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Modersohn-Becker-Gemälde kehrt nach Lübeck zurück

050917RK 2005-11-11

Die international renommierten Sammlungen des Behnhaus/Drägerhauses der Museen für Kunst und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck wurden durch eine sensationelle Schenkung aus Privatbesitz um ein eindrucksvolles und sehr bedeutendes Gemälde der Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker (8.2.1876 Dresden – 20.11.1907 Worpswede) bereichert.

Es handelt sich dabei um den „Stehenden und knienden Mädchenakt vor Mohnblumen II“, der im Mai/Juni 1906 während ihres Aufenthalts in Paris entstand. Das Bild zeigt zwei nackte, eine Orange, beziehungsweise Zitrone haltende Mädchen vor einem tiefblauen und dunkelgrünen Hintergrund mit leuchtend roten Mohnblumen.

Sowohl die Sammlungen als auch die einzigartige Atmosphäre des Behnhaus/Drägerhauses bewogen den Schenker, dieses Bild nach Lübeck und nicht etwa in andere bedeutende deutsche Sammlungen mit Beständen dieser Malerin zu geben.

Mit dem Bild verbindet sich eine kuriose und zugleich historisch interessante Geschichte, die mit dem Wirken des ehemaligen Lübecker Museumsdirektors Carl-Georg Heise zu tun hat und nun in Lübeck ein glückliches Ende findet.

1931 plante Heise, dem die Existenz des Behnhauses als Museum moderner Kunst zu verdanken ist, für die Overbeck-Gesellschaft die Ausstellung „Vier deutsche Malerinnen“ mit Werken von Paula Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Käte Schaller-Haerlin und Else Wex. Heise, der bereits 1921 die Ausstellung „Deutsche Expressionisten“ in der Overbeck-Gesellschaft unter anderem mit Werken Max Pechsteins, Karl Schmidt-Rottluffs, Erich Heckels, Franz Marcs, Oskar Kokoschkas, Christian Rohlfs’ aber auch mit einer Arbeit Paula Modersohn-Beckers als einziger Frau gezeigt hatte, schätzte und sammelte Bilder dieser Malerin selbst.

Bereits im selben Jahr hatte Heise gleich zwei ihrer Gemälde, nämlich ein Selbstbildnis von 1906 und einen Akt mit Hut, aus dem gleichen Jahr von der Frau des Dichters Rainer Maria Rike, Clara Rilke-Westhoff, für je 400 Reichsmark für das Behnhaus erwerben können.

Für seine Künstlerinnenausstellung von 1931, in der sowohl Modersohn-Beckers Selbstbildnisse als auch ihre Bilder zum Thema Mutter und Kind gezeigt wurden, war Heise auf der Suche nach weiteren passenden Bildern dieser Künstlerin. In der Dresdner Galerie Kunstausstellung Kühl begegnete Heise diesem Mädchenbild. Er wollte das Bild zwar für Lübeck erwerben und in der besagten Ausstellung zeigen, aber der Zwickauer Zahnarzt Dr. Kurt Wünsche hatte ebenfalls großen Gefallen an diesem großartigen Gemälde gefunden und kam mit seinem Kauf dem Lübecker Museumsdirektor zuvor.

In einem auf den 27.8.1931 datierten Brief des Dresdner Kunsthändlers Kühl an Dr. Wünsche heißt es: „Ich hatte noch meine Angehörigen gebeten Frl. Thiele (die damalige Besitzerin des Bildes) einen persönlichen Besuch zu machen u. soeben erfahre ich telefonisch, dass es in der Tat Dr. Heise in Lübeck ist, der erneut bestimmte Ankaufsabsicht versichert hat u. damit die Zusage eigentlich schon erhielt, das Bild für die bevorstehende Modersohn-Ausstellung Ende September zu bekommen ... Nun kommt es darauf an, dass Dr. H. unsere Absichten zunächst nicht erfährt u. uns dazwischen kommt. Sie ersehen daran, wie zäh er an dem Bild festhält.
Auf seine Bitte ihm Bilder für die Ausstellung leihweise zu verschaffen, hatte ich ihm dieses Mal dieses Objekt nicht mehr erwähnt u. unsere Absicht verschwiegen ... Ich bin nur etwas in Sorge, dass man unsere Absicht noch zu stören suchen würde. – Ich lasse diesen Brief dringend bestellen u. erwarte dann Ihre Gegenansicht. - Sie können erraten, das unsere Absichten Dr. H. ev. aufpeitschen könnten. - ...“.

Der damalige, sehr kunstengagierte Käufer gab das Bild bereits im September 1931 als Dauerleihgabe an die Städtische Kunstsammlung zu Chemnitz, von wo es offenbar spätestens 1937 wieder zum Besitzer zurückkehrte, als die Nationalsozialisten mit der fatalen Aktion „Entartete Kunst“ gestartet waren

Heute kann man von einem großen historischen Glück sprechen, dass der damalige Ankauf dieses Bildes durch Carl-Georg Heise misslang, denn die beiden 1921 von ihm für das Behnhaus erworbenen Bilder Paula Modersohn-Beckers wurden 1937 in Lübeck als „entartet“ beschlagnahmt und hinterließen bis heute eine große Lücke. Glücklicherweise fielen sie nicht der Vernichtung anheim, sondern befinden sich immer noch wohlerhalten in deutschem Privatbesitz.

Mütterlicherseits stammte die Familie Paula Modersohn-Beckers aus Lübeck. Ihr Großvater war Adolf Ludwig Heinrich Ferdinand von Bültzingslöwen, geboren am 23. Februar 1808 in Lübeck. 1844 wurde dieser zum Premierleutnant des Lübeckischen Kontingents, zu dessen Befehlshaber er 1865 aufstieg. 1866 nahm er am Feldzug gegen Österreich teil und wurde im Jahr darauf als Oberleutnant verabschiedet. Nach und trotz seiner Pensionierung wurde er 1868 als Königlich-Preußischer Offizier zur Disposition gestellt und war trotz seines Alters noch während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 Etappenkommandeur in Schleswig und Hamburg. 1872 übersiedelte er von Lübeck nach Hosterwitz bei Dresden, wo er 1882 starb. Er hatte sieben Kinder, von denen seine dritte Tochter Mathilde den Baurat Becker heiratete. Aus dieser Ehe ging die Tochter und Enkelin Paula Becker, seit 1901 Modersohn-Becker, 1876 hervor.

Vom 12. November an wird die Neuerwerbung im Zusammenhang mit der Ausstellung „Exil und Moderne“ in der Kunsthalle St. Annen für rund vierzehn Tage zu sehen sein. Anschließend wird das Bild seinen ihm angemessenen Platz inmitten der anderen Meisterwerke der Klassischen Moderne im Behnhaus/Drägerhaus erhalten. +++


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