Auf Spurensuche im Archiv

Archivrecherche zur Geschichte der Grüfte von St. Marien: Historische Akten, Baupläne, Karten, Fotografien und moderne Arbeitsmittel ergänzen die archäologischen Befunde. Erst das Zusammenspiel dieser Quellen ermöglicht es, die Veränderungen des Kirchenraums über Jahrhunderte hinweg nachzuvollziehen.

Während die Grabung in St. Marien pausiert, pulsiert die Arbeit an anderer Stelle weiter: in den Archiven Lübecks.

„Ob sich dazu wohl etwas im Archiv findet?“

Diese Frage stellt sich während archäologischer Projekte immer wieder. Denn nicht jede Antwort liegt im Boden verborgen. Manchmal führt der nächste Schritt nicht in die Grabungsfläche, sondern zwischen Regalmeter voller Akten, Pläne und Protokolle.

Bereits im Blogbeitrag vom 27.04.2026 zeigte sich, wie wichtig historische Recherche für die archäologische Arbeit sein kann. Damals gelang es, einen Heizungsplan aus dem späten 19. Jahrhundert aufzuspüren. Erst durch diese Unterlagen ließ sich ein auf der Grabung entdeckter Befund richtig einordnen.

Die Ausgrabung zeigte, dass etwas geschehen war. Die Schriftquellen halfen zu verstehen, wann, warum und in welchem Zusammenhang.

Doch der damalige Beitrag ließ auch Fragen offen. Die Grüfte mussten bereits vor dem Einbau der Heizung geöffnet worden sein. Die sterblichen Überreste zahlreicher Lübeckerinnen und Lübecker waren bewegt worden.

Aber wohin? Wann? Und warum?

Die Suche nach Antworten führt in die Archive der Hansestadt Lübeck (AHL) und des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis-Archivs Lübeck-Lauenburg. Dort lagert der Quellenreichtum einer fast tausendjährigen Stadtgeschichte. Zwischen Bauakten, Rechnungen, Senatsbeschlüssen, Protokollen und umfangreicher Korrespondenz entsteht Schritt für Schritt ein immer klareres Bild.

Erste Hinweise deuten darauf hin, dass bereits im frühen 19. Jahrhundert Bestattungen aus den innerstädtischen Kirchen auf außerhalb der Stadt gelegene Friedhöfe – etwa den Allgemeinen Gottesacker – verlagert wurden. Die Cholera-Epidemien des 19. Jahrhunderts verliehen dieser Entwicklung zusätzlichen Nachdruck. Aus hygienischen Gründen gerieten Bestattungen innerhalb der Stadt und insbesondere in Kirchen zunehmend in die Kritik. Kirchen sollten fortan immer weniger als Bestattungsorte genutzt werden.

Die Recherche führt dabei weit zurück in die Vergangenheit. Viele Dokumente sind in Kurrent oder Sütterlin geschrieben.

„Das muss man erst einmal lesen können.“

So faszinierend die historischen Handschriften auch sind – ihre Entzifferung erfordert Geduld. Unterstützung bietet heute unter anderem Transkribus, eine in den vergangenen Jahren entwickelte KI-Anwendung, die historische Handschriften erkennen und transkribieren kann. So profitieren inzwischen auch historische Forschungen von den Möglichkeiten moderner Technologien.

Doch auch wenn die Schrift lesbar wird, bleiben viele Herausforderungen bestehen. Zahlreiche Begriffe und Formulierungen sind heute ungebräuchlich und müssen zunächst recherchiert werden, bevor sich ihr Zusammenhang erschließt.

Gerade darin liegt der besondere Reiz der Archivarbeit. Manchmal verbringt man Stunden mit einer Akte und stößt schließlich auf einen einzigen Satz, der eine offene Grabungsfrage beantwortet. Hinter jedem Dokument kann sich ein weiteres Puzzlestück verbergen, das hilft, die Geschichte der Grüfte und ihrer Nutzung besser zu verstehen.

Die bisherigen Ergebnisse zeigen bereits, welchen außergewöhnlichen Quellenreichtum die Lübecker Archive bewahren. Ein besonderer Dank gilt den Archivarinnen Dr. Claudia Tanck, Birgit Aschenbrenner und Dr. Meike Kruse, die die Recherchen mit großer Hilfsbereitschaft und Fachkenntnis unterstützt haben. Ebenso gilt unser herzlicher Dank Frau Joana-Laura Noack, die die Archivrecherchen auf archäologischer Seite mit großem Engagement begleitet sowie zahlreiche Quellen gesichtet und ausgewertet hat.

Doch trotz dieser erfreulichen Zwischenbilanz bleibt noch viel zu tun.

Die Geschichte einer Stadt wird nicht nur von ihren großen Ereignissen geschrieben. Oft sind es die scheinbar kleinen Entscheidungen und Veränderungen vergangener Generationen, deren Spuren sich bis heute sowohl im Boden als auch in den Archiven erhalten haben. Erst das Zusammenspiel von Archäologie und historischen Schriftquellen ermöglicht es, diese Geschichten Schritt für Schritt wieder sichtbar zu machen.

Joana Laura Noack bei der Archivrecherche im Lesesaal des Archivs der Hansestadt Lübeck: Zwischen historischen Originalquellen entsteht hier Schritt für Schritt ein klares Bild der Geschichte der Grüfte von St. Marien.
Historische Urkunde des Proklamationsverfahrens aus dem frühen 19. Jh.: Das in Kurrentschrift verfasste Dokument zeigt, wie mögliche Anspruchsberechtigte öffentlich zur Meldung aufgefordert wurden. Meldete innerhalb der Frist von "einem Jahr und einem Tag" sich niemand als anspruchsberechtigt, gingen die Grabstellen in die Verfügungsgewalt der Kirche über.
Historischer Blueprint (Lichtpausplan) der St. Marienkirche (1894): Die charakteristische blaue Färbung entstand durch ein im 19. Jh. verbreitetes Verfahren zur Vervielfältigung technischer Bauzeichnungen. Der Plan zeigt den Verlauf der geplanten NiederdruckDampfheizung und hilft uns dabei, archäologische Befunde den historischen Eingriffen in den Kirchenboden zuzuordnen.