Kalk-Road-Trip
Was uns ein bisschen weißes Fugenmaterial über mittelalterliche Baustellen verrät
„Warum leuchtet das denn so?“
„Keine Ahnung … aber normal sieht das nicht aus.“
Archäologie besteht manchmal aus großen Entdeckungen. Und manchmal aus dem Moment, in dem man in einer staubigen Grabungsgrube plötzlich von einer weißen Fuge zwischen zwei Backsteinen regelrecht angeblendet wird.
Genau das passierte während der aktuellen Untersuchungen in St. Marien.
Zwischen den romanischen Backsteinen und den mächtigen Feldsteinfundamenten der frühen Kirche zeichnete sich ein auffallend helles Fugenmaterial ab – so weiß, dass es sich deutlich von den umliegenden Schichten abhob. Während mittelalterliche Mauermörtel häufig eher grau, sandig oder bräunlich erscheinen, wirkte dieses Material ungewöhnlich fein, dicht und fast schon strahlend weiß.
„Das schauen wir uns genauer an.“
Schnell entstand der Verdacht, dass es sich hier nicht um gewöhnlichen Kalkmörtel handeln könnte. Also wurden gezielt Proben entnommen und naturwissenschaftlich untersucht. Denn moderne Archäologie endet längst nicht mehr beim Freilegen von Mauern oder Scherben. Heute arbeiten Archäologinnen und Archäologen eng mit Geologinnen, Materialwissenschaftlerinnen, Restauratorinnen und Chemikerinnen zusammen. Selbst kleinste Materialproben können dabei Hinweise auf mittelalterliche Technologien, Handelswege und Rohstoffquellen liefern.
Und manchmal führt einen so eine Probe eben nach Bad Segeberg.
Denn früh entstand die Vermutung, dass der auffällige Mörtel etwas mit dem berühmten Segeberger Kalkberg zu tun haben könnte – jener geologischen Besonderheit mitten in Schleswig-Holstein, die heute vor allem durch die Karl-May-Festspiele und die Fledermaushöhlen von Noctalis bekannt ist. Also ging es gemeinsam mit einem Kollegen nach Bad Segeberg, wo wir netterweise die Möglichkeit bekamen, direkt vor Ort eine Probe des heutigen Segeberger Gipssteins zu entnehmen.
„Archäologie?“
„Ja.“
„Und dafür holen Sie jetzt Steine aus einer Fledermaushöhle?“
„Im Prinzip schon.“
Anschließend gingen die Proben weiter ins Labor nach Dänemark. Dort wurden aus den Mörtel- und Gesteinsproben sogenannte Dünnschliffe angefertigt – hauchdünn geschnittene Materialproben, die unter dem Polarisationsmikroskop analysiert werden können. Auf diese Weise lassen sich selbst kleinste Minerale, Kristallstrukturen und Herstellungsprozesse nachvollziehen.
Die Ergebnisse waren überraschend eindeutig.
Die Mörtel aus dem romanischen Vorgängerbau von St. Marien bestehen nicht aus gewöhnlichem Kalkmörtel, sondern aus reinem Gipsmörtel – genauer gesagt aus hoch gebranntem Gips, sogenanntem Hochbrandgips. Die Proben besitzen eine äußerst dichte mikrokristalline Struktur mit nur sehr geringer Porosität und enthalten keinerlei bewusst zugesetzte Zuschläge wie Sand. Stattdessen zeigt sich ein technologisch erstaunlich anspruchsvoll hergestelltes Bindemittel.
Besonders interessant war dabei der Nachweis von Anhydrit – einem Mineral, das nur entsteht, wenn Gipsstein bei vergleichsweise hohen Temperaturen gebrannt wird. Die Analysen zeigen, dass einzelne Proben Temperaturen von bis zu 800–900 °C ausgesetzt gewesen sein müssen. Für eine Baustelle des frühen 13. Jahrhunderts ist das ein bemerkenswert kontrollierter Herstellungsprozess.
Noch spannender wurde es beim Vergleich mit den Proben aus Bad Segeberg.
Sowohl die Mörtel aus St. Marien als auch der Segeberger Gipsstein enthalten charakteristische kalkhaltige Einschlüsse. Unter dem Mikroskop zeigen sich dieselben Kombinationen aus Gipsmatrix, mikrokristallinem Kalk und Resten unterbrannten Materials. Die Übereinstimmungen sind so deutlich, dass vieles dafür spricht, dass der Rohstoff für den Mörtel tatsächlich vom Segeberger Kalkberg stammt.
Ganz sicher beweisen lässt sich das zwar nicht. Kalkhaltige Einschlüsse kommen grundsätzlich auch in anderen Gipsvorkommen vor. Doch gerade die Kombination aus Materialzusammensetzung, regionaler Verfügbarkeit und historischen Handelswegen macht den Segeberger Kalkberg zu einer äußerst plausiblen Rohstoffquelle.
Dabei war Gips im mittelalterlichen Norddeutschland keineswegs ein exotischer Baustoff. Wie aktuelle Forschungen zeigen, wurde sogenannter Hochbrandgips besonders im südöstlichen Schleswig-Holstein seit der Romanik gezielt als leistungsfähiger Mauermörtel eingesetzt. Kirchen, Klöster und selbst Fußböden bestanden teilweise aus diesem Material. Der Segeberger Kalkberg spielte dabei offenbar eine zentrale Rolle als Rohstofflieferant.
Die Untersuchungen in St. Marien zeigen damit eindrucksvoll, wie eng Archäologie heute mit Naturwissenschaften zusammenarbeitet. Aus ein paar unscheinbaren weißen Fugen wird plötzlich eine Geschichte über mittelalterliche Brenntechnologien, spezialisierte Handwerker und den Transport von Rohstoffen durch Norddeutschland.