Wenn Grüfte ihre Geschichten erzählen

St. Marien: Männer bergen einen Sarg aus einer Gruft.
Transport eines barocken Sarges aus der Gruft derer von Hedemann in Dorste bei Osterode am Harzrand. Solche Projekte sind oft nur mit Unterstützung von einsatzfreudigen Kräften vor Ort realisierbar, wie hier durch Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr.

Im Gespräch mit den Gruftarchäolog:innen Regina und Andreas Ströbl

„Hier in St. Marien findet man Ausmalungen in einer Qualität, die man woanders lange suchen kann. Das ist ganz phantastisch!“

Wenn Gruftarchäologe Dr. Andreas Ströbl so ins Schwärmen gerät, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Oder besser gesagt: hinabzusteigen. Denn unter St. Marien liegen nicht nur Mauern, Fundamente und die Spuren älterer Kirchenbauten. Hier befinden sich auch historische Grüfte – mit Särgen, Bestattungen und teils außergewöhnlich gut erhaltener Ausstattung.

Wer unseren Grabungsblog schon länger verfolgt, weiß: Unter St. Marien wird es schnell spannend. Wir haben uns durch verschiedene Bauphasen gearbeitet, nach den Vorgängerbauten der heutigen Kirche gesucht und uns bei den „Toten von St. Marien“ gefragt, woran Archäolog:innen eigentlich erkennen, dass sie auf ein Grab gestoßen sind.

Bei den Grüften kommt nun noch eine weitere Ebene hinzu. Denn hier lautet die Frage nicht nur: Wer wurde wo bestattet?

Sondern auch: Wie wollten Menschen erinnert werden – und was erhofften sie sich für die Zeit nach dem Tod?

Für solche Fragen braucht es Spezialisten. Deshalb unterstützen Dr. Regina Ströbl und Dr. Andreas Ströbl die Lübecker Stadtarchäologie bei der Erforschung der Grüfte. Beide sind Archäolog:innen und Kunsthistoriker:innen und beschäftigen sich seit rund 25 Jahren mit historischen Grablegen.

Wir haben Regina und Andreas Ströbl gefragt, was Grüfte über die Menschen erzählen können, die hier bestattet wurden. Aber zuerst wollten wir etwas ganz anderes wissen:

Wie wird man Gruftarchäologe:in?

Einen klassischen Studiengang dafür gibt es nicht. Regina und Andreas Ströbl sind unabhängig voneinander in dieses ungewöhnliche Forschungsfeld „hineingerutscht“ – sie über die Fürstengruft in Wolgast, er über die Gruft unter der Berliner Parochialkirche.

Dort dokumentierte Andreas Ströbl rund 120 Särge und stellte fest: Für historische Särge gab es keine systematische Typologie. Dabei können Form, Material, Bemalung und Ornamentik viel verraten – über Zeitstellung, Handwerk, gesellschaftlichen Rang und religiöse Vorstellungen.

„Wir haben schnell gemerkt, wie viele Fragen hier noch offen sind“, erzählen die beiden. „In vielerlei Hinsicht betritt man immer wieder Neuland.“

Was ist an Grüften so faszinierend?

Die Antwort kommt überraschend schnell:

„So seltsam es sich anhört – man hat mit Menschen zu tun!“

Anders als im Erdgrab können sich in Grüften nicht nur Knochen erhalten. Auch Särge, Textilien, Beigaben und mitunter menschliche Körper überdauern die Jahrhunderte. Dadurch rücken die Verstorbenen auf besondere Weise näher.

Ein bemalter Sarg ist eben nicht nur ein Behältnis. Seine Bilder und Inschriften können von Glauben und Hoffnung erzählen. Textilien geben Hinweise auf Kleidung und Repräsentation. Pflanzliche Beigaben werfen Fragen nach Ritualen und Schutzvorstellungen auf.

Und manchmal begegnet man Dingen, die man so noch nie gesehen hat.

„Es gibt immer Geheimnisse, die einen erwarten“, sagen die Ströbls. „Wir finden in jeder Gruft Dinge, die wir aus anderen Grablegen nicht kennen.“

Ungewöhnliche Sargformen. Unbekannte Ornamente. Besondere Arten, Verstorbene herzurichten.

Genau deshalb ist der Vergleich so wichtig – und genau deshalb sind die Befunde von St. Marien für die beiden Spezialist so spannend. Vor allem die Qualität der Ausmalungen hat Andreas Ströbl beeindruckt.

Eine Ahnengalerie – nur anders

Besonders verbreitet waren Familiengrüfte zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. Und möglicherweise ist das kein Zufall.

Es war eine Zeit tiefgreifender Krisen: Reformation und konfessionelle Konflikte erschütterten vertraute Ordnungen, Kriege verwüsteten ganze Regionen, die sogenannte Kleine Eiszeit brachte lange Winter, Missernten und Hunger.

Die Ströbls vermuten, dass gerade in solchen Zeiten die Familie als stabilisierende Gemeinschaft an Bedeutung gewann. Wer starb, verschwand nicht einfach aus dem Familienverband, sondern wurde in die gemeinsame Grablege aufgenommen.

Andreas Ströbl findet dafür ein starkes Bild: Die Familiengruft sei eine Art Ahnengalerie – nur nicht mit Bildern, sondern mit den Körpern der Verstorbenen.

Dahinter stand zugleich die christliche Hoffnung auf Auferstehung. Die Familie blieb zusammen – über den Tod hinaus.

Plötzlich erscheint eine Gruft also nicht mehr nur als Raum unter einer Kirche. Sie wird zu einem Ort, an dem Menschen auf Krisen, Verlust und die eigene Endlichkeit reagierten.

Angst vor den Toten?

Wer in dunklen Grüften arbeitet, bekommt diese Frage vermutlich zwangsläufig gestellt.

Die Antwort der Ströbls ist eindeutig: Vor den Toten haben sie keine Angst.

Vor Schimmelpilzen dagegen schon.

Feuchtigkeit kann in schlecht belüfteten Grüften erhebliche Schäden verursachen. Sie gefährdet Särge, Textilien und andere organische Materialien – und unter Umständen auch die Menschen, die dort arbeiten. Schutzanzüge und Atemmasken sind deshalb keine dramatische Inszenierung, sondern Arbeitsschutz.

Und die Toten?

Die verstehen Regina und Andreas Ströbl eher als „Schutzbefohlene“.

Wo hört Forschung auf?

Das ist vielleicht die wichtigste Frage.

Denn eine Gruft ist kein gewöhnlicher archäologischer Fundplatz. Hier arbeitet man mit menschlichen Überresten und mit Orten, die bewusst als letzte Ruhestätten geschaffen wurden.

Für die Ströbls gibt es deshalb eine klare Grenze:

„Wir halten da an, wo die Menschenwürde beginnt.“

Geschlossene Särge werden nicht aus bloßer Neugier geöffnet. Eingriffe müssen begründet sein. Bilder menschlicher Überreste gehören für sie nicht in eine sensationsorientierte Öffentlichkeit.

Zuerst wird dokumentiert. Dann wird gemeinsam mit Restauratoren, Denkmalbehörden, Kirchengemeinden und weiteren Fachleuten entschieden, was notwendig und vertretbar ist.

Denn die Toten sind archäologische Quellen. Aber sie waren zuerst Menschen.

Und was bedeutet das für St. Marien?

Die bisherigen Untersuchungen haben gezeigt, wie viele Geschichten unter dem Kirchenboden übereinanderliegen. Mauern erzählen von verschwundenen Bauphasen. Gräber zeigen, wie intensiv St. Marien über Jahrhunderte als Bestattungsort genutzt wurde.

Die Grüfte fügen diesem Bild eine neue Perspektive hinzu.

Sie erzählen von einzelnen Menschen und Familien, von gesellschaftlichem Rang und Handwerkskunst, von Erinnerung und Verlust – und von der Hoffnung, dass mit dem Tod eben nicht alles vorbei sei.

Genau deshalb ist die Sepulkralarchäologie für die Forschungen in St. Marien so wichtig. Sie hilft uns, nicht nur zu verstehen, wie diese Kirche gebaut wurde, sondern auch, was dieser Ort den Menschen bedeutete, die hier ihre letzte Ruhestätte suchten.

Oder, um es mit Regina und Andreas Ströbl zu sagen:

„Die Toten können uns viel erzählen. Man muss nur lernen, ihnen zuzuhören.“

Wer mehr über die Arbeit von Regina und Andreas Ströbl erfahren möchte: Als Forschungsstelle Gruft GbR dokumentieren und erforschen sie historische Grüfte und Mausoleen im ganzen Bundesgebiet und setzen sich gemeinsam mit Restauratoren, Denkmalbehörden, Kirchengemeinden und weiteren Fachleuten für den Erhalt gefährdeter Grablegen ein.

Person in Schutzkleidung untersucht Holzreste in der Gruft von St. Marien
Behutsame Freilegung von Bestattungsresten in der Gruft derer von Arnim in Boitzenburg (Uckermark) mit Schutzbekleidung. Durch unsachgemäßen Verschluß der Belüftungsöffungen sind die einst prachtvollen Särge fast völlig durch Fäulnis zerstört.
Frau restauriert ein altes Holzsargrelief in der Gruft.
Reinigung und Konservierung des Griffbeschlages eines Barocksarges in der Gruft derer von Graevnitz in Schilde (Prignitz). In Abstimmung mit Restauratoren führen solche Arbeiten zu sehr guten Ergebnissen.
Person in einer Gruft zwischen Särgen bei der Beleuchtungsauswahl
Absaugen eines Sarges aus dem 19. Jahrhundert in der Gruft derer von Mecklenburg-Strelitz in Mirow (Mecklenburgische Seenplatte). Auch nach Abschluß der Dokumentations- und Restaurierungsarbeiten müssen viele Gruftinventare regelmäßig gewartet werden.
Zwei Personen stehen in einer Gruft zwischen Särgen beim Interview.
Regina und Andreas Ströbl vor Särgen aus der Gruft derer von Rochow in Golzow bei Brandenburg. In einer Werkstatt nahe der Kirche konnten die trotz Plünderungen hervorragend erhaltenen Särge bearbeitet werden.