 15 Meter eingebracht. Der Abstand zwischen den einzelnen Säulen beträgt rund einen Meter. Diese Baumaßnahme wurde als erster Bauabschnitt der Neuen Hafenstraße von November 2002 bis Juni 2004 ausgeführt.

Brückenbau: Der erste Rammschlag für die Eric-Warburg-Brücke fand am 9. November 2004 statt. Sie besteht aus einer rund 50 Meter langen einflügligen Klappbrücke mit einem tiefliegenden Gegengewicht und den beiden 73 und 51 Meter langen Vorlandbrücken in Stahlverbundbauweise. Die Eric-Warburg-Brücke verläuft vom Widerlager Einsiedelstraße aus über einen Wasserpfeiler zum großen Klappenpfeiler, auf dem die Klappbrücke montiert ist. Die Klappe liegt auf der anderen Seite auf dem Klappenspitzenpfeiler auf. Dort schließt sich die Vorlandbrücke Ost an, die über einen Landpfeiler am Konstinkai bis zum Widerlager Neue Hafenstraße führt. Der Bau begann mit den drei Wasserpfeilern. Im Mai 2005 wurde als erster der Bewehrungskorb für das Fundament des großen Klappenpfeilers mit Hilfe eines Schwimmkranes eingebracht, so dass anschließend der Unterwasserbeton eingebaut werden konnte. Gleiches folgte für die beiden anderen Wasserpfeiler.

Parallel zu den Bauarbeiten vor Ort in Lübeck wurden die Stahlträger für die Vorlandbrücken und die Klappe im Werk gefertigt. Diese großen Bauteile kamen auf dem Wasserweg nach Lübeck. Mitte Dezember 2005 wurden die Stahlträger des Überbaues West montiert, Mitte April 2006 die des Überbaues Ost. Am 5. Juli 2006 wurde die Klappe mit einem Schwimmkran eingehoben. Dazu musste die Trave vier Tage gesperrt werden. Erst nach dem Einbau des rund 800 Tonnen schweren Gegengewichtes konnte die Klappe geöffnet werden. Sie verblieb in dieser Stellung, um die Schifffahrt nicht zu behindern.

Als sehr aufwendig stellte sich die Technische Ausrüstung der Klappbrücke heraus. Der Probebetrieb der Technischen Ausrüstung wurde im Dezember 2007 vor Ort beendet. Erst im Anschluss daran konnte als Voraussetzung gemäß DIN zur Abnahme die erste Brückenhauptprüfung stattfinden. Die Brücke wurde am 4. März 2008 abgenommen und damit von der Bau-ARGE in die Verantwortung der Hansestadt Lübeck übergeben.

Die Eric-Warburg-Brücke wurde mit dem BDA-Preis 2007 – Architektur in Schleswig-Holstein - als vorbildlicher Bau ausgezeichnet.

Straßenbauabschnitte: Die Einsiedelstraße wird in drei Bauabschnitten realisiert, von denen der erste im zweiten Halbjahr 2005 gebaut wurde. Der dritte Bauabschnitt in der Einsiedelstraße, der den Anschluss der Eric-Warburg-Brücke zunächst an die vorhandene Einsiedelstraße bildet, wurde, zusammen mit der Grundsanierung der Frankfurter Straße, von Mai bis Oktober 2007 realisiert. Der zweite Bauabschnitt der Einsiedelstraße ist der Grund dafür, dass die Nordtangente zunächst provisorisch in Betrieb geht, denn dort wird nach wie vor gebaut. Dieser Bauabschnitt ist wegen der umfangreichen Leitungsverlegungen, der erforderlichen konstruktiven Bauwerke (Stützwände, Überdeckelung des Hauptsammlers zum Zentralklärwerk) und der erheblichen Bodenbewegungen der komplexeste und aufwendigste Straßenbauabschnitt der Nordtangente. Mit ihm wurde im Oktober 2007 begonnen. Nach derzeitigem Stand ist vorgesehen, dass der zweite Bauabschnitt der Einsiedelstraße im Oktober 2008 mit allen Fahrspuren in Betrieb gehen wird.

Der zweite Bauabschnitt in der Neuen Hafenstraße wurde nochmals unterteilt und zwar in die Dammschüttung und den Straßenbau. Wegen der trotz der Rüttelstopfverdichtung noch zu erwarteten Setzungen wurde die Dammschüttung vorgezogen und Anfang 2007 durchgeführt. Im Herbst 2007 waren die Setzungen soweit abgeklungen, dass mit dem Straßenbau begonnen werden konnte.

Zwar ist die Konsolidierung des Untergrundes nicht abgeschlossen, aber die Langzeitsetzungen werden nur noch in einer Größenordnung von rund fünf Zentimetern liegen, so dass keine Schäden im Übergangsbereich zwischen dem tiefgegründeten Widerlager Ost und dem Straßendamm und an den Straßenentwässerungsleitungen wegen unterschiedlichen Setzungsverhaltens der verschiedenen Bauteile zu erwarten sind. Im November 2007 wurde mit dem Straßenbau begonnen, der inzwischen weitgehend abgeschlossen wurde. Provisorisch wird der Verkehr ab der Verkehrsfreigabe zunächst auf der Binderschicht fahren. Im Frühjahr, bei wärmerem Wetter, wird die Deckschicht aufgebracht werden.

Daten zur Nordtangente in Überblick:

Lage/Ausdehnung:

Einsiedelstraße/Eric-Warburg-Brücke/Neue Hafenstraße

Länge:

1,3 Kilometer

Bauzeit

2002 - 2008

Investitionsvolumen

72 Millionen Euro (geplant)

Förderung durch das Land

48 Millionen Euro (geplant)

Förderung durch die EU

2,5 Millionen Euro (geplant)

Brückenlänge

182,45 Meter

Vorlandbrücke West

73,25 Meter

Vorlandbrücke Ost

50,75 Meter

feste Pfeilerdecke

8,70 Meter

Brückentyp

einflügelige Klappbrücke mit tiefliegendem Gegengewicht

Länge der Klappe

49,75 Meter

Breite der Klappe

19,00 Meter

lichte Durchfahrtsbreite

37,50 m

Brückenhöhe geschlossen

rund 6 Meter

Gewicht Klappe + Gegengewicht

1600 Tonnen

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