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Günter Grass ehrt Melanie Spitta mit dem Otto-Pankok-Preis
990934RK 5. Dezember 1999

Der in Lübeck ansässige Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat am Sonntag, 5. Dezember, im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses der Publizistin, Bürgerrechtlerin und Filmemacherin Melanie Spitta den Otto-Pankok-Preis der von ihm 1997 gegründeten “Stiftung zugunsten des Romavolks” übergeben. Die deutsche Sinteza erhielt den mit 20 000 Mark dotierten Preis in Würdigung ihres Lebenswerkes.

Melanie Spitta, geboren 1946 in Hasselt/Belgien, verlor wie viele Sinti und Roma den größten Teil ihrer Familie in Konzentrationslagern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ab 1949 wuchs sie in Düren/Rheinland auf und erlebte frühzeitig Diskriminierung durch Mitschüler und Lehrer. Als Autorin und Filmemacherin, aber auch politisch als eine der ersten Sinti-Frauen als Bürgerrechtlerin, engagierte sie sich frühzeitig, die Geschichte ihres Volkes aufzuklären und trat stets für Toleranz und Aufklärung ein. Die “Gerechtigkeit für ihr Volk ist ihr zur Lebensaufgabe geworden”, sagte Bürgermeister Michael Bouteiller in seiner Begrüßungsrede vor zahlreichen geladenen Gästen und vielen Medienvertretern.

Günter Grass sagte, aus der Begründung der Jury zitierend: “Melanie Spitta hat mit ihrem Lebenswerk eine breite Öffentlichkeit auf das Schicksal der Sinti und Roma aufmerksam gemacht und damit einen wertvollen Beitrag zu Toleranz und Sensibilisierung geleistet. Mit Mut, Unbestechlichkeit und schonungsloser Offenheit erzählt sie vor allem mit filmischen Mitteln von den nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti und Roma und von der mangelnden Bereitschaft, diese Tatsache anzuerkennen und den überlebenden Opfern durch Akzeptanz und finanzielle Unterstützung ein Zeichen des Verstehens und der Scham zu geben.”

Vor der Preisverleihung gab Grass bekannt, daß die “Stiftung zugunsten des Romavolks” die humanitäre Arbeit der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Glinde, Kreis Stormarn, als öffentliche Anerkennung mit 5000 Mark ausgezeichnet habe. Fast viereinhalb Jahre lang gewährte die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in Glinde der Roma-Familie Dilaver und Miradije Daferoski sowie deren Kindern Güsepa, Seihan, Ajhan und Erhan aus dem ehemaligen Jugoslawien, genauer dem heutigen Teilstaat Mazedonien, Kirchenasyl. Die Pastoren Jürgen Probst und Matthias Bohl sowie viele Kirchenvorstandsmitglieder und hauptamtliche Mitarbeitende trugen und organisierten das Asyl - oft bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Grass dankte auch Wolfgang Främke von der Flüchtlingsarbeit in der Ökumenischen Arbeitsstelle des Kirchenkreises Stormarn, der die Kirchengemeinde und die Familie Daferoski während dieser Zeit sachkundig unterstützte sowie dem Unterstützerkreis für deren Einsatz und Solidarität bis in die Gegenwart hinein. Anfang September kehrten die Eltern unter dem Druck der Behörden nach Mazedonien zurück, die Kinder werden hier geduldet und leben in Geesthacht.

Das Kirchenasyl für die Romafamilie sei ein lobenswertes Beispiel für Initiativen, die ganz im Sinne seiner Stiftung handelten. Nämlich “das Verständnis für das Romavolk zu fördern und über seine kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären” sowie zu Toleranz beizutragen. Mit dem Otto-Pankok-Preis werden journalistische, wissenschaftliche, sozialpolitische und künstlerische Arbeiten gefördert, deren Anlaß und Thema das Romavolk ist, insbesondere die Sinti und Roma in Deutschland.

Weshalb gerade die Wahl auf Melanie Spitta fiel, erklärte der Gießener Soziologe Professor Dr. Reimer Gronemeyer in seiner Laudatio. Melanie Spitta und Katrin Seybold (Münchener Filmemacherin, mit der Spitta eng zusammenarbeitet) hätten in ihren Filmen Archäologie betrieben: Erinnerung an das Verlorene, Erinnerung an das Verbrechen, Erinnerung an das Vergessene. Ob diese Arbeit gegen die neuen Wellen des Fremdenhasses in Europa und gegen Antisemitismus etwas ausrichten könnten, wisse man noch nicht. Sicher sei aber, daß die Arbeit von Melanie Spitta und Katrin Seybold weitergehe, nicht zuletzt ermöglicht durch den Otto-Pankok-Preis.

Die Feierstunde im Lübecker Rathaus sei ein Anlaß zur Freude, nicht aber zum Optimismus. Denn Optimismus beruhe auf der Fähigkeit zu vergessen. Melanie Spitta aber werde gerade deshalb geehrt, weil sie der Erinnerungslosigkeit entgegenwirke. +++

   

© Copyright, 1999 Hansestadt Lübeck  -  Publishing: LYNET Kommunikation

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