Digitales Pressedienstarchiv
Vor 60 Jahren: Lübeck als Endstation für Flucht aus dem
Osten
Das Kulturforum Burgkloster, Hinter der
Burg 2 – 6, eröffnet am Sonntag, 8. Mai 2005, 11.30 Uhr die
Sonderausstellung „Angekommen – 60 Jahre Flüchtlinge und
Vertriebene in Lübeck“.
In den letzten Monaten des Zweiten
Weltkrieges und in den Monaten und Jahren nach Kriegsende flüchteten 14
Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten oder wurden von dort
vertrieben. Lübeck war für viele der Endpunkt ihrer Flucht. Die Stadt
nahm 90 000 Menschen auf, die Einwohnerzahl stieg von 150 000 in der
Vorkriegszeit auf 240 000.
Die meisten Menschen hatten alles
verloren. Die Stadt leistete in den kommenden Jahren eine beispiellose
Integrationsarbeit. Zunächst lebten die Menschen hauptsächlich in
Lagern, aber auch die Eingesessenen mußten zusammenrücken, bekamen
Einquartierungen in ihre – teilweise kleinen - Wohnungen. Alle
mußten von den kargen Lebensmittelzuteilungen leben, der Arbeitsmarkt kam
nur schleppend in Gang.
Erst nach der Währungsreform 1948
verbesserte sich die Lage langsam. Der Wohnungsbau zur Unterbringung der
Menschen nahm zu, wenn auch viele weiterhin in Lagern leben mußten. Die
letzten Baracken wurden erst 1967 geräumt. Auch die Versorgung mit
Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen verbesserte sich, es entstanden
nach und nach neue Arbeitsplätze, obwohl die Arbeitslosigkeit in
Lübeck erst im Jahre 1950 ihren Höhepunkt erreichte. Flüchtlinge
bauten selbst Unternehmen, Handwerksbetriebe und Geschäfte auf,
ließen sich als Ärzte oder Rechtsanwälte nieder.
Die Geschichte von Flucht und Vertreibung
war lange Zeit ein Tabuthema. In der Zeit des Kalten Krieges wurden die
Vertreibungsschicksale häufig für Zwecke der antikommunistischen
Stimmungsmache instrumentalisiert. Bei der Linken wurde das Thema gemieden, aus
Angst, es könnte zur Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen
mißbraucht werden. Erst langsam setzte sich die Erkenntnis durch,
daß es unangemessen ist, aus der Aufrechnungsfurcht heraus den
Vertreibungsopfern die Anerkennung zu verweigern. Die intensiven
Auseinandersetzungen der 80er und 90er Jahre um den richtigen Umgang mit der
NS-Vergangenheit haben den Weg für eine Diskussion über Deutsche als
Opfer freigemacht, die nach anfänglichen heftigen Ausschlägen nun
hoffentlich sensibel fortgeführt wird.
Die Ausstellung zeigt mit Inszenierungen,
Großfotos, Bild-Texttafeln und Großlesebüchern die Geschichte
der Vertreibung, das Lagerleben der unmittelbaren Nachkriegszeit, die
Anstrengungen der Integration sowie die Normalisierung des Lebens in den
fünfziger Jahren. Thematisiert wird auch die neue Ostpolitik ab Beginn der
70er Jahre und der Umgang mit dieser Geschichte bis in die heutige Zeit. Am
Schluß werden Bilder von in Lübeck lebenden Künstlerinnen und
Künstlern sowie Fotoportraits von Lübeckern gezeigt, die in der
Hansestadt zu einem neuen Leben gefunden haben.
Eine Broschüre zum Preis von sieben
Euro dokumentiert die Ausstellung.
Die Ausstellung wird von Bernd Saxe,
Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, und der Kulturhistorikerin Karen
Meyer-Rebentisch eröffnet, die im Rahmen eines Werkvertrages die
Ausstellung erarbeitet hat.
Da mit einem großen
Publikumsinteresse gerechnet wird und möglichst viele junge Menschen
Gelegenheit haben sollen, die Ausstellung zu besuchen, wird die Ausstellung
mindestens ein Jahr, das heißt bis zum 7. Mai 2006, zu sehen
sein.
Das Kulturforum Burgkloster ist dienstags
bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Gruppen und Schulklassen
können Führungen unter der Rufnummer (0451) 122-41 95 vereinbaren.
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