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Totentanzbilder aus vier Jahrhunderten in der Stadtbibliothek

030331RK 2003-05-02

Unter dem Titel „Ihr müsst alle nach meiner Pfeife tanzen“ zeigt die Stadtbibliothek ab dem 5. Mai eine Ausstellung zum Thema Totentanz, deren Bogen sich vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit spannt. Die ältesten Originale in der Ausstellung sind frühe Wiedergaben von Totentänzen in Büchern des 16. Jahrhunderts, die jüngsten die Radierungen zum Totentanzmotiv aus einem Zyklus von Horst Janssen von 1983. Die Bilderschau entstand in Kooperation zweier bedeutender Sammlungen - der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Bibliothek Otto Schaefer Schweinfurt - sowie weiterer Leihgeber und wurde zusammen mit der Stadtbibliothek Lübeck realisiert.

Die Eröffnung findet am Freitag, 2. Mai, 18 Uhr, im Gründungssaal der Stadtbibliothek statt. Sie ist in den gleichzeitig in Lübeck stattfindenden Kongreß der Internationalen Totentanzgesellschaft integriert (siehe auch LÜBECK:Pressedienst 030330rk unter www.luebeck.de ). Ab kommender Woche bis zum 4. Juni wird die Ausstellung jeweils Dienstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr in der Stadtbibliothek in der Hundestraße zu sehen sein.

Zum Inhalt: Seit seinem Aufkommen als „Danse macabre“ im Frankreich des 15. Jahrhunderts hat das Motiv des Totentanzes die Menschheit fasziniert. Wohl unter dem Eindruck der Pestepidemien, die die Menschen unterschiedslos dahinrafften, wurde das Bild vom jüngsten Gericht, bei dem die Toten unter Musik aus ihren Gräbern steigen, in dieser Weise umgeformt.

Der klassische Totentanz, bei dem der Tod jeweils einzeln je einen Angehörigen aller Stände durch die Aufforderung zum Tanz mitten aus seinem Leben nimmt, betont neben der Unvermeidlichkeit dieses Schicksals vor allem die Gleichheit aller vor ihm. Dadurch ist die Kunstform nicht nur ein „Memento mori“ - eine ständige Erinnerung an den allgegenwärtigen Tod- oder eine „Ars moriendi“ - eine Lehre vom richtigen Sterben - , sondern eignet sich auch zum Vermitteln von politischer und sozialer Kritik. Sie richtet sich unter dem Einfluß des Protestantismus zunehmend gegen die Vertreter der katholischen Kirchenhierarchie.

Der Totentanz begegnet uns als Kunst- und Literaturgattung und wurde - in Lübeck beispielsweise durch Hugo Distler und wieder durch Walter Kraft - auch vertont. Die Ausstellung zeigt die drei Ausstrahlungszentren: Paris und Basel mit dem Totentanz jeweils als Fresko eines Friedhofs, sowie Lübeck mit dem 1942 verbrannten umlaufenden Gemäldefries. Dieser Totentanzzyklus Bernt Notkes von 1463 in der Marienkirche mit seinen niederdeutschen Versen verband von Anfang an Malerei und Dichtung. In dieser Art schuf Notke wenige Jahre später das gleiche Gemälde für die Nikolaikirche in Reval (heute Tallinn) nach. Beide Friese sind in der Ausstellung auf großen Fototafeln rekonstruiert. Vier Lübecker Drucke von 1489 bis 1520 verbreiteten unterschiedliche literarische Bearbeitungen im niederdeutschen Raum.

Der Totentanz als immer wieder die Künstler, Dichter und Theologen reizendes Thema geht jedoch auf die „Bilder des Todes“ zurück, die Hans Holbein der jüngere 1524 unter dem Eindruck des Baseler Totentanzes – aber nicht als seine Kopie – schuf. Sie stellen den Tod nicht mehr als gleiches Schicksal aller Stände, sondern als Katastrophe im Leben ihrer individuellen Vertreter dar. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl der zahllosen Nachschnitte der Bilder, kombiniert mit immer neuen Texten verschiedener Funktion.

Aus dieser Form entwickelte sich seit der Aufklärung der freie Totentanz als Künstlerbuch oder Gedicht. Insgesamt steht diese Form für Kulturpessimismus - im 19. Jahrhundert wird vor technischem Fortschritt und Vermassung, im 20. Jahrhundert vor allem vor den Schrecken konventioneller und atomarer Vernichtungskriege gewarnt. +++


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