Die Geschichte von St. Marien verlief keineswegs gradlinig. Kaum war die romanische Basilika im 13. Jahrhunderts fertiggestellt, begann bereits der nächste große Umbau. Die Kirche sollte größer, moderner und repräsentativer werden.
„Die Kirche reicht nicht mehr aus.“ „Dann bauen wir sie eben um.“
Mit dem Aufkommen der Gotik verbreitete sich auch in Norddeutschland eine neue Bauidee: die Hallenkirche. Anders als bei der romanischen Basilika sollten dabei Mittelschiff und Seitenschiffe annähernd gleich hoch ausgeführt werden. Die Räume wirkten dadurch weiter, heller und einheitlicher. Für die Lübecker Kaufleute bot diese neue Architektur die Möglichkeit, ihre Pfarrkirche nochmals deutlich zu vergrößern.
Lange Zeit waren die Spuren dieser frühgotischen Hallenkirche in St. Marien vor allem im aufgehenden Mauerwerk sichtbar. Einzelne Wandvorlagen, vermauerte Bögen oder Ansätze ehemaliger Gewölbe ließen bereits erkennen, dass die romanische Kirche im Verlauf des 13. Jahrhunderts tiefgreifend umgebaut worden war. Wie weit dieser Hallenbau jedoch tatsächlich umgesetzt wurde, blieb bislang unklar.
Die aktuellen archäologischen Untersuchungen liefern nun erstmals auch dafür direkte Nachweise unter dem heutigen Kirchenboden.
Zwischen den Pfeilern der heutigen Bürgermeisterkapelle im südöstlichen Bereich der Kirche kamen nur einen Backstein tief unter dem heutigen Fußboden überraschend gut erhaltene Mauerzüge zutage. Die Mauern ruhen auf massiven Feldsteinfundamenten und gehören nach ihrer Lage und Bauweise eindeutig zur Umbauphase der frühgotischen Hallenkirche.
Damit bestätigt sich archäologisch, was bislang vor allem durch bauhistorische Untersuchungen vermutet werden konnte: Die romanische Basilika wurde nicht vollständig abgebrochen, sondern schrittweise in einen größeren Hallenbau umgewandelt. Vieles spricht dafür, dass man dabei zunächst die Seitenschiffe verbreiterte und die bestehenden Strukturen weiter nutzte, bevor einzelne Bereiche nach und nach verändert wurden.
Doch auch diese Hallenkirche blieb letztlich nur eine Zwischenstation.
Noch während der Hallenbau offenbar im Gange war, entschied man sich erneut für einen grundlegenden Neubau – diesmal für jene monumentale hochgotische Basilika, die das Lübecker Stadtbild bis heute prägt. Erneut lassen sich vor allem im Chorbereich die Spuren dieser Bauphase noch erstaunlich gut nachvollziehen.
Dort kamen während der Grabungen Fragmente spätmittelalterlicher Bodenfliesen ans Tageslicht, die ursprünglich den Chorraum schmückten. Die sechseckigen Tonplatten mit floralem Dekor stammen aus dem späten 14. Jahrhundert und gehörten einst zur prächtigen Ausstattung des neu errichteten Hochchores. Großflächig verlegt, kann man sich heute noch gut vorstellen, wie aufwendig und farbig der Chorbereich der spätgotischen Kirche ursprünglich gestaltet war.
„Das lag die ganze Zeit unter dem Boden?“ „Ja – direkt unter unseren Füßen.“
Zeitgleich mit dem hochgotischen Chor entstand auch der sogenannte Lettner. Dabei handelt es sich um eine steinerne Schranke oder Trennwand zwischen dem Bereich der Geistlichen im Chor und dem übrigen Kirchenraum. Der Lettner strukturierte damit nicht nur den
Innenraum liturgisch, sondern diente zugleich als architektonische Bühne für Altäre, Skulpturen und Prozessionen. In vielen mittelalterlichen Kirchen wurden diese Anlagen später wieder entfernt oder stark verändert.
Auch in St. Marien sind heute nur noch wenige sichtbare Spuren des Lettners erhalten, vor allem im südlichen Chorbereich. Die aktuellen Untersuchungen konnten nun jedoch im Norden des Chors die zugehörigen Fundamentreste nachweisen. Damit bestätigt sich erneut, dass unter dem heutigen Kirchenboden noch immer zahlreiche Überreste längst verschwundener Bauphasen erhalten sind – selbst dort, wo oberirdisch kaum noch etwas auf sie hinweist.
St. Marien war über Jahrhunderte hinweg eine permanente Baustelle. Generationen von Baumeistern, Handwerkern und Stiftern veränderten die Kirche immer wieder, erweiterten sie oder passten sie neuen architektonischen Vorstellungen an. Unter dem heutigen Fußboden haben sich die Spuren dieser Entwicklung bis heute erhalten – Schicht für Schicht.