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Hanse gibt sich nach 750 Jahren erstmals eine Satzung

Veröffentlicht am 17.01.2000

Hanse gibt sich nach 750 Jahren erstmals eine Satzung


000036R 2000-01-17

Die Zeit der mündlichen Verträge im Hansebund geht dem Ende entgegen. Am Sonnabend, 15. Januar, stellte ein Ausschuß der Hansekommission bei einer Sitzung in Lübeck einen Satzungsentwurf fertig. Er soll beim 20. Hansetag der Neuzeit im Mai im holländischen Zwolle von dem höchsten Gremium der Hanse, der Delegiertenversammlung, beschlossen werden und dann von allen Mitgliedern feierlich unterzeichnet werden.

Unter der Leitung von Hansevormann Michael Bouteiller trafen Hansebotschafter aus Danzig, Zwolle, Bergen, Herford und Lübeck sowie ein Vertreter der Jugendhanse in Lübeck zusammen, um den letzten Feinschliff an einen Satzungsentwurf zu legen, den die Hansekommission im Oktober in Zwolle auf den Weg gebracht hatte. Er ist Bestandteil einer umfassenden Reform, mit der sich der weltgrößte internationale Städteverbund für die Anforderungen und Chancen des 21. Jahrhunderts rüsten will. Kernpunkte des Regelwerkes: Eine stärkere Demokratisierung der Leitungsstrukturen und eine verbindlichere Form des Zusammenwirkens der Hansestädte im Dienste der europäischen Einigung bei gleichzeitiger Wahrung der eigenen kulturellen Identität.

Der 1980 in Zwolle wiedergegründete Hansebund, der in den vergangenen Jahren einen erstaunlichen Zulauf gefunden hat und dem derzeit 209 Städte in 16 Ländern angehören, soll künftig schlicht den Namen “DIE HANSE” tragen. Andere Bezeichnungen wie “Internationaler Hansebund” oder “Hanse der Neuzeit” verschwinden wieder in der Versenkung.

Lübeck, die frühere “Königin der Hanse”, wird ihren ererbten Führungsanspruch zugunsten einer Demokratisierung aufgeben. Lübecks Bürgermeister soll dann nicht mehr automatisch Vormann und Vorsitzender der Hansekommission sein, sondern die Position nur noch durch Mehrheitswahl auf dem Hansetag erringen können. Es ist zudem vorgesehen, dieses Wahlamt nur noch auf drei Jahre zu verleihen. Eine Wiederwahl ist zwar zweimal möglich, doch muß nach maximal neun Jahren eine andere Stadt ran.

Vormann Bouteiller wird mit Ende seiner Amtszeit als Lübecker Bürgermeister Ende April nach zwölf Jahren an der Spitze der Hanse diese Funktion aufgeben, die sein Vorgänger Dr. Robert Knüppel bereits innehatte. Der künftige Bürgermeister Bernd Saxe, mit dem Kommissionsmitglieder am Rande der Sitzung in Lübeck bereits erste Gespräche aufnahmen, wird die Delegiertenversammlung im Mai in Zwolle leiten und die Hanse auf die ersten Wahlen vorbereiten. Diese könnten noch in diesem Jahr auf einer außerordentlichen Delegiertenversammlung im Herbst stattfinden, spätestens jedoch beim Hansetag in Riga im Jahr 2001. Der dann zur Wahl stehende Vormann – der natürlich auch aus Lübeck kommen könnte - müßte ein Hansebüro einrichten, das die Leitungsgremien der Hanse – Präsidium und Kommission - in ihrer Arbeit professionell unterstützt.

Mitgliedsbeiträge wird es auch künftig in der Hanse nicht geben. Die Finanzierung der hanseatischen Aktivitäten soll auf bewährte Wege zurückgreifen: Die Administration wird von der Stadt des jeweiligen Vormannes getragen, für den Hansetag kommt die ausrichtende Stadt mit ihren Sponsoren auf. Die wichtigste Arbeit der Hanse soll künftig jedoch in sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Projekten stattfinden, die jeweils von denjenigen Mitgliedsstädten finanziert werden, die an den Projekten teilnehmen wollen. Die Kosten für die Gremienarbeit in der Kommission, dem Präsidium und der Delegiertenversammlung, tragen jeweils die Städte, die in diese Gremien gewählt sind.

“Wir sind ein riesiges Stück vorangekommen und sind optimistisch, die organisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen zu haben, daß die Hanse künftig eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Städte im europäischen Verbund spielen kann”, freute sich Bouteiller am Ende der anstrengenden Satzungsdiskussion. Der Entwurf geht zunächst allen Städten zu, damit er noch vor dem Hansetag im Mai umfassend beraten werden kann.

Und somit könnte die Schlagzeile des 26. Mai 2000 aus Zwolle heißen: “Hanse gibt sich nach 750 Jahren erstmals eine Satzung”. +++