Mit dem TEP wurde im Oktober 2021 begonnen. Ziel des TEP war es, eine gemeinsame Tarifentwicklungsstrategie zu entwickeln, die für alle beteiligten Aufgabenträger und Verkehrsunternehmen verbindlich sein sollte. Die Hansestadt Lübeck hatte hierzu im Vorwege die Beschlüsse der VO/2020/09616-09 in den TEP-Prozess eingebracht. Der Prozess startete ganz klassisch mit Bestandsaufnahmen und Analysen des bisherigen SH-Tarif. Der heutige SH-Tarif ist ein Relationstarif. Für jede Relation von einer Gemeinde zu einer Gemeinde im Geltungsbereich des SH-Tarifs ist mindestens eine Preisstufe definiert. Insgesamt gibt es 27 Preisstufen sowie div. Sonderpreisstufen in einzelnen Kreisen/kreisfreien Städten. Das Fahrkartensortiment besteht aus einem Kernsortiment von Einzel-, Tages- und Monatskarten. Zudem gibt es regional begrenzte Sortimente. Ein regional begrenztes Sortiment ist z. B. die Kurzstreckenkarte in den kreisfreien Städten Kiel, Neumünster und Lübeck. Sie ist hingegen nicht in Flensburg und den anderen Kreisen verfügbar. Die ÖPNV-Nutzenden können daher nicht sofort erkennen, welches Tarifprodukt das richtige und zudem auch das günstigste Angebot für sie ist. Das sorgt insbesondere bei Gelegenheitskunden dafür, dass der Tarif als kompliziert und nicht nachvollziehbar empfunden wird.
Das 9-Euro-Ticket im Sommer 2022 sowie die dauerhafte Einführung des Deutschland-Tickets ab dem 01.05.2023 änderten die Zielrichtung des TEP grundlegend. Der Erfolg des Deutschland-Tickets liegt neben dem attraktiven Preis insbesondere in der Einfachheit - eine Fahrkarte kaufen, alle Verkehrsmittel nutzen -. Marktforschungen zeigten, dass dieses ebenfalls ein erhebliches Potential für den SH-Tarif darstellen kann. Die Anpassungen des SH-Tarifs erfolgen daher unter der Annahme, dass Vielfahrer das Deutschland-Ticket nutzen werden und der SH-Tarif hier lediglich eine Ergänzung darstellen muss. Bei Gelegenheitskunden steht die Einfachheit im Fokus, ergänzt um einen möglichst ansprechenden Fahrpreis.
Der neue Tarif „Einfach für Alle“
Der neuen SH-Tarif orientiert sich in allererster Linie an den Zielgruppen, die unkompliziert an ein Ticket kommen möchten, welches das beste und günstigste für ihre Fahrbedürfnisse ist. Durch ein einfaches und attraktives Tarifgefüge passt er als „einfacher“ Tarif sehr gut zum D-Ticket.
Das Herzstück ist ein wesentlich einfacheres Preisstufenmodell mit nur noch wenigen Preisstufen (Lokal–Umland[1]–Verbund) statt bisher >70[2] Preisstufen:
- Lokalpreisstufe in verschiedenen preislichen Ausprägungen für alle Gemeinden und Städte
- Umlandpreisstufe für Mobilität im Umland des lokalen Raums (Gemeinde/Stadt)
- Netzpreisstufe für Mobilität im gesamten Verbundraum (Schleswig-Holstein und Hamburg AB) sowie dem vollständigen HVV-Raum [3]

Abbildung 1: Beispielhafter Fahrkartenautomat mit den drei Preisstufen
Für alle Gemeinden und Städte gibt es eine eigene Lokalpreisstufe, hierauf baut eine Umlandpreisstufe auf. Fahrten darüber hinaus finden immer im Gesamtnetz (Land SH sowie Hamburg AB + HVV) statt.
Für die HL sehen die aktuellen Pläne das folgende Umland vor. Eine genaue Aufteilung in die Umlandpreisstufen ist noch in Vorbereitung:

Abbildung 2: Karte der geplanten Zuordnung zum "Umland". Gelb ist die Lokalpreisstufe, grün und grau das Umland. Auf Grund der geplanten Aufteilung des Umlands in 3 Bereiche sind noch leichte Änderungen zu erwarten.
Das aktuelle Preismodell steht bisher noch nicht fest. Für die Lokalpreisstufe kann jede Gemeinde eigenständig einen Preis festlegen. Hierbei ist ein Abstand von min. 15 % zur Umlandpreisstufe einzuhalten. Die Hansestadt Lübeck hat sich im Prozess für eine einheitliche, verbundweit gültige Lokalpreisstufe, ausgesprochen. So sollte verhindert werden, dass es im lokalen ÖPNV-Preis zu einem Wettbewerb nach kommunalen Kassenlagen kommt. Dieses wurde jedoch abgelehnt. Aus Mehrheitssicht ist es notwendig, dass es im lokalen Bereich individuelle Preisniveaus gibt. So soll sichergestellt sein, dass eine kleine Gemeinde oder Stadt nicht den vergleichsweise hohen Tarif der kreisfreien Städte zahlen muss. Die Netzkarte wird knapp günstiger als zwei Umlandkarten.
Eine Besonderheit ist jedoch, dass die Preisstufe 1 auf dem Lübecker Stadtgebiet in der neuen Systematik nicht fortbestehen kann, da es nur eine Lokalpreisstufe geben kann. Ob dieses Auswirkungen im Nutzerfahrverhalten der Fahrgäste haben wird, kann aktuell nicht abgeschätzt werden. Allerdings finden gegenwärtig lediglich 4 % der Barverkäufe in der Preisstufe 1 statt. Für kurze Reiseweiten (bis zu 5 Haltestellen) steht weiterhin das Kurzstreckenticket als Alternative zur Verfügung. Trotzdem wird es für Fahrgäste zu Preishärten kommen.
Fahrten nach Stockelsdorf, Bad Schwartau und Sereetz werden in dem neuen Tarifmodell in die günstigste, aber teurere Umlandstufe und nicht in die Lübecker Lokalzone fallen. Sie werden jeweils eine eigene Lokalzone erhalten. Fahrten z. B. von Stockelsdorf nach Bad Schwartau fallen dann bereits in eine Umlandpreisstufe. Die HL hat im Prozess wiederholt versucht, eine einheitliche Lokalzone, auch mit Stockelsdorf, Bad Schwartau und Sereetz, zu realisieren. Allerdings hat sie auf konkrete Ausgestaltung keinen direkten Einfluss, da die zuständige Aufgabenträgerschaft beim Kreis Ostholstein liegt. Die Zuordnung in die Lübecker Lokalpreisstufe führt zu geringeren Einnahmen, die durch den Aufgabenträger auszugleichen sind. Der Kreis ist weiterhin nicht bereit, diesen finanziellen Ausgleich für Fahrgeldmindereinnahmen vorzunehmen.
Vorteile für Lübeck | Risiken für Lübeck |
Einzelfahrten auf mittleren und langen Reiseweiten, insbesondere nach Hamburg, werden erheblich günstiger | Die Region Lübeck kann nicht fortbestehen |
Die Attraktivität Lübecks als Oberzentrum steigt auf Grund geringerer Fahrpreise | Fahrten nach Stockelsdorf, Bad Schwartau und Sereetz erfahren einen Preissprung |
Steuerung der Höhe der Lokalpreisstufe möglich | Lokalpreisstufe nach Kassenlage/fehlende Einheitlichkeit |
Durch die Definition eines festen „Umlandes“ ist der Gültigkeitsbereich einer Fahrkarte für die Fahrgäste klarer | Preisabsenkungen der Lokalpreisstufe wären durch die Hansestadt Lübeck auszugleichen |
| Wegfall der Preisstufe 1 innerhalb Lübecks |
| Die für die Fahrgäste klare Definition des Umlandbereiches, könnte Fragen zu seinem Zuschnitt aufwerfen (hier z. B. warum bis Wahlstedt, aber nicht bis Mölln o. Ä.) |
Änderungen/Anpassungen für Vielfahrende
Das Angebot für Vielfahrende wird auf einige wenige Kernprodukte zusammengeführt und stellt sich wie folgt dar:
- Deutschlandticket
- Regulär
- Vergünstigt für Schüler:innen[4], Studierende und Freiwilligendienstleistende
- Vergünstigt als Jobticket
- 1. Klasse als Pauschalpreis zu allen Zeitkarten zu buchbar
- Monatskarte und Abo (Lokal)
- Vergünstigt als lokales Jobticket
Für Vielfahrende ist das Deutschlandticket das Regelprodukt. Dieses wird ergänzend um Angebote aus dem Bereich der Zusatznutzen, wie z. B. ein Upgrade für die 1. Klasse. Abgerundet wird das Tarifsortiment für Vielfahrende mit einer Monatskarte für den lokalen Bereich. Die Monatskarte kann sowohl im Abo also auch einzeln erworben werden.
Für die Hansestadt Lübeck bieten sich zumindest im Bereich der lokalen Monatskarte weiterhin Gestaltungsmöglichkeiten. Allerdings soll ein erster Zielpreis für eine lokale Monatskarte auf dem Niveau des Deutschland-Tickets bzw. max. knapp darunterliegen. Das erfolgt vor dem Hintergrund, dass die Tarifreform ergebnisneutral umgesetzt werden soll. Eine weitere Preisreduzierung wäre ggf. durch die HL zu finanzieren und wird daher momentan nicht weiterverfolgt. Die neue lokale Monatskarte ist wie das Deutschland-Ticket eine personenbezogene Fahrkarte, die nicht übertragen werden kann. Ebenfalls entfallen die bekannten Mitnahmeregelungen am Wochenende.
Anpassungen im Tarifsortiment
Vorgesehen ist eine erhebliche Vereinfachung im Fahrkartensortiment. Dieses geschieht zu Lasten div. Sonder- und Rabattierungskarten. Die Zielsetzung ist, auch hier einen möglichst einfachen Tarif zu schaffen. Für Gelegenheitsfahrende (sog. Bartarif) werden daher nur noch die folgenden Fahrkarten angeboten:
- Einzelfahrkarte
- Einzelfahrkarte ermäßigt für Kinder unter 14 Jahre. Der Preis beträgt dabei immer 40% der Einzelkarte eines Erwachsenen
- Tageskarte (lohnt sich bereits ab der zweiten Fahrt)
- Tageskarte Gruppe für bis zu 5 Reisende (Basispreis Tageskarte plus Zuschlag für jede weitere Person)
- 1. Klasse als Option gegen Aufpreis zur Tageskarte zu buchbar[5]
- Kurzstreckenticket bis max. 5 Haltestellen in den kreisfreien Städten
Wegfallen sollen dafür die folgenden Tarifprodukte/Tarifeinschränkungen (darunter insbesondere auch regionale Sondertarifprodukte):
- Wochenkarte
- 4er-Karten (Mehrfahrtenkarte)
- Großgruppenkarten/Gruppenkarte für mehr als 5 Personen
- Sperrzeiten (z. B. bei der Kleingruppenkarte, die bisher erst ab 9 Uhr gilt)
- Anerkennung von Rabattkarten wie BahnCard/SH-Card (25%)
- Eigenständige Tarifprodukte 1. Klasse
Diese Maßnahmen vereinfachen den Tarif für die Kund:innen, sodass kaum Tarifkenntnisse erforderlich sind. Darüber hinaus wird aber auch der Vertrieb vereinfacht (z. B. weniger Schulungsaufwand für das Fahrpersonal) und bei zukünftigen Tarifanpassungen reduziert sich der heute noch hohe Verwaltungsaufwand. Die hierdurch eingesparten Kosten können zu einer Reduzierung des Fahrpreises genutzt werden.
Auswirkungen/Bedeutung für Lübeck
Die Vereinfachungen haben unmittelbare Auswirkungen auf die Lokalzone Lübeck und sind im Folgenden zusammengefasst:
Chancen | Risiken |
Vorteile im Vertrieb durch weniger Sortimente | Nutzende von Wochenkarten müssen auf alternative und ggf. teurere Ticketsortimente ausweichen |
Beschleunigung im Busverkehr durch schnellere Verkaufsprozesse im Bus | Wegfall der Möglichkeit, Fahrkarten auf „Vorrat“ zu kaufen |
Tageskarte ist eine attraktive Alternative zur 4er Karte | Das Produkt „Kurzstrecke“ ist weiterhin nicht einfach für den Gelegenheitskunden |
Wegfall der veralteten Entwerter-Infrastruktur für 4er Karten | Fahrgäste, für die das bisherige Ticketsortiment passgenau war und die für ihre spezifische Situation keine adäquate Alternative finden, könnten dem ÖPNV verloren gehen |
Kostenersparnisse im Bereich der Wartung/Betrieb von Fahrkartenentwerter | |
Fehlende Rabatte für Einzelfahrten erhöhen die Chance, dass direkt ein Deutschland-Ticket erworben wird | |
Kurzstreckenkarte konnte beibehalten werden | |
Kurzstreckenkarten werden ohne Sperrzeiten angeboten | |
Gewinnung neuer Fahrgäste im Gelegenheitsbereich, die bisher durch den sprichwörtlichen „Tarifdschungel“ von einer ÖPNV-Nutzung abgeschreckt waren | |
Weiterer Zeitplan
Die NAH.SH bzw. die mit der Umsetzung beauftragte Beratungsgesellschaft wollen in 2025 die Feinplanung des neuen Tarifes, inklusive einer neuen Tarifmatrix, abgeschlossen haben. Anhand dieser Planungen können die finanziellen Auswirkungen für die einzelnen Aufgabenträger abgeleitet werden. Kosten sollen für sie nicht entstehen. Allerdings müssen die Verkehrsunternehmen von Mindererlösen, die durch die Tarifumstellung entstehen könnten, durch die Aufgabenträger freigehalten werden. Daneben können noch Kosten für die Tarifumstellung anfallen. Hierzu müssen gesonderte Beschlüsse eingeholt werden. Jeder Kreis bzw. kreisfreie Stadt muss im Rahmen des Verbundausschusses der NAH.SH der Tarifreform zustimmen. Sofern ein Kreis/kreisfreie Stadt diese Zustimmung nicht gibt, kann der Tarif verbundweit nicht umgesetzt werden. In der HL wird diese Beschlussfassung für das erste Quartal 2026 vorbereitet.
Fazit
Fachlich unterstützen sowohl der Aufgabenträger der HL als auch die SWL mobil die Ergebnisse des TEP und die in diesem Bericht beschriebenen Umsetzungen. Es wurden viele Möglichkeiten gefunden, den Tarif einfacher und verständlicher zu machen. Für Vielfahrende stellt das Deutschland-Ticket bereits heute eine Flatrate-Lösung zu einem festen Maximalpreis dar. Für Gelegenheitskund:innen wird der Tarif deutlich einfacher, da u. a. nur noch zwischen Einzel- und Tageskarten gewählt werden muss. Zudem ist es gelungen, in Lübeck die Kurzstreckenkarte zu erhalten. Hierdurch können Preishärten für kurze Wege abgefangen werden. Insgesamt wird ein Tarifniveau für mittlere und lange Reiseweiten erwartet, das deutlich attraktiver als das heutige ist und damit besser zum Deutschland-Ticket passt.
Die Änderungen sind jedoch nicht nur positiv für die Hansestadt Lübeck zu sehen. Insbesondere der Preissprung bei Fahrten nach Bad Schwartau, Stockelsdorf und Sereetz und das insgesamt zu erwartende hohe Preisniveau für die Lokalpreisstufe könnten sich nachteilig auf den ÖPNV in Lübeck auswirken. Eine abschließende Bewertung ist erst mit dem Vorliegen aller Änderungen, insbesondere der Tarifmatrix möglich.