Veröffentlicht am 16.02.2026

Ein Hanseschiff erzählt Lübecker Geschichte neu

Forschungen liefern Erkenntnisse von internationaler Bedeutung – Digitale 3D-Rekonstruktion bietet faszinierende Bilder

3D-Modell des geborgenen Hanseschiffs

Alles begann mit einem Zufall, dem eine spannende Reise in die Vergangenheit der Geschichte der Hanse folgen sollte: Bei einer der regelmäßigen Messungen in der Fahrrinne der Trave ortete das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Ostsee 2020 eine Unebenheit in der Trave. Im August 2021 untersuchten Taucher das Objekt, was sich als einzigartiger Schiffsfund aus der Hansezeit herausstellte. Im Juni 2023 begann die Bergung des Schiffwracks – es folgten Analysen, Auswertungen und übertroffene Erwartungen. Nun eröffnen neue Forschungsergebnisse zur Ladung, Bauweise und Rekonstruktion des Schiffes nicht nur neue Perspektiven auf die hansische Seefahrtsgeschichte, sondern unterstreichen Lübecks historische Rolle als Innovationszentrum des nordeuropäischen Schiffbaus.

Auf Grundlage der bisherigen Arbeiten konnte ein digitales 3D-Modell des Schiffs angefertigt werden, das fortan mit moderner Schiffsbausoftware genauer erforscht wird. Die faszinierende 3D-Rekonstruktion des geborgenen Hanseschiffs findet sich auf www.luebeck.de/hanseschiff.

Lübecker Schiffbau zwischen Tradition und Innovation

Nicht nur der Fund selbst, sondern auch die Bauweise des geborgenen Schiffes ist bemerkenswert: Gefertigt wurde es 1642/43 in Lübeck nach der sogenannten niederländischen Bodenbauweise – jedoch mit einer entscheidenden Anpassung. Anders als die flachbodigen Vorbilder aus den Niederlanden besitzt das Schiff einen V-förmigen, spitz zulaufenden Kiel und war damit optimal auf die Bedingungen der Ostsee zugeschnitten.

„Das ist kein bloßes Kopieren fremder Technik, sondern ein selbstbewusster Weiterentwicklungsprozess“, erklärt Dr. Felix Rösch, Forschungstaucher, Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck. „Das Schiff zeigt, wie Lübecker Schiffbauer internationale Impulse aufnahmen und daraus etwas Eigenständiges schufen.“

Diese Kombination baulicher Merkmale gilt bislang als einzigartig unter den europäischen Schiffsfunden – eine Einschätzung, die zuletzt auch auf internationalen Fachtagungen bestätigt wurde.

Rekonstruktion mit modernster Technik

Eine der größten Herausforderungen aktuell stellt die Rekonstruktion des Schiffsrumpfes dar. Rund 150 Einzelteile müssen ihrer ursprünglichen Position zugeordnet werden – ohne direkte Vergleichsbeispiele. Mithilfe eines 3D-Druckers werden die gescannten Bauteile im Maßstab 1:25 reproduziert und zu einem physikalischen Modell zusammengesetzt.

Auf dieser Basis entsteht ein digitales 3D-Modell, das mit moderner Schiffbausoftware analysiert wird. In Kooperation mit dem Institut für Schiffbau und Maritime Technik an der HAW Kiel lassen sich so Fahrteigenschaften, Verdrängung und Zuladung realistisch berechnen. Erste Visualisierungen zeigen bereits ein hochseetaugliches, mittelgroßes Handelsschiff mit drei Masten, Kapitänskajüte, Ladeluken und Platz für eine Besatzung von bis zu zwölf Personen.

Eine nahezu vollständige Ladung – europaweit einzigartig

Unter den bekannten europäischen Schiffsfunden sind nahezu vollständig erhaltene Ladungen eine absolute Ausnahme. Umso bedeutender ist der Befund von fast 160 dokumentierten Fässern, die derzeit im Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck untersucht werden.

Jüngste naturwissenschaftliche Analysen belegen, dass der in den Fässern transportierte Branntkalk aus Schweden stammt. Für Lübeck, dessen Stadtbild bis heute von Backsteinarchitektur geprägt ist, war dieses Material von essenzieller Bedeutung. Weitere Untersuchungen sollen nun die genaue Herkunft des Kalks klären.

„Diese Ladung erzählt uns nicht nur etwas über Handelsbeziehungen, sondern ganz konkret über die Materialgrundlagen, auf denen Lübecks Stadtentwicklung beruhte“, betont Dr. Dirk Rieger, Bereichsleiter Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt Lübeck. „Der Fund verbindet globale Handelsnetze mit lokaler Baugeschichte – das ist für die Hansestadt von unschätzbarem Wert.“

Parallel zu den Untersuchungen laufen konservatorische Versuche in Kooperation mit der Fachhochschule Potsdam, um Lösungen für den langfristigen Erhalt der Fässer und ihres verfestigten Inhalts zu entwickeln. Ergänzend konnte nachgewiesen werden, dass es sich bei den Behältnissen um sogenannte Lüneburger Salztonnen handelt – ein Standardmaß des späten 14. Jahrhunderts, das hier offenbar zweckentfremdet für den Kalktransport genutzt wurde.

Bedeutung weit über Lübeck hinaus

Der Fund in der Trave erfährt internationale Aufmerksamkeit, was seine wissenschaftliche Relevanz unterstreicht. Zugleich erzählt das Schiff eine zutiefst lübsche Geschichte: von wirtschaftlichem Druck durch niederländische Konkurrenz, von Anpassungsfähigkeit und von technischer Innovationskraft. Zwischen 1560 und 1800 liefen rund 2.500 Schiffe in Lübeck vom Stapel – das Hanseschiff steht exemplarisch für diesen Erfolg.

„Dieses Wrack ist kein stummes Relikt“, so Dr. Dirk Rieger. „Es ist ein Schlüssel zum Verständnis unserer Stadtgeschichte – und ein starkes Zeugnis dafür, dass Innovation schon immer Teil der Lübecker DNA war.“

Auch wenn der Name des Schiffes bislang nicht in den Quellen des historischen Seegerichts nachgewiesen werden konnte, ist eines sicher: Die Forschung an dem Hanseschiff ist längst nicht abgeschlossen. Weitere Ergebnisse sollen im Frühjahr 2026 vorgestellt werden.

„Wir haben dem Schiff vielleicht noch keinen Namen geben können,“, sagt Dr. Felix Rösch, „aber wir haben ihm ein Gesicht gegeben – und somit eine Stimme für die Geschichte Lübecks.“

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