Digitales Pressedienstarchiv
Rede von Bürgermeister Saxe zur Eröffnung der
Kunsthalle
Weiterer Meilenstein für die
Kulturhauptstadt des Nordens
Rede von Bürgermeister Saxe zur
Eröffnung der Kunsthalle St. Annen
(Sperrfrist: Beginn der Rede / Es gilt das
gesprochene Wort)
Namentliche Begrüßung der
geladenen Gäste, darunter
· Staatsministerin
Weiß
· Kultusministerin
Erdsiek-Rave
· Ministerpräsident a. D.,
Minister a. D.
· Stadtpräsident
Sünnenwold
· Mitglieder der Bürgerschaft,
des Land- und Bundestages
· Dr. Knüppel
· Senatorinnen und
Senatoren
· ehemalige Senatoren Meyenborg und
Zahn
· Konsuln und
Generalkonsuln
Ich begrüße
herzlich:
Mitglieder der Vorsteherschaft der
Possehl-Stiftung, an der Spitze der Vorsitzende, Dr. Pfeifer, ·und die
Mitglieder der Unternehmensleitungen der L-Possehl-Gruppe und der
angeschlossenen Unternehmen aus der ganzen Republik, Prof. Friedhelm Döhl,
der eigens zum heutigen Anlaß ein neues Werk komponiert hat, das von
Sabine Meyer und Rainer Wehle und der Klarinettenklasse der Musikhochschule
Lübeck zur Welturaufführung gebracht wird; ein fröhliches
Willkommen und herzlichen Dank dem Komponisten und den
Darbietenden.
Ich begrüße Herrn Ingo
Siegmund, den Architekten, der im Angesicht des Bauwerks im Laufe des Tages
zweifellos viel Lob und Zuspruch erfahren wird.
Ich begrüße herzlich unsere
Freunde und Nachbarn von der Jüdischen Gemeinschaft. Ich bin sicher,
Synagoge und Kunsthalle werden von dieser interessanten Nachbarschaft
profitieren können. Schließlich – wenn es erlaubt ist –
begrüße ich als Gast gern die Gastgeber, die Hausherrn, Pastor
Lotichius und den Kirchenvorstand von St. Aegidien, in deren Räumen wir
freundlicherweise zu diesem Festakt zusammen kommen durften.
Eigentlich, meine Damen und Herren, ist es
schon ein Anachronismus, den wir her heute feiern. Denn anachronistisch ist ein
Ereignis, das nicht in seine Zeit paßt – oder zu passen
scheint.
Und in diesen Zeiten, in denen die
deutschen Städte – und Lübeck noch ein bißchen mehr als
andere – unter dramatisch rückläufigen Einnahmen, unter extremer
Verschuldung leiden, in diesen Zeiten scheint es schon ein wenig „aus der
Zeit“ zu sein, eine neue Kunsthalle zu eröffnen.
„Haben denn die keine anderen
Sorgen?“, höre ich manchen fragen, und „Gibt es denn nicht
Wichtigeres?“ mag der eine oder die andere denken.
Die Halle, meine Damen und Herren, ist ein
Geschenk, ein Geschenk, das die Stadt froh und dankbar angenommen hat. Gibt es
uns doch die Chance, unseren Ruf als „Kulturelle Hauptstadt des Nordens"
weiter auszubauen, auf einem weiteren Feld, dem der modernen,
zeitgenössischen Kunst, Neues zu entwickeln. Und gibt es uns damit doch
auch neue touristische Attraktivität: Viele der über 10 Mio.
Gäste, die Jahr für Jahr in unserer Stadt weilen, kommen gerade wegen
des kulturellen Reichtums, wegen des unglaublich reichhaltigen Angebotes an
kulturellen Sehens- und Erlebenswürdigkeiten, zu uns. Hier neue,
zusätzliche Attraktivität hinzuzufügen, hat auch wirtschaftliche,
touristische Bedeutung.
Und, meine Damen und Herren, in dieser
Zeit der leeren Kassen, der Finanznot und der Arbeitslosigkeit eine Kunsthalle
zu eröffnen setzt auch ein Zeichen für Kunst und Kultur. In Zeiten
ökonomische Schwierigkeiten werden Kunst und Kultur nicht zum
Haupt-Steinbruch für Konsolidierungsrunden; sicher wird man auch hier
stärker noch als schon bisher die Fähigkeit entwickeln müssen,
mit dem zurecht zu kommen, was da ist, ohne Zuwächse leben zu können,
vielleicht auch verkraftbare Abstriche hinzunehmen lernen. Aber die Botschaft
des heutigen Tages ist: Kunst und Kultur bleiben auch in wirtschaftlich
schwierigen Zeiten wichtige Bestandteile des urbanen gesellschaftlichen Lebens,
sie geben uns gerade in schwerer Zeit Identität und Orientierung, sie
stehen nicht zur Disposition.
Und, meine Damen und Herrn, wenn es denn
ein Anachronismus ist, in diesen Zeiten eine Kunsthalle zu eröffnen, dann
hat dieser Anachronismus in unserer Stadt seit über 150 Jahren
Tradition.
Mit der Gründung des Unternehmens L.
Possehls vor gut 150 Jahren und der später gegründeten gleichnamigen
Stiftung durch Senator Emil Possehl vor bald 90 Jahren wurde der Grundstein
gelegt für ein herausragendes Beispiel typisch lübschen
Bürgersinns, der ganz im Geiste J. F. Kennedys immer auch fragt:
„“was kann ich für die Gemeinschaft, für meine Stadt
tun?“, der den Art. 14/2 des heutigen Grundgesetzes schon damals ernst
nahm: Eigentum verpflichtet.
Es ist, meine Damen und Herren, für
einen überaus erfolgreichen – und übrigens auch reichen –
Unternehmer des frühen 20. Jahrhunderts schon ein erstaunlicher Satz, wenn
Emil Possehl 1915 sagt: „Die öffentliche Wohlfahrt ist das ganze Ziel
meiner Arbeit und meines Lebens.“ Dank zu sagen ist also posthum Emil
Possehl. Aber nicht nur ihm.
Dank zu sagen ist natürlich auch dem
heutigen Unternehmen Possehl und all seinen gruppenzugehörigen
Töchtern, Enkeln, Schwestern. An der Spitze dem Vorstand unter Führung
von Herrn Dr. Wortberg, aber auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, durch
deren erfolgreiche Arbeit die Stiftung ja überhaupt erst in die Lage
versetzt wird, in so reichem Masse Gutes für unsere Stadt zu
tun.
Zu danken ist aber auch den Männern
und Frauen des Vorstandes der Possehl-Stiftung, die ehrenamtlich, in ihrer
Freizeit, die Mittel verwalten und unermüdlich darüber beraten und
entscheiden, wie, auf welche Art und Weise sie dem Vermächtnis Emil
Possehls am ehesten gerecht werde können, wie sie dem Wohl der Hansestadt
Lübeck am besten dienen können.
Dank zu sagen gilt heute, am Tag der
Eröffnung der Kunsthalle aber auch der Deutschen Stiftung Denkmalschutz,
hier stellvertretend repräsentiert durch Herrn Dr. Knüppel, ohne
dessen und deren Hilfe das Werk nicht zu vollenden gewesen
wäre.
Meine Damen und Herren,
wenn Sie gleich, im Anschluß an
diesen Festakt, hinüber gehen in neue Kunsthalle, werden Sie feststellen
können, dass das neue Gebäude nicht nur dem Zweck dient, Kunst zu
präsentieren, sondern dass es selbst ein Stück Kunst ist, Baukunst in
des Wortes klarer Bedeutung.
Ein wesentliches Charakteristikum dieses
Erweiterungsbaus ist, daß hier Altes und Neues kunstvoll miteinander
verbunden werden. Die Architektur des späten Mittelalters und der heutigen
Zeit wird miteinander verzahnt und trotzdem bleiben die architektonischen
Eigenheiten der beiden Epochen erhalten und erfahrbar.
Die Kunsthalle selbst – sie werden
es selber erleben - ist ein strenger, langgestreckter Backsteinkubus, der sich
in klaren Linien über dem Grundriß der Apsis und des Mittelschiffs
der alten Klosterkirche erhebt - ein moderner, puristischer Bau mit
Betonwänden und Zementböden.
Den verblüffenden individuellen Reiz
erhält er dadurch, daß er die übrig gebliebenen Architekturteile
der alten Kirche dezidiert als Ruinen-Reste einbezieht - und zwar außen
wie innen.
Außen: die alte Fassade mit ihren
Nischen, der hohe gotische Eingangsbogen und der Treppenturm; innen: die
Pfeilerstümpfe und Arkaden, die dreiseitige Apsis, die flachen
Seitenkapellen der Nordwand und die hohe Südwand, die an das Kloster
angrenzt. Sie sind lediglich weiß getüncht worden, um als Hülle
für moderne Kunst dienen zu können.
Altes und Neues aneinander zu verbinden,
ohne es dabei zu verwischen, das ist eine Kunst, die hier vorzüglich
gelungen ist. So sind über vier Etagen ganz individuelle
Ausstellungsräume entstanden. Keiner ist wie der andere, anders als der
symmetrisch strenge Bau von außen erwarten ließe. Vielmehr strahlen
die Räume noch etwas von der sakralen Atmosphäre der ehemaligen
Klosterkirche aus - eine geeignete, um nicht zu sagen „würdige“
Voraussetzung für die Präsentation moderner Kunst.
Das Prinzip der Verbindung einerseits und
der klaren Abgrenzung andererseits scheint für den gesamten Museumskomplex
zum Leitmotiv geworden zu sein. Und von dieses Eigenart profitieren beide
Teile:
Die Abgeschlossenheit des alten Klosters
wird durch den kleinen hellen Vorhof der Kunsthalle mit ihren großen
Glasflächen aufgebrochen und öffnet sich dem Besucher durch
unverhoffte Einblicke. Die Architektur lädt den Besucher, den Touristen,
der sich vielleicht zufällig hierher verirrt, aber auch die
Lübeckerinnen und Lübecker, ein, hereinzuschauen, eine Tasse Kaffee zu
trinken. Und sie macht ihn neugierig auf die Kunst. Und zwar sowohl auf die, die
in den transparenten Räumen der Kunsthalle steht, als auch auf die, die im
Verborgenen der Klostermauern blüht; denn hier verbirgt sich eines der
schönsten mittelalterlichen Museen Deutschlands.
Wenn man den Grundriß des gesamten
St. Annen-Museums mit all den dazugehörigen Gebäuden betrachtet, dann
fällt auf, daß der Erweiterungsbau darin eigentlich gar keinen so
großen Platz einnimmt.
Trotzdem hat er durch seine Lage und durch
seine konzentrierte Form eine ganz zentrale Stellung. Aus diesem Grund
führt auch der Haupteingang für das ganze Museum – d.h. für
die Bestände der neuen und der alten Kunst – durch diesen Neubau. Vom
hellen Eingang aus kann der Besucher dann entweder in den großzügigen
Räumen der Kunsthalle wandeln oder durch eine enge gotische Pforte in den
Kreuzgang des ehemalige Klosters schlüpfen, um dort die mittelalterliche
Kunst in stiller Klosteratmosphäre zu erleben.
Und ebenso hat er die Möglichkeit in
der ersten Etage der Kunsthalle durch eine schmale Tür in die
Epochenräume des St. Annen-Museums überzuwechseln. So wird Alt und Neu
verbunden, wenngleich auch eindeutig geschieden.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich
hoffe, ich habe Sie hinreichend neugierig gemacht. Lassen Sie sich – im
Abschluss an diesen kleinen Festakt – in das Museum, in seinen alten und
in seinen neuen Teil einladen, erleben Sie die gelungene Symbiose von alt und
neu, erleben sie moderne Kunst in zeitgenössischer Architektur in
historischem Umfeld.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Das Wort hat die Kultusministerin des Landes Schleswig-Holstein, Ute
Erdsiek-Rave. +++
Bernd Saxe ist Bürgermeister der
Hansestadt Lübeck.
