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Fortgang der Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel

Stand: Oktober 2013

Beginn der Ausgrabungen in Abschnitt 4: Nach Entfernen der oberen Erd- und Schuttschichten beginnen die Freilegungsarbeiten.

Beginn der Ausgrabungen in Abschnitt 4: Nach Entfernen der oberen Erd- und Schuttschichten beginnen die Freilegungsarbeiten.

Die Termine zu den erneuten öffentliche Führungen im Gründungsviertel finden Sie hier.

Die Erst-Fassung (April 2010) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel sehen Sie hier.
Eine erste Aktualisierung (Oktober 2010) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel finden Sie hier.
Eine zweite Aktualisierung (August 2011) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel erhalten Sie hier.
Eine dritte Aktualisierung (Juli 2012) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel erhalten Sie hier.

Auch wenn es manchem nicht so vorgekommen sein mag, aber die archäologischen Untersuchungen im Bereich Braunstraße/Fischstraße/Alfstraße sind seit dem Sommer 2012 kontinuierlich und mit großem Erfolg weitergeführt worden.

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Das Gesamtareal des Projektes „Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel“ wurde neu strukturiert und besteht nun aus vier (zuvor: drei) Grabungsabschnitten. Seit Juli 2013 befinden sich die Archäologen in „Grabung 4“, dem ehemals westlichen Schulinnenhof der im Frühjahr abgerissenen Hanse-Schule.

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Der aktuelle Befundplan aller Grabungsabschnitte belegt eine enge Besiedlung in der Hansestadt seit 870 Jahren.

Grund für den vermeintlichen Stillstand auf dem Grabungsgelände war der Umstand, dass sich der Abriss der Hanse-Schule um mehr als ein Jahr verzögert hatte. Nachdem seit Juli letzten Jahres die öffentlichen Führungen eingestellt wurden, weil die bis dahin freigelegten archäologischen Befunde nahezu gänzlich dokumentiert und abgegraben waren, konnten in den letzten Monaten sämtliche Restflächen außerhalb des Kellers auf dem Gelände Braunstraße/Fischstraße abgearbeitet werden.

Außerdem ergruben die Archäologen alle relevanten Befunde unterhalb der Kellersohle aus der Erbauungszeit der Dorothea-Schlözer-Schule, die bis dahin nicht untersucht werden konnten. Parallel dazu erfuhren die Arbeiten auf dem östlichen Schulinnenhof der Hanse-Schule ihre Fortsetzung (aufgrund der räumlichen Gegebenheiten - und zudem ohne Überdachung - konnte dieses Grabungsareal der Öffentlichkeit für Besichtigungen leider nicht zugänglich gemacht werden).

Ein Blick in Grabung 3 während der archäologischen Untersuchungen im Spätsommer 2012.

Ein Blick in Grabung 3 während der archäologischen Untersuchungen im Spätsommer 2012.

Nach einem bis in die Kellergeschosse durchgeführten Teilabriss der Hanse-Schule wurden von Mai bis Juli 2013 die vorderen Bereiche der beiden Grundstücke Fischstraße 18-20 untersucht. Dabei ergaben sich überaus interessante Mauerwerksbefunde, die eine traufenständige Vorderhausbebauung dieser Grundstücke schon ab etwa 1225 belegen. Zusammen mit früheren Befunden dieser Art zeigt sich vor allem an der Fischstraße eine geschlossene Reihenbebauung mit kleinen unterkellerten Vorderhäusern, die als die ersten Backsteingebäude der Lübecker Kaufleute anzusprechen sind. Die bis heute das Straßenbild dominierenden großen Giebelhäuser entstanden erst in der Zeit um 1300, zum Teil durch Umbau der älteren kleinen Vorderhäuser. Mit diesen neuen Erkenntnissen zur ersten Phase der Backsteinverwendung im profanen Wohnbau konnte im Rahmen dieses Ausgrabungs-Projektes ein wesentlicher Beitrag zur Baugeschichte der Hansestadt geleistet werden.

Die Haupttätigkeit der Zeit zwischen November 2012 und Februar 2013 widmete sich dem großen Holzkeller in der Fischstraße 17, der nach seiner Entdeckung und ersten Teil-Ausgrabung im Frühjahr 2012 aus konservatorischen Gründen mit atmungsaktiver Folie sowie Erdreich abgedeckt wurde und eine permanente Befeuchtung erfuhr, um ein Austrocknen der Hölzer während der warmen Monate zu vermeiden. Schließlich sollten von dem aus drei Kammern bestehenden Schwellen-Ständer-Bau, dessen konstruktive Elemente Grundschwellen, Wand- und Eckständer, Rähm- und Deckenbalken sowie einige Deckenbohlen nahezu vollständig erhalten sind, möglichst im Original-Bauzustand geborgen werden.

Während der Wintermonate 2012/2013 wurde der große und nahezu vollständig erhaltene Holzkeller sukzessive abgebaut und dokumentiert.

Während der Wintermonate 2012/2013 wurde der große und nahezu vollständig erhaltene Holzkeller sukzessive abgebaut und dokumentiert.

Die akribisch durchgeführte Freilegung und Dokumentation des Kellers erbrachte zusammen mit den Ergebnissen der Dendrochronologie letztlich viele erstaunliche Details ans Tageslicht. Bei Bergung der Hölzer und Analyse-Konstruktion der Holzverbindungen wie Verzapfungen, Überblattungen und Einhälsungen wurde deutlich, dass die mittelalterlichen Handwerker bei diesem Bau gänzlich ohne Nägel und Dübel auskamen.

Die erste Interpretation des Ausgrabungsbefundes, wonach es sich bei dem Keller um einen zweiphasigen Bau handele, bestätigte sich. Nun steht fest, dass der 9 Meter lange und 5,5 Meter breite Keller mit einiger Sicherheit zusammen mit der aufgehenden mehrstöckigen Konstruktion darüber um 1180 errichtet worden ist, die allerdings kurz vor dem Jahr 1193 vermutlich durch einen Brand zerstört wurde. Bei der darauf erfolgten Umbaumaßnahme überbaute man den Keller mit einem kleineren Gebäude; zudem erhielt der Keller durch das Einziehen zweier Zwischenwände eine neue Untergliederung. Schon wenig später – um 1208 – wurde der gesamte Bau aufgegeben und verfüllt.

Der perfekte Zustand der Bauhölzer vermittelt einen Einblick in die Zimmermannstechnik der Zeit um 1180 und macht sie nachvollziehbar. Der perfekte Zustand der Bauhölzer vermittelt einen Einblick in die Zimmermannstechnik der Zeit um 1180 und macht sie nachvollziehbar.

Der perfekte Zustand der Bauhölzer vermittelt einen Einblick in die Zimmermannstechnik der Zeit um 1180 und macht sie nachvollziehbar.

Interessanterweise waren die durch die Verkleinerung des Kellers entstandenen Nebenräume zwischen den ehemaligen Außenwänden und neuen Zwischenwänden im Westen wie im Osten während seiner Nutzungszeit zwischen etwa 1196 und 1208 nicht verfüllt. Da zudem keine Durchgänge oder Türen zwischen dem verkleinerten Kellerraum und den Nebenräumen festgestellt werden konnten, steht (bislang nur hypothetisch) zu vermuten, dass es sich hier um einen Kühlkeller handelt, dessen Nebenräume von oben mit Eisblöcken gefüllt wurden, um die so entstehende Niedrigtemperatur im gesamten Raum als klimatisiertes Warenlager zu nutzen.

Eine weitere Besonderheit bei dem etwa 830 Jahre alten Keller besteht darin, dass er bereits bei seiner Erbauung um 1180 einen Zugang in Form einer Backsteintreppe erhielt.

Eindrucksvoll: Die mächtigen Schwellen und Bohlen in hervorragendem Erhaltungszustand sowie Kellerzugang und –treppe aus Backsteinen.

Eindrucksvoll: Die mächtigen Schwellen und Bohlen in hervorragendem Erhaltungszustand sowie Kellerzugang und –treppe aus Backsteinen.

Die Kombination von Holz mit Natur- oder Backsteinen ist selten und in Lübeck von anderen archäologischen wie bauhistorischen Untersuchungen bislang nicht bekannt gewesen. Erst im Verlauf dieser Ausgrabungen konnten nun bereits vier verschiedene Kellerzugänge jeweils mit einer Kombination aus Holz und Natur- oder Backsteinen festgestellt werden. Gleichzeitig liegen mit diesen Konstruktionen die ältesten Nachweise für eine Verwendung von Backsteinen im bürgerlichen Wohnbau in der Stadt vor.

Der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand des Holzes und seine massive Ausführung (zwei Schwellen waren 9 Meter lang bei einem Querschnitt von 35 x 40 cm) sind gute Voraussetzungen für eine Konservierung des Holzbaus. Allerdings wäre ein solches Vorhaben für die Hansestadt Lübeck allein eine Nummer zu groß, doch es gelang nach einigen Verhandlungen mit renommierten Instituten und Sponsoren ein archäologisch-holzwissenschaftliches Gemeinschafts-Projekt zu initiieren, bei dem Lübeck den Holzkeller selbst als Konservierungsobjekt zur Verfügung stellt. Nach einer erfolgreichen Konservierung aller Bauteile, die mehrere Jahre dauern wird, soll der Holzkeller wieder nach Lübeck zurückkehren, um dann aufgebaut und ausgestellt zu werden; wo das sein wird, ist jedoch noch nicht bekannt.

Die weitere Geschichte des Grundstückes Fischstraße 17 ist aus archäologischer Sicht nur noch fragmentarisch erhalten. Es ist davon auszugehen, dass zwischen dem Holzkeller und der Fischstraße das Wohnhaus der Grundstücksbesitzer gestanden hat: Ein giebelständiges ebenerdiges Holzgebäude in Schwellbohlen-Konstruktion.
Ebenfalls zu vermuten ist, dass dieses Haus mindestens einen Kachelofen besaß, der bei Aufgabe von Wohnhaus und Keller in den Nebenräumen dieses Kellers entsorgt wurde. Danach erfuhr das Grundstück wohl recht bald nach 1208 eine Neubebauung, im vorderen Bereich wahrscheinlich mit einem kleinen Vorderhaus aus Backstein. Darauf deuten die auf dem Grundstück gefundenen Backsteine hin, deren Formate mit etwa 10 cm Höhe zur dänischen Zeit in Lübeck (1201-1227) hier üblich waren.

Hingelegt und nicht abgeholt: Etwa 230 Rundhölzer wurden hier in einer Grube gelagert, aber nicht weiter bearbeitet.

Hingelegt und nicht abgeholt: Etwa 230 Rundhölzer wurden hier in einer Grube gelagert, aber nicht weiter bearbeitet.

Auf einem südlich gelegenen Nachbargrundstück wurde ein weiterer interessanter Holz-Befund ergraben und dokumentiert: Eine Grube, in der etwa 230 Rundhölzer in Nord-Süd-Richtung lagen. Die durchschnittlich zwei bis drei Meter langen und bis zu 15 Zentimeter dicken Laubhölzer waren innerhalb der im anstehenden Ton eingetieften und nicht ausgesteiften Grube eng übereinander gestapelt. Möglicherweise ist der in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datierende Befund dahingehend zu interpretieren, dass es sich hier um einen Vorrat an Bauhölzern handelt, die feucht gehalten wurden, um leichter bearbeitet werden zu können. Offensichtlich fanden die Hölzer jedoch keine Verwendung und wurden – aus welchem Grund auch immer – „vergessen“.

Ein ehemaliges Transportfass wurde auf dem Grundstück Alfstraße 15 im 14. Jahrhundert zu einem Brunnen umfunktioniert.

Ein ehemaliges Transportfass wurde auf dem Grundstück Alfstraße 15 im 14. Jahrhundert zu einem Brunnen umfunktioniert.

Bemerkenswert, wenn auch nicht außergewöhnlich, ist ein vollständiges und fast drei Meter langes Holzfass, das in dessen „ersten Leben“ während des 13. Jahrhunderts als Transportbehälter im Einsatz war. In sekundärer Verwendung diente das Fass mit einem Durchmesser von knapp einem Meter im Inneren eines ebenerdigen Gebäudes des 14. Jahrhunderts auf dem Grundstück Alfstraße 15 als Brunnen. Dazu war es durch den anstehenden Ton hindurch bis in eine wasserführende Sandschicht eingegraben worden, damit Grund- oder Schichtenwasser im hölzernen Brunnenschacht aufsteigen und abgeschöpft werden konnten.

Spektakulär sind jedoch Fund und Zweitverwendung eines ausgedienten hölzernen Kammrades mit einem Durchmesser von 2,30 Meter, das ursprünglich im Getriebe einer Wasser- oder Windmühle eingebaut war. (Kammräder sind Zahnräder, deren Zähne kammartig herausstehen – mehrere solcher Räder übersetzen durch ihre Verzahnung die Kraft einer Flügelachse oder Wasserradwelle, um z.B. in Kornmühlen die großen schweren Mahlsteine zum Getreide-Mahlen in Bewegung zu setzen). Das Lübecker Kammrad war aus drei Lagen bogenförmig geschnittener Bohlen gefertigt und wies ursprünglich etwa 75 Zähne auf, die je 14 cm lang waren. Auf dem Grundstück Alfstraße 17 benutzte man das Rad quasi als Aussteifung und Schablone zur Errichtung einer kreisrunden Findlingskloake, in dem man es horizontal in etwa drei Meter Tiefe verlegte, darauf die Findlinge setzte und diese schließlich mit Lehm verfugte. Da das Fundmaterial dieses Abfallschachtes sämtlich in das frühe 17. bis 19. Jahrhundert datiert und keine Anzeichen für Entleerungsvorgänge vorhanden sind, wird auch der Bau der Kloake in den Beginn des 17. Jahrhunderts zu setzen sein.

Dieses Kammrad aus dem Getriebe einer Wasser- oder Windmühle befand sich zuunterst einer Kloake und diente quasi als Schablone für den kreisrunden Aufbau der Findlinge.

Dieses Kammrad aus dem Getriebe einer Wasser- oder Windmühle befand sich zuunterst einer Kloake und diente quasi als Schablone für den kreisrunden Aufbau der Findlinge.

Ein Blick in die spätmittelalterlichen Keller der Vorderhäuser und zugehöriger Seitenflügel in der Fischstraße 24 und 26.

Ein Blick in die spätmittelalterlichen Keller der Vorderhäuser und zugehöriger Seitenflügel in der Fischstraße 24 und 26.

Im jetzigen Eingangsbereich des Grabungszeltes fällt der Besucher geradezu in die Keller der ehemaligen Vorderhäuser Fischstraße 24, 26 und 28 aus dem späten 13. Jahrhundert sowie in die der im 14./15. Jahrhundert angesetzten Seitenflügel. Die unterschiedlichen Niveaus der beiden Kellerebenen sind deutlich zu erkennen: Die jüngeren Keller liegen etwa einen Meter höher als die der Vorderhäuser selbst und waren mit mehreren Treppenstufen zu erreichen. Als außergewöhnlich lässt sich der gute und nahezu komplett erhaltene Fußbodenbelag aus Gotland-Platten in den Kellerräumen der beiden Seitenflügel bezeichnen. In der nördlichen Vorderhaus-Kellerwand von Haus 26 ist eine komplette Lichtnische zu erkennen; in diese wurde damals eine Kerze, Fackel oder ein Kienspanhalter gestellt, um zumindest etwas Licht im dunklen Keller zu haben.

Die Erhaltungsbedingungen der historischen Backsteinbauten sind in diesem Bereich besonders gut, weil im Zuge der Errichtung der ehemaligen Hanse-Schule in den 1960er Jahren hier keine Unterkellerungen stattgefunden haben, sondern lediglich Streifenfundamente auf die etwa halbe Höhe der spätmittelalterlichen Keller aufgesetzt wurden. Nach Abbau des Grabungszeltes (vermutlich im März 2014) werden die modernen Streifenfundamente entfernt, damit eine eingehende Untersuchung der drei Vorderhausbereiche mit den gut erhaltenen Kellerräumen erfolgen kann.

Aus recht exakt datierbaren Siedlungsschichten und gut gefüllten Abfallschächten kamen erneut eine Reihe interessanter Funde ans Tageslicht, die Hinweise auf den Alltag der Lübecker Bevölkerung in Mittelalter und früher Neuzeit geben.

Ausgefallen: Die ehemals wohl farbigen Einlagen des Fürspans aus dem 13. Jahrhundert sind leider nicht mehr vorhanden.

Ausgefallen: Die ehemals wohl farbigen Einlagen des Fürspans aus dem 13. Jahrhundert sind leider nicht mehr vorhanden.

Dazu zählt beispielsweise ein Fürspan (auch als „Fürspann“ oder „Fürspange“ bezeichnet), eine mittelalterliche Brosche, die vor allem aus Fundzusammenhängen des 12. und 13. Jahrhunderts bekannt ist.Der Fürspan als Nachfolger der Fibel hatte insbesondere einen praktischen Zweck: Er schloss den keilförmigen Halsausschnitt eines Schlupfkleides am Hals und war zugleich ein dekoratives Accessoire, da diese Gewandspangen ebenso als Schmuckstücke anzusehen sind. Sicherlich war auch das Lübecker Exemplar ein solcher „Hingucker“ gewesen, allerdings ist die einstige Schönheit des Stückes nur noch zu erahnen, da sämtliche Einlagen aus Glas, Email oder Halbedelsteinen ausgefallen sind. Im Laufe der Ausgrabungen wurde der Fürspan auf dem Grundstück Fischstraße 18 im Hofbereich letztlich in einer neuzeitlichen Schicht geborgen, die des Öfteren umgelagert wurde und weitere Fundstücke des 13. Jahrhunderts enthielt.

Zeitvertreib um 1500 – auch in Lübeck wurde Schach gespielt.

Zeitvertreib um 1500 – auch in Lübeck wurde Schach gespielt.

Die drei recht kleinen Schachfiguren mit einer Höhe von etwa 3,5 cm sind aus Knochen gedrechselt und zeigen, dass die Lübecker Bürger durchaus etwas von geschickten Schachzügen verstanden. Etwa in der Zeit um 1500 hatte aber die Besitzerin oder der Besitzer der Figuren keine Verwendung mehr für sie. Zusammen mit unterschiedlichen Keramik- und Glasgefäßen sowie vielen anderen Haushaltsgegenständen wurden die Spielsteine kurzerhand in einem sekundär als Kloake genutzten ehemaligen Findlingsbrunnen auf dem Grundstück Braunstraße 30a entsorgt. Die verschiedenen Objekte, die hier wohl zum gleichen Zeitpunkt in der Kloake verschwanden, gehörten möglicherweise ein und denselben Eigentümern und vermitteln dabei den Eindruck einer frühen „Haushaltsauflösung“.

Ein hölzerner Löwe mit stolzem Blick – vermutlich von einem ehemaligen Möbelstück.

Ein hölzerner Löwe mit stolzem Blick – vermutlich von einem ehemaligen Möbelstück.

Aus einem Abfallschacht in der Fischstraße 18 stammen auch zwei weitere Funde, die Teile eines größeren Komplexes sind, der vermutlich um 1600 weggeworfen wurde. Die Löwenfigur aus Eichenholz 014 = Löwe wird als ehemaliger Möbelaufsatz zu interpretieren sein und vermutlich von einer Rücken- oder Armlehne eines Stuhles, vielleicht aber auch von einem anderen Möbelstück, wie Schrank oder Bett, stolz in die Runde geschaut haben. Die Schnitzarbeit selbst ist zwar nicht sehr filigran, lässt aber die majestätische Haltung des Löwen durchaus erkennen.

Was mochte wohl der Inhalt des kleinen Fläschchens gewesen sein: Medizin? Öl? Parfüm?

Was mochte wohl der Inhalt des kleinen Fläschchens gewesen sein: Medizin? Öl? Parfüm?

Das kleine, nur 6,5 cm hohe und abgeflachte Fläschchen besteht aus mittelgrünem sog. Waldglas und dürfte in einer Glashütte in Südniedersachsen hergestellt worden sein. 015 = Fläschchen Die diagonal verlaufenden Rippen und der aus einem umgelegten Glasfaden gebildete Rand weisen es als typisches Produkt des 16. Jahrhunderts aus. Die relativ massive Ausführung aus dickem Glas wird wohl der Grund für hervorragende Erhaltung des Stückes sein. Über den ehemaligen Inhalt und damit auch über den Verwendungszweck lässt sich jedoch nur spekulieren: Es ist anzunehmen, dass das Fläschchen im privaten Umfeld benutzt wurde und zur Aufbewahrung von Medizin, einem wertvollen Öl oder gar eines Parfüms gedient hatte.

(Text: Dr. Peter Steppuhn und Ursula Radis M.A.)