Metanavigation / Stadtporträt deu
Datum
Mittwoch, 24.05.2017
Temperatur
16°C

Schnellnavigation / Service

Schnellsuche

 

Weitere Informationen

Service

 
Neuigkeiten aus dem Lübecker Gründungsviertel

Stand: Juli 2012

Aktueller Grabungsplan HL150/151

Der aktuelle Befundplan aller
drei Grabungsabschnitte belegt
mit einer überaus reichhaltigen
Hinterlassenschaft hoch- wie
spätmittelalterlicher Baubefunde
und Siedlungsstrukturen eine bewegte
Geschichte der Hansestadt Lübeck
in den letzten gut 850 Jahren

Der Sommer und Herbst 2012 des Großgrabungs-Projektes „Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel“ stehen ganz im Zeichen von letzten Freilegungs- und Dokumentations-Tätigkeiten im jetzigen Abschnitt 2 (ehemaliger Schulhof der abgerissenen Dorothea-Schlözer-Schule) und der weiteren Orientierung auf den Grabungsabschnitt 3 (Hanse-Schule). Die außerordentlich hohe Befunddichte hat sich im Verlauf der archäologischen Untersuchungen wiederholt bestätigt. Dazu kommen die durch die Bodenverhältnisse begünstigten hervorragenden Erhaltungsbedingungen insbesondere bei Holzgebäuden, die immer wieder mit neuen Erkenntnissen überraschen.

Nach Bergung einer nahezu kompletten Toiletten-Anlage im rückwärtigen Bereich des Grundstückes Braunstraße 26 innerhalb eines etwa 3,0 x 3,5 Meter großen Holzhauses mit zugehörigem Kloakenschacht und Doppelsitz des 13. Jahrhunderts wurde jetzt auf dem Gelände Fischstraße 17 ein vollständiger Holzkeller entdeckt, der vermutlich in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts zu datieren ist. Von dem aus drei Kammern bestehenden Schwellen-Ständer-Bau sind nahezu alle konstruktiven Elemente erhalten: Grundschwellen, Wand- und Eckständer, Rähm- und Deckenbalken sowie einige Deckenbohlen. Zwei hölzerne Kloakenschächte, die sich unmittelbar südlich des Kellers befinden, werden etwas später, wohl im Verlauf des 13. Jahrhunderts, angelegt worden sein.

Holzkeller in situ

Ein kompletter Holzkeller mit mächtigen
Bohlen und Balken vermittelt einen Einblick
in die Zimmermannstechnik der Zeit schon
kurz vor 1200.

Holzkeller Rekonstruktion

Rekonstruktion des Kellers aus der
Fischstraße 17.

Nach erster Interpretation des Ausgrabungsbefundes könnte es sich bei dem Keller um einen zweiphasigen Bau handeln, der zunächst die Maße von etwa 9,2 x 5,6 Meter aufwies und zu einem späteren Zeitpunkt verkleinert wurde. Mit einer Grundfläche von knapp 52 Quadratmetern gehört der über 800 Jahre alte Holzkeller zu den größten seiner Art und aus diesem Zeitraum, die bislang in Nordeuropa freigelegt werden konnten. Die Isometrie des Gebäudes zeigt das rekonstruierte Aussehen des untertägigen Raumes und Größe wie Lage der in situ erhaltenen Hölzer, deren Erhaltungszustand als außerordentlich gut zu beschreiben ist. Der wuchtige Bau, der auf 35 x 35 Zentimeter mächtigen Schwellen steht, wurde bisher nur zum Teil ausgegraben und dokumentiert, anschließend aus konservatorischen Gründen mit atmungsaktiver Folie und Erdreich abgedeckt und erfährt eine permanente Befeuchtung, um ein Austrocknen der Hölzer zu vermeiden. Es wird erwogen, das Kellergebäude als Ganzes zu erhalten und nach dessen Konservierung an einem anderen Ort auszustellen.

Blockbau und Archäologe

Manuelle Freilegung und digitale
Befundbeschreibung eines hölzernen
Blockbaus, in dem sich in seiner ersten
Phase um 1200 ein Backofen befand.

Während es für hochmittelalterliche Schwellen-Ständer-Bauten in Lübeck inzwischen über 20 Beispiele gibt, sind Blockbauten dieser Zeitstellung bis jetzt nur selten nachgewiesen. Nun konnte ein solches Gebäude auf dem Grundstück Braunstraße 20 ergraben werden.

In dem Haus, das in der Zeit um 1200 errichtet wurde, befand sich ein Backofen mit einer Lehmkuppel. Reste des Ofens innerhalb des Holzbaus belegen deutlich eine mittelalterliche Backstube. Nachdem der ebenerdige Blockbau samt Backofen aufgegeben worden war erfolgte an gleicher Stelle die Anlage eines holzausgesteiften Abfallschachtes, der eine humose Füllung aufwies. Wie die weiteren archäologischen Untersuchungen auf dem Grundstück zeigten, ist hier mit Nachweisen weiterer Handwerkszweige zu rechnen, denn im Zuge der Errichtung des Backhauses wurde eine ältere Werkstatt, in der wahrscheinlich Buntmetallverarbeitung stattfand, gestört bzw. teilweise überbaut.

Blockbau Fischstraße 20 ganz

Ein weiterer Blockbau auf dem Grundstück Fischstraße 20.

Blockbau Fischstraße 20 Detail

Die Eichenhölzer des etwa 800
Jahre alten Blockbaus sind
noch gut in Schuss.

Ein weiterer Blockbau in deutlich besserer Erhaltung wurde jüngst auf dem Grundstück Fischstraße 20 (Grabung 3) freigelegt. Bei diesem Gebäude handelt es sich wohl um ein Wirtschaftsgebäude, das in die Zeit um 1200 datieren dürfte.
Eine Detailaufnahme von der Süd-Ost-Ecke des Gebäudes belegt eindrucksvoll den guten Erhaltungszustand sowie die Konstruktionstechnik der mittelalterlichen Hausbauer.

Plan Grabung 1 - 3

Nach Abschluss der Grabungen im Abschnitt 2 werden die Untersuchungen auf der Fläche 3 weiter intensiviert.

Parallel zu den Grabungen in den Abschnitten 1 und 2 begannen im Juli 2011 gleichfalls archäologische Untersuchungen auf der dritten Grabungsfläche und hier im östlichen Schulhof der Hanse-Schule. 1986 wurden im Rahmen der fünfjährigen Grabungen „Alfstraße/Fischstraße“ in diesem Bereich für zwei Monate lediglich Sondierungsmaßnahmen bzw. erste Freilegungen durchgeführt, für eine spätere intensive Untersuchung jedoch zunächst wieder mit Sand verfüllt. Die Neuaufnahme der Grabungen komplettieren das Ende 2009 begonnene Großgrabungs-Projekt „Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel“ zu einer Gesamtfläche von etwa 9.000 Quadratmeter. Nimmt man das Areal der Altgrabung 1985-1990 dazu, stehen nunmehr insgesamt knapp 12.000 Quadratmeter zusammenhängende Untersuchungsfläche zur Verfügung, um die Entwicklungsgeschichte Lübecks nachzuvollziehen – ein Idealfall für die Archäologie!

Auf dem Areal der Grabung 3 werden besonders gute Erhaltungsbedingungen der historischen Strukturen erwartet und es ist vorgesehen, die archäologische Hinterlassenschaft auf den Grundstücken Fischstraße 26 und 28 weitgehend zu erhalten und sichtbar zu machen. Da sich der Abriss der Hanse-Schule um über ein Jahr verzögert, können die Grabungsarbeiten im westlichen Innenhof voraussichtlich erst im Frühjahr 2013 beginnen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Abschnitt 3 eine gleich hohe Befund-Dichte aufweist wie das der ehemaligen Dorothea-Schlözer-Schule. So konnten im östlichen Innenhof-Bereich ebenfalls eine Reihe von Holzbauten freigelegt und dokumentiert werden.

Holzhaus mit Kloake

Ein hölzernes Quergebäude des 12./13.
Jahrhunderts in der Fischstraße 20 mit
Kloake und holzabgedeckter Abfallgrube.

Auch bei den aktuellen Ausgrabungen liegen hervorragende Erhaltungsbedingungen vor, die weitere Erkenntnisse zur hoch- und spätmittelalterlichen Besiedlungsstruktur Lübecks erbringen. So ließ sich der Nachweis führen, dass die hinteren Hofbereiche der Grundstücke an der Fischstraße im 12./13. Jahrhundert jeweils mit einem hölzernen Quergebäude bebaut waren, in dessen Süd-West-Ecke sich neben einer Kloake noch eine ältere, ehemals holzabgedeckte Abfallgrube befand. Weiterhin konnten die hölzernen Vorgänger der späteren gemauerten Seitenflügel freigelegt werden.

Die seit dem späten 13. Jahrhundert in Lübeck vorherrschende Backsteinbebauung ist auf der untersuchten Fläche der Hanse-Schule dagegen nur fragmentarisch erhalten, was einerseits den Kriegszerstörungen, andererseits und in noch höherem Maße der Nachkriegsbebauung mit ihren oft tiefgreifenden Bodeneingriffen geschuldet ist.

Während die vielen und variationsreichen Gebäudereste einen hervorragenden Einblick in Hausformen und Besiedlungsstrukturen vom Hoch- bis zum Spätmittelalter ermöglichen, geben gleichfalls die aus Findlingen, Backsteinen oder Holz bestehenden prall gefüllten Abfallschächte als aufregendste Schatztruhen der Archäologen üppige Fundspektren frei. Denn über Jahrhunderte gelangte in die bis zu sechs Meter tiefen Bauten alles aus den bürgerlichen Haushalten, was verbraucht oder überflüssig war, bzw. durch ein Missgeschick entzwei oder verloren ging. Im Verlauf der archäologischen Untersuchungen in allen drei Grabungsabschnitten konnten bislang 31 Kloaken bzw. Abfallschächte ergraben, dokumentiert und zum größten Teil komplett ausgenommen werden, wobei ganz unterschiedlich viel Fundmaterial pro Anlage zu verzeichnen ist.

Geldbörse

Welch ein herber Verlust: Dieses wertvolle
Täschchen aus Seide gelangte in der Zeit
um 1500 in einem Abfallschacht.

So finden sich neben ganz alltäglichen Stücken, Werkstatt- und Schlachtabfällen gleichfalls außergewöhnliche Pretiosen mit z. T. hohem Seltenheitswert, wie etwa eine wertvolle Geldbörse, die sicherlich einer Person mit starkem Bezug zu Kirche und Religion gehörte. Die 15 cm breite und 16 cm hohe Bügeltasche ist komplett aus Seide gearbeitet und besitzt einen Klappverschluss aus Messing. Rechts und links des Verschlusses sind die Inschrift „Maria hilf“ sowie florale Motive eingraviert. Die am oberen Ende befindliche Schließe ist mit durchbrochenem spätgotischem Maßwerk verziert und gibt mit diesem Stil-Element Hinweise zur Datierung des außergewöhnlichen Täschchens. Parallelen zu dem Stück finden sich nicht nur in archäologischen Zusammenhängen, sondern ebenso auf zeitgenössischen Abbildungen des 15. und frühen 16. Jahrhunderts (z. B. bei Tafelbildern und Wandmalereien, u. a. beim „Lübecker Totentanz“ in der hiesigen Marienkirche).

Becher und Flaschen

Ein typisches Glasgefäß-Spektrum des 15.
bis 17. Jahrhunderts aus unterschiedlichen
Entsorgungs-Anlagen im Lübecker
Gründungsviertel.

Glasgefäße in Form von Trinkgläsern und Flaschen sowie Fensterverglasungen waren im Mittelalter zunächst den höheren sozialen Schichten vorbehalten. Erst in der Zeit um 1450 werden Gläser zum Massenartikel und damit für viele Menschen erschwinglich. Die ältesten Lübecker Glasschalen und Glasbecher datieren in die Zeit kurz vor 1200, besonders qualitätvolle Importstücke aus dem Mittelmeerraum fanden sich in Kloaken-Inventaren des 13. und 14. Jahrhunderts. Die hier zusammengestellten Gefäße des 15. bis 17. Jahrhunderts aus Abfallschächten an der Braun- und Fischstraße zeigen ein typisches Repertoire dieser Epoche, das in verschiedenen deutschen Mittelgebirgs-Regionen und in Böhmen hergestellt wurde. Das Gros der Gefäße war hell- bis dunkelgrün; durch mindere Glasqualität oder/und Lagerung der Scherben in aggressiven Bodenverhältnissen (etwa Fäkalien in einer Kloake) konnte sich die Glasmasse jedoch in verschiedene helle bis dunkle Brauntöne verfärben.

Knochenkamm

Bei diesem Kamm aus der zweiten Hälfte des
12. Jahrhunderts werden die drei Knochen-
bzw. Geweihplatten mit Buntmetallnieten
zusammengehalten.

Kämme in unterschiedlichsten Größen und Ausführungen, zumeist aus Knochen oder Geweih, gehören ebenfalls zum üblichen Fundspektrum mittelalterlicher Städte. Dieser Drei-Lagen-Kamm war Teil einer Gruben-Verfüllung aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und gehört damit zu den frühesten Exemplaren im Gründungsviertel. Die Sägespuren auf den äußeren Knochen- bzw. Geweih-Platten verraten, dass der Kamm zuerst fertig montiert wurde und erst dann das Aussägen der Zinken erfolgte. Außergewöhnlich sind die Buntmetall-Nieten, die die drei Lagen miteinander verbinden und dem Stück einen besonderen optischen Reiz verleihen.

Siegburger Kännchen

Ein kleines Schankgefäß des 15. Jahrhunderts
aus sogenanntem Siegburger Steinzeug.

Weitere interessante Fundstücke

Immer wieder erstaunlich ist, dass Keramikgefäße, manchmal sogar Glasgefäße, völlig unversehrt weggeworfen wurden und ihre Aufenthaltsdauer in einem Abfallschacht unbeschadet überstanden. Dieses Glück hatte u. a. ein 9 Zentimeter hoher Trichterhalsbecher des 15. Jahrhunderts aus Steinzeug mit einer plastischen Auflage auf der Vorderseite, das ein florales Motiv trägt. Die Form des Gefäßes mit seinem wellenförmigen Fuß sowie die hellgelbe Scherbenfarbe, oftmals an der Oberfläche rötlich-braun geflammt, weisen das Stück mit recht großer Sicherheit als ein Produkt Siegburger Werkstätten aus. Keramikgefäße aus „Siegburger Steinzeug“ wurden in enormen Stückzahlen produziert und finden sich im Fundmaterial nahezu aller Handelsstädte des 13. bis frühen 17. Jahrhunderts in Nord- und Mitteleuropa.

Holzflöte

Kurzweil muss sein – eine Holzflöte des
17./18. Jahrhunderts aus einer Kloake.

Vollständig erhalten ist ebenfalls eine Holzflöte, die zusammen mit weiterem Fundmaterial des 17./18. Jahrhunderts aus einer Kloake geborgen werden konnte. Mit einer Länge von knapp 26 Zentimeter erreicht sie fast die Länge einer heutigen Schulblockflöte, die etwa 30 Zentimeter lang ist. Ein Griffloch auf der Rückseite sowie sechs Grifflöcher und ein Doppelloch (zum Spielen von Halbtönen) auf der Vorderseite ermöglichten einen Tonumfang von mindestens zwei Oktaven.

Gulden Vorderseite
Gulden Rückseite

Der Gulden Kaiser Karls V. wurde 1523 in Deventer geprägt.

Sicherlich nicht freiwillig geriet diese Goldmünze (Durchmesser: 2,5 Zentimeter) in einen Abfallschacht an der Fischstraße. Numismatische Untersuchungen haben ergeben, dass Kaiser Karls V. diesen Gulden im Jahre 1523 im niederländischen Deventer prägen ließ. Der heutige Wert eines Guldens ist nur sehr vage zu ermitteln, doch auf Grundlage der Erkenntnisse zum „Großen Lübecker Goldschatz“, der zwischen 1533 und 1537 von seinem reichen Eigentümer unter den Dielen des Hauses An der Obertrave 16 versteckt wurde, lässt sich ansatzweise ein Gegenwert errechnen. Da die niederländischen Gulden der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts deutlich weniger wert waren als etwa rheinische Gulden, könnte dieser etwa mit einer Mark lübisch angesetzt werden. Nach heutigem Stand (der Lübecker Goldschatz soll etwa 1780 Mark lübisch und damit 250-300.000 Euro wert gewesen sein) ergibt sich für den verlorenen Gulden somit ein Gegenwert von etwa 150 Euro.

(Text: Ursula Radis M.A. und Dr. Peter Steppuhn)