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Neues von den Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel

Stand: Oktober 2010

Grabungsplan vom ersten Abschnitt

Der erste Abschnitt der Ausgrabungen im Gründungsviertel ist annähernd abgeschlossen, das Zelt, das einen großen Teil der Fläche auf dem ehemaligen Parkplatz Einhäuschen-Querstraße überdachte, ist abgebaut. Nun ist mit den neuesten Vermessungsgeräten am Computer ein absolut verzerrungsfreier Befundplan entstanden. Hier sieht man die genaue Lage der Befunde auf der archäologisch untersuchten Fläche: Holzgebäude, Zäune, Steinmauern, Kloakenschächte, Entwässerungssysteme und auch gewerbliche Anlagen, wie etwa ein Backofen. Die Kloaken bargen wiederum eine große Anzahl von Funden, die einen Einblick in das Leben der Lübecker vom 12. bis ins 18. Jahrhundert erlaubten. Neben Keramik fand sich z. B. eine Gussform zur Herstellung von Schmuckgegenständen, ein Zapfhahn und das Fragment eines Knochenkamms, auf dem nachvollziehbar wird, dass der Handwerker erst eine Markierung für die Zinkentiefe einritzte, bevor er mit den Sägearbeiten begann.

Bild rechts: Die Umzeichnung des Grabungsplans vom ersten Abschnitt zeigt eine bewegte Siedlungsgeschichte in den letzten über 800 Jahren.

Gussform Halle

Eine Gussform zur Herstellung von Schmuck.

Ein bronzener Zapfhahn aus bürgerlichem Haushalt.

Kammfragment

Das Kammfragment zeigt Markierungen des
Knochen-Sägers, um in etwa gleich lange Zinken
zu erhalten.

Das Grundstück Braunstraße 32 gehörte im 14. Jahrhundert Johann Paternostermaker, dessen Name von seinem Beruf herrührte, er stellte Perlen für die Rosenkränze, mit denen man das Vaterunser, Pater noster, betete, her. Die Archäologen fanden in der Kloake auf dem besagten Grundstück Abfallprodukte der Bernsteinperlenherstellung und Halbfabrikate von Perlen. Vielleicht sind sie durch die Hände Johann Paternostermakers gegangen? Sein Sohn Hinrich, der Kaufmann war, war der Rädelsführer des Knochenhaueraufstands 1384 und erlangte dadurch in Lübeck traurige Berühmtheit.

Interessant war auch ein Drainagegraben in der ehemaligen Einhäuschen Querstraße. Die Straße konnte fast auf ganzer Länge aufgedeckt werden, da sie bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg weiter östlich verlief als die heute so genannte Straße.

Mit Spannung wurden die Ergebnisse der dendrochronologischen Untersuchungen erwartet, bei der die im Holz vorhandenen Jahrringe den Kalenderjahren ihrer Entstehung zugeordnet werden, und so das Fällungsjahr des Baumes bestimmt wird. Ein hölzerner Keller, der in Resten auf dem Grundstück Braunstraße 30 ergraben werden konnte, wurde auf die Jahre zwischen 1180 und 1190 datiert. Damit nähern sich die Archäologen den beiden Gründungsdaten Lübecks, nämlich 1143 durch Graf Adolf von Schauenburg und 1159, nach Zerstörung durch einen Brand, durch Herzog Heinrich den Löwen!

Aus der Verfüllung eines zeitlich zum Gebäude gehörigen Grabens, der mit Rundhölzern dicht an dicht ausgekleidet war, die schräg ins Erdreich eingerammt worden waren, stammen zahlreiche Lederfunde, so dass jetzt eine große Anzahl von Schuhfragmenten, darunter auch Kinderschuhen, vorliegt.

Neben einigen Restarbeiten im Abschnitt 1 beginnen nun die Arbeiten unter der 2.250 m² großen Halle. Das mobile Gebäude steht auf den Kellerdecken der ehemaligen Dorothea-Schlözer-Schule. Die Aktivitäten in der Halle sind soweit gediehen, dass frühneuzeitliche und erste spätmittelalterliche Strukturen freigelegt werden konnten. Es sind die

Die große Grabungshalle

Die große Grabungshalle über der zweiten
Untersuchungsfläche nimmt gänzlich den
Platz der ehemaligen Schlözer-Schule ein.

Flügelanbauten und die Hofbereiche der Grundstücke in der Braunstraße und der Fischstraße zu sehen. Auf einen Lokalpatrioten deutet vielleicht ein Fußboden aus Backsteinen: Die Steine waren alle so verlegt, dass das Zeichen der Ratsziegelei, ein Stempel mit Doppelkopfadler, nach oben zeigte!

Überraschenderweise gibt es hier im zweiten Abschnitt noch keine Hinweise auf aus Backstein gemauerte Kloaken, wie wir sie aus dem Abschnitt 1 kennen, vermutlich sind also in diesem Bereich die holzausgesteiften Anlagen bis in die Neuzeit in Gebrauch geblieben. Weitere Erkenntnisse wird die fortschreitende Grabung erbringen!