Neuigkeiten aus dem Lübecker Gründungsviertel
Stand: Juli 2012
Die Erst-Fassung (April 2010) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel sehen Sie hier.
Eine erste Aktualisierung (Oktober 2010) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel finden Sie hier.
Eine zweite Aktualisierung (August 2011) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel erhalten Sie hier.
Der aktuelle Befundplan aller
drei Grabungsabschnitte belegt
mit einer überaus reichhaltigen
Hinterlassenschaft hoch- wie
spätmittelalterlicher Baubefunde
und Siedlungsstrukturen eine bewegte
Geschichte der Hansestadt Lübeck
in den letzten gut 850 Jahren
Nach Bergung einer nahezu kompletten Toiletten-Anlage im rückwärtigen Bereich des Grundstückes Braunstraße 26 innerhalb eines etwa 3,0 x 3,5 Meter großen Holzhauses mit zugehörigem Kloakenschacht und Doppelsitz des 13. Jahrhunderts wurde jetzt auf dem Gelände Fischstraße 17 ein vollständiger Holzkeller entdeckt, der vermutlich in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datieren ist. Von dem aus drei Kammern bestehenden Schwellen-Ständer-Bau sind nahezu alle konstruktiven Elemente erhalten: Grundschwellen, Wand- und Eckständer, Rähm- und Deckenbalken sowie einige Deckenbohlen. Zwei hölzerne Kloakenschächte, die sich unmittelbar südlich des Kellers befinden, werden etwas später, wohl im Verlauf des 13. Jahrhunderts, angelegt worden sein.
Ein kompletter Holzkeller mit mächtigen
Bohlen und Balken vermittelt einen Einblick
in die Zimmermannstechnik der Zeit schon
kurz vor 1200.
Nach erster Interpretation des Ausgrabungsbefundes könnte es sich bei dem Keller um einen zweiphasigen Bau handeln, der zunächst die Maße von etwa 9,2 x 5,6 Meter aufwies und zu einem späteren Zeitpunkt verkleinert wurde. Mit einer Grundfläche von knapp 52 Quadratmetern gehört der über 800 Jahre alte Holzkeller zu den größten seiner Art und aus diesem Zeitraum, die bislang in Nordeuropa freigelegt werden konnten. Die Isometrie des Gebäudes zeigt das rekonstruierte Aussehen des untertägigen Raumes und Größe wie Lage der in situ erhaltenen Hölzer, deren Erhaltungszustand als außerordentlich gut zu beschreiben ist. Der wuchtige Bau, der auf 35 x 35 Zentimeter mächtigen Schwellen steht, wurde bisher nur zum Teil ausgegraben und dokumentiert, anschließend aus konservatorischen Gründen mit atmungsaktiver Folie und Erdreich abgedeckt und erfährt eine permanente Befeuchtung, um ein Austrocknen der Hölzer zu vermeiden. Es wird erwogen, das Kellergebäude als Ganzes zu erhalten und nach dessen Konservierung an einem anderen Ort auszustellen.
Manuelle Freilegung und digitale
Befundbeschreibung eines hölzernen
Blockbaus, in dem sich in seiner ersten
Phase um 1200 ein Backofen befand.
In dem Haus, das in der Zeit um 1200 errichtet wurde, befand sich ein Backofen mit einer Lehmkuppel. Reste des Ofens innerhalb des Holzbaus belegen deutlich eine mittelalterliche Backstube. Nachdem der ebenerdige Blockbau samt Backofen aufgegeben worden war erfolgte an gleicher Stelle die Anlage eines holzausgesteiften Abfallschachtes, der eine humose Füllung aufwies. Wie die weiteren archäologischen Untersuchungen auf dem Grundstück zeigten, ist hier mit Nachweisen weiterer Handwerkszweige zu rechnen, denn im Zuge der Errichtung des Backhauses wurde eine ältere Werkstatt, in der wahrscheinlich Buntmetallverarbeitung stattfand, gestört bzw. teilweise überbaut.
Die Eichenhölzer des etwa 800
Jahre alten Blockbaus sind
noch gut in Schuss.
Eine Detailaufnahme von der Süd-Ost-Ecke des Gebäudes belegt eindrucksvoll den guten Erhaltungszustand sowie die Konstruktionstechnik der mittelalterlichen Hausbauer.
Nach Abschluss der Grabungen im Abschnitt 2 werden die Untersuchungen auf der Fläche 3 weiter intensiviert.
Auf dem Areal der Grabung 3 werden besonders gute Erhaltungsbedingungen der historischen Strukturen erwartet und es ist vorgesehen, die archäologische Hinterlassenschaft auf den Grundstücken Fischstraße 26 und 28 weitgehend zu erhalten und sichtbar zu machen. Da sich der Abriss der Hanse-Schule um über ein Jahr verzögert, können die Grabungsarbeiten im westlichen Innenhof voraussichtlich erst im Frühjahr 2013 beginnen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Abschnitt 3 eine gleich hohe Befund-Dichte aufweist wie das der ehemaligen Dorothea-Schlözer-Schule. So konnten im östlichen Innenhof-Bereich ebenfalls eine Reihe von Holzbauten freigelegt und dokumentiert werden.
Ein hölzernes Quergebäude des 12./13.
Jahrhunderts in der Fischstraße 20 mit
Kloake und holzabgedeckter Abfallgrube.
Die seit dem späten 13. Jahrhundert in Lübeck vorherrschende Backsteinbebauung ist auf der untersuchten Fläche der Hanse-Schule dagegen nur fragmentarisch erhalten, was einerseits den Kriegszerstörungen, andererseits und in noch höherem Maße der Nachkriegsbebauung mit ihren oft tiefgreifenden Bodeneingriffen geschuldet ist.
Während die vielen und variationsreichen Gebäudereste einen hervorragenden Einblick in Hausformen und Besiedlungsstrukturen vom Hoch- bis zum Spätmittelalter ermöglichen, geben gleichfalls die aus Findlingen, Backsteinen oder Holz bestehenden prall gefüllten Abfallschächte als aufregendste Schatztruhen der Archäologen üppige Fundspektren frei. Denn über Jahrhunderte gelangte in die bis zu sechs Meter tiefen Bauten alles aus den bürgerlichen Haushalten, was verbraucht oder überflüssig war, bzw. durch ein Missgeschick entzwei oder verloren ging. Im Verlauf der archäologischen Untersuchungen in allen drei Grabungsabschnitten konnten bislang 31 Kloaken bzw. Abfallschächte ergraben, dokumentiert und zum größten Teil komplett ausgenommen werden, wobei ganz unterschiedlich viel Fundmaterial pro Anlage zu verzeichnen ist.
Welch ein herber Verlust: Dieses wertvolle
Täschchen aus Seide gelangte in der Zeit
um 1500 in einem Abfallschacht.
Ein typisches Glasgefäß-Spektrum des 15.
bis 17. Jahrhunderts aus unterschiedlichen
Entsorgungs-Anlagen im Lübecker
Gründungsviertel.
Bei diesem Kamm aus der zweiten Hälfte des
12. Jahrhunderts werden die drei Knochen-
bzw. Geweihplatten mit Buntmetallnieten
zusammengehalten.
Ein kleines Schankgefäß des 15. Jahrhunderts
aus sogenanntem Siegburger Steinzeug.
Immer wieder erstaunlich ist, dass Keramikgefäße, manchmal sogar Glasgefäße, völlig unversehrt weggeworfen wurden und ihre Aufenthaltsdauer in einem Abfallschacht unbeschadet überstanden. Dieses Glück hatte u. a. ein 9 Zentimeter hoher Trichterhalsbecher des 15. Jahrhunderts aus Steinzeug mit einer plastischen Auflage auf der Vorderseite, das ein florales Motiv trägt. Die Form des Gefäßes mit seinem wellenförmigen Fuß sowie die hellgelbe Scherbenfarbe, oftmals an der Oberfläche rötlich-braun geflammt, weisen das Stück mit recht großer Sicherheit als ein Produkt Siegburger Werkstätten aus. Keramikgefäße aus „Siegburger Steinzeug“ wurden in enormen Stückzahlen produziert und finden sich im Fundmaterial nahezu aller Handelsstädte des 13. bis frühen 17. Jahrhunderts in Nord- und Mitteleuropa.
Kurzweil muss sein – eine Holzflöte des
17./18. Jahrhunderts aus einer Kloake.
Der Gulden Kaiser Karls V. wurde 1523 in Deventer geprägt.
Sicherlich nicht freiwillig geriet diese Goldmünze (Durchmesser: 2,5 Zentimeter) in einen Abfallschacht an der Fischstraße. Numismatische Untersuchungen haben ergeben, dass Kaiser Karls V. diesen Gulden im Jahre 1523 im niederländischen Deventer prägen ließ. Der heutige Wert eines Guldens ist nur sehr vage zu ermitteln, doch auf Grundlage der Erkenntnisse zum „Großen Lübecker Goldschatz“, der zwischen 1533 und 1537 von seinem reichen Eigentümer unter den Dielen des Hauses An der Obertrave 16 versteckt wurde, lässt sich ansatzweise ein Gegenwert errechnen. Da die niederländischen Gulden der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts deutlich weniger wert waren als etwa rheinische Gulden, könnte dieser etwa mit einer Mark lübisch angesetzt werden. Nach heutigem Stand (der Lübecker Goldschatz soll etwa 1780 Mark lübisch und damit 250-300.000 Euro wert gewesen sein) ergibt sich für den verlorenen Gulden somit ein Gegenwert von etwa 150 Euro.
Führungen durch die Ausgrabungen im Gründungsviertel:
Zwar gehen die archäologischen Untersuchungen im Bereich Braunstraße / Fischstraße / Alfstraße weiter voran und werden kontinuierlich fortgesetzt, jedoch ist nun ein Zeitpunkt erreicht, an dem im Grabungszelt nahezu alle mittelalterlichen Befunde abgegraben sind. Aus diesem Grund stellt der Bereich Archäologie der Hansestadt Lübeck vorerst die öffentlichen Führungen im Grabungsabschnitt 2 (ehemalige Dorothea-Schlözer-Schule) ein. Bis auf Weiteres bleibt jedoch während der Arbeitszeiten auf dem Grabungsareal der kostenlose Zutritt zum Grabungs-Zelt möglich, damit alle Lübeck-Besucher sowie die Bürgerinnen und Bürger weiterhin am Fortgang der Ausgrabungen teilhaben können.
Der Abriss der Hanse-Schule (Grabungsabschnitt 3) wird voraussichtlich ab März 2013 erfolgen. Nach Beseitigung der oberen Schuttschichten und Umsetzen des Grabungszeltes auf das westliche Areal der Hanse-Schule könnten die öffentlichen Führungen vermutlich ab Juli/August 2013 wieder aufgenommen werden. Der Bereich Archäologie wird über den Fortgang der Arbeiten berichten und den Wiederbeginn der Führungen bekanntgeben.
Individuelle Führungen nach Vereinbarung:
Ansprechpartner im Bereich Archäologie und Denkmalpflege sind:
Doris Mührenberg M.A.
E-Mail: doris.muehrenberg@luebeck.de
Tel.: (0451) 122 7160
Fax: (0451) 122 1394
Dr. Peter Steppuhn
E-Mail: peter.steppuhn@luebeck.de
Tel.: (0451) 122 7123
Mobil: (0172) 753 93 57
Fax: (0451) 122 1394
Kosten: Gruppen bis 9 Personen: 20 Euro, Gruppen ab 10 Teilnehmer: 2 Euro pro Person
(Kinder / Schüler / Studenten je 1 Euro); werktags ab 18 Uhr, samstags, sonn- und feiertags gelten andere Preise.
Treffpunkt für alle Führungen ist der Eingang zum Grabungszelt, Braunstraße 16.
InfoPoint, Braunstraße 14:
Der InfoPoint bietet Informationen über die Grabung und ihre Geschichte. Auf zwölf Tafeln wird dargestellt, was überbaut werden könnte, nachdem alle Geheimnisse des Mittelalters und der Neuzeit gelüftet wurden. Zudem erhält jeder Gast im InfoPoint die Möglichkeit, sich anhand zweier Ordner in die detaillierte Ausgrabungs-Geschichte für dieses Projekt zu vertiefen sowie durch ein "Fund-ABC" der Bedeutung verschiedener archäologischer Funde auf den Grund zu gehen. Der Eintritt in den InfoPoint ist frei.
Öffnungszeiten des InfoPoints:
Montag bis Donnerstag 8.00 bis 15.30 Uhr
Freitag 8.00 bis 18 Uhr
Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr
(Text: Ursula Radis M.A. und Dr. Peter Steppuhn)

