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Veröffentlicht am 06.05.2022

„Eine Knochenarbeit“

Lübecker Archäologie lüften mit der Universität Oxford und der LMU München vergangene Geheimnisse mit alten Knochen

Ashleigh Haruda und Christian Küchelmann bestimmen Jahrtausende alte Knochen aus Lübeck und ermitteln die Auswahl für die Beprobungen.

Zahlreich sind die Hinterlassenschaften unserer Vorfahren, sowohl im UNESCO Welterbe der Lübecker Altstadt als auch im umgebenden Landgebiet. Sie zählen mit zu den bedeutendsten archäologischen Kulturdenkmälern der gesamten Bundesrepublik. Hierzu gehören sprichwörtlich Tonnen an Tierknochen, die mitunter von den ausgefallenen Tafelfreuden der Menschen seit mehr als 10.000 Jahren zeugen. Die Knochen werden jetzt im Rahmen eines Projekts mit der Universität Oxford und der LMU München näher untersucht.

„Welche Tiere in den Kochtöpfen landeten, ist allerdings nicht alles an Informationen, die wir den Knochen mittlerweile durch den Einsatz modernster Technologie entlocken können“, berichtet Dr. Dirk Rieger, Leiter der Abteilung Archäologie der Hansestadt Lübeck. „Es geht um viele Fragen, die unser heutiges Verständnis von Klimawandel, Natur und Umwelt sowie deren Einflüsse auf den Menschen und sein Handeln betreffen“.

Ein großangelegtes internationales Forschungsprojekt

Die Knochen der archäologischen Sammlung, die sich stetig vergrößert, bieten daher den idealen Ausgangspunkt für ein internationales Forschungsprojekt. Projektleiterin Dr. Ashleigh Haruda von der Universität Oxford bestimmt mit ihren Kollegen nicht nur die Knochen, sie sammelt auch gezielt Proben, vor allem von Rindern, Schweinen und Hühnern – nach wie vor unsere Top 3-Fleischsorten. „Es geht konkret um das Verständnis unserer heutigen hochgezüchteten Nutztiere und die Auswirkungen auf die Konsumenten, und darum aus Sicht der Geschichte ein besseres Verständnis für Morgen zu erlangen“, erklärt Haruda. „Auch mittels genetischer Analysen wird den Tieren auf den Grund gegangen. Kamen sie als Handelsgut in diese Gegend oder wurden sie hier gezüchtet? Wie wird z.B. eine mittelalterliche Metropole mit genügend Fleisch versorgt?“

Weitere Fragen drehen sich um die Umweltaspekte, in denen die Tiere lebten und auf die sie durch ihre Zucht maßgeblich Einfluss nahmen. „Aus den Knochen lassen sich Daten zu Wetter- und Umweltbedingungen, zu Ernährung und damit auch Rückschlüsse auf Futter und Landwirtschaft gewinnen“, berichtet Dr. Dirk Rieger. „Lübeck ist hier aufgrund der hervorragenden Erhaltungsumstände für organische Funde von der Steinzeit bis in die Neuzeit ein Hauptpartner in dem Projekt, das Europas archäologisches Erbe als Ressource für die Zukunft verstehen lässt.“

Entwicklung der Nahrungsmittelindustrie von den Römern bis zum Ende des Mittelalters

Das im Projekt gebildete Netzwerk aus führenden zooarchäologischen und bioarchäologischen Wissenschaftler:innen und den Expert:innen der Bodendenkmalpflege, sorgt damit maßgeblich für den Ausbau des Wissensstandortes Lübeck in Europa. So werden weitere Wissenschaftler:innen in den kommenden Monaten und Jahren in die Stadt kommen, um an dem umfangreichen Material zu arbeiten.

Auch andere aktuelle Ausgrabungen in Lübeck werden im Rahmen des Projektes mit einbezogen, um Erkenntnisse über die Entwicklungen der Nahrungsmittelindustrie in Nordwest-Europa – von der Steinzeit über die Römer bis hin zum Ende des Mittelalters – und ihre Folgen für die Menschheit zu erlangen. Auf dieser Grundlage kann eine bessere Ausgangslage für die zielführende Gestaltung unserer Zukunft formuliert werden. +++