Digitales Pressedienstarchiv
Modersohn-Becker-Gemälde kehrt nach Lübeck
zurück
Die international renommierten Sammlungen
des Behnhaus/Drägerhauses der Museen für Kunst und Kulturgeschichte
der Hansestadt Lübeck wurden durch eine sensationelle Schenkung aus
Privatbesitz um ein eindrucksvolles und sehr bedeutendes Gemälde der
Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker (8.2.1876 Dresden – 20.11.1907
Worpswede) bereichert.
Es handelt sich dabei um den
„Stehenden und knienden Mädchenakt vor Mohnblumen II“, der
im Mai/Juni 1906 während ihres Aufenthalts in Paris entstand. Das Bild
zeigt zwei nackte, eine Orange, beziehungsweise Zitrone haltende Mädchen
vor einem tiefblauen und dunkelgrünen Hintergrund mit leuchtend roten
Mohnblumen.
Sowohl die Sammlungen als auch die
einzigartige Atmosphäre des Behnhaus/Drägerhauses bewogen den
Schenker, dieses Bild nach Lübeck und nicht etwa in andere bedeutende
deutsche Sammlungen mit Beständen dieser Malerin zu geben.
Mit dem Bild verbindet sich eine kuriose
und zugleich historisch interessante Geschichte, die mit dem Wirken des
ehemaligen Lübecker Museumsdirektors Carl-Georg Heise zu tun hat und nun in
Lübeck ein glückliches Ende findet.
1931 plante Heise, dem die Existenz des
Behnhauses als Museum moderner Kunst zu verdanken ist, für die
Overbeck-Gesellschaft die Ausstellung „Vier deutsche Malerinnen“ mit
Werken von Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Käte
Schaller-Haerlin und Else Wex. Heise, der bereits 1921 die Ausstellung
„Deutsche Expressionisten“ in der Overbeck-Gesellschaft unter
anderem mit Werken Max Pechsteins, Karl Schmidt-Rottluffs, Erich Heckels, Franz
Marcs, Oskar Kokoschkas, Christian Rohlfs’ aber auch mit einer Arbeit
Paula Modersohn-Beckers als einziger Frau gezeigt hatte, schätzte und
sammelte Bilder dieser Malerin selbst.
Bereits im selben Jahr hatte Heise gleich
zwei ihrer Gemälde, nämlich ein Selbstbildnis von 1906 und einen Akt
mit Hut, aus dem gleichen Jahr von der Frau des Dichters Rainer Maria Rike,
Clara Rilke-Westhoff, für je 400 Reichsmark für das Behnhaus erwerben
können.
Für seine
Künstlerinnenausstellung von 1931, in der sowohl Modersohn-Beckers
Selbstbildnisse als auch ihre Bilder zum Thema Mutter und Kind gezeigt wurden,
war Heise auf der Suche nach weiteren passenden Bildern dieser Künstlerin.
In der Dresdner Galerie Kunstausstellung Kühl begegnete Heise diesem
Mädchenbild. Er wollte das Bild zwar für Lübeck erwerben und in
der besagten Ausstellung zeigen, aber der Zwickauer Zahnarzt Dr. Kurt
Wünsche hatte ebenfalls großen Gefallen an diesem großartigen
Gemälde gefunden und kam mit seinem Kauf dem Lübecker Museumsdirektor
zuvor.
In einem auf den 27.8.1931 datierten Brief
des Dresdner Kunsthändlers Kühl an Dr. Wünsche heißt
es: „Ich hatte noch meine Angehörigen gebeten Frl. Thiele (die
damalige Besitzerin des Bildes) einen persönlichen Besuch zu machen u.
soeben erfahre ich telefonisch, dass es in der Tat Dr. Heise in Lübeck ist,
der erneut bestimmte Ankaufsabsicht versichert hat u. damit die Zusage
eigentlich schon erhielt, das Bild für die bevorstehende
Modersohn-Ausstellung Ende September zu bekommen ... Nun kommt es darauf an,
dass Dr. H. unsere Absichten zunächst nicht erfährt u. uns dazwischen
kommt. Sie ersehen daran, wie zäh er an dem Bild
festhält.
Auf seine Bitte ihm Bilder
für die Ausstellung leihweise zu verschaffen, hatte ich ihm dieses Mal
dieses Objekt nicht mehr erwähnt u. unsere Absicht verschwiegen ... Ich bin
nur etwas in Sorge, dass man unsere Absicht noch zu stören suchen
würde. – Ich lasse diesen Brief dringend bestellen u. erwarte dann
Ihre Gegenansicht. - Sie können erraten, das unsere Absichten Dr. H. ev.
aufpeitschen könnten. - ...“.
Der damalige, sehr kunstengagierte
Käufer gab das Bild bereits im September 1931 als Dauerleihgabe an die
Städtische Kunstsammlung zu Chemnitz, von wo es offenbar spätestens
1937 wieder zum Besitzer zurückkehrte, als die Nationalsozialisten mit der
fatalen Aktion „Entartete Kunst“ gestartet waren
Heute kann man von einem großen
historischen Glück sprechen, dass der damalige Ankauf dieses Bildes durch
Carl-Georg Heise misslang, denn die beiden 1921 von ihm für das Behnhaus
erworbenen Bilder Paula Modersohn-Beckers wurden 1937 in Lübeck als
„entartet“ beschlagnahmt und hinterließen bis heute eine
große Lücke. Glücklicherweise fielen sie nicht der Vernichtung
anheim, sondern befinden sich immer noch wohlerhalten in deutschem
Privatbesitz.
Mütterlicherseits stammte die Familie
Paula Modersohn-Beckers aus Lübeck. Ihr Großvater war Adolf Ludwig
Heinrich Ferdinand von Bültzingslöwen, geboren am 23. Februar
1808 in Lübeck. 1844 wurde dieser zum Premierleutnant des Lübeckischen
Kontingents, zu dessen Befehlshaber er 1865 aufstieg. 1866 nahm er am Feldzug
gegen Österreich teil und wurde im Jahr darauf als Oberleutnant
verabschiedet. Nach und trotz seiner Pensionierung wurde er 1868 als
Königlich-Preußischer Offizier zur Disposition gestellt und war trotz
seines Alters noch während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71
Etappenkommandeur in Schleswig und Hamburg. 1872 übersiedelte er von
Lübeck nach Hosterwitz bei Dresden, wo er 1882 starb. Er hatte sieben
Kinder, von denen seine dritte Tochter Mathilde den Baurat Becker heiratete. Aus
dieser Ehe ging die Tochter und Enkelin Paula Becker, seit 1901
Modersohn-Becker, 1876 hervor.
Vom 12. November an wird die Neuerwerbung
im Zusammenhang mit der Ausstellung „Exil und Moderne“ in der
Kunsthalle St. Annen für rund vierzehn Tage zu sehen sein.
Anschließend wird das Bild seinen ihm angemessenen Platz inmitten der
anderen Meisterwerke der Klassischen Moderne im Behnhaus/Drägerhaus
erhalten. +++
