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Totentanzbilder aus vier Jahrhunderten in der
Stadtbibliothek
Unter dem Titel „Ihr müsst alle
nach meiner Pfeife tanzen“ zeigt die Stadtbibliothek ab dem 5. Mai eine
Ausstellung zum Thema Totentanz, deren Bogen sich vom Mittelalter bis in die
jüngste Vergangenheit spannt. Die ältesten Originale in der
Ausstellung sind frühe Wiedergaben von Totentänzen in Büchern des
16. Jahrhunderts, die jüngsten die Radierungen zum Totentanzmotiv aus einem
Zyklus von Horst Janssen von 1983. Die Bilderschau entstand in Kooperation
zweier bedeutender Sammlungen - der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
und der Bibliothek Otto Schaefer Schweinfurt - sowie weiterer Leihgeber und
wurde zusammen mit der Stadtbibliothek Lübeck realisiert.
Die Eröffnung findet am Freitag, 2.
Mai, 18 Uhr, im Gründungssaal der Stadtbibliothek statt. Sie ist in den
gleichzeitig in Lübeck stattfindenden Kongreß der Internationalen
Totentanzgesellschaft integriert (siehe auch LÜBECK:Pressedienst 030330rk
unter www.luebeck.de ). Ab kommender Woche bis zum 4. Juni wird die Ausstellung
jeweils Dienstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr in der Stadtbibliothek in der
Hundestraße zu sehen sein.
Zum Inhalt: Seit seinem Aufkommen
als „Danse macabre“ im Frankreich des 15. Jahrhunderts
hat das Motiv des Totentanzes die Menschheit fasziniert. Wohl unter dem Eindruck
der Pestepidemien, die die Menschen unterschiedslos dahinrafften, wurde das Bild
vom jüngsten Gericht, bei dem die Toten unter Musik aus ihren Gräbern
steigen, in dieser Weise umgeformt.
Der klassische Totentanz, bei dem der Tod
jeweils einzeln je einen Angehörigen aller Stände durch die
Aufforderung zum Tanz mitten aus seinem Leben nimmt, betont neben der
Unvermeidlichkeit dieses Schicksals vor allem die Gleichheit aller vor ihm.
Dadurch ist die Kunstform nicht nur ein „Memento mori“ - eine
ständige Erinnerung an den allgegenwärtigen Tod- oder eine
„Ars moriendi“ - eine Lehre vom richtigen Sterben - ,
sondern eignet sich auch zum Vermitteln von politischer und sozialer Kritik. Sie
richtet sich unter dem Einfluß des Protestantismus zunehmend gegen die
Vertreter der katholischen Kirchenhierarchie.
Der Totentanz begegnet uns als Kunst- und
Literaturgattung und wurde - in Lübeck beispielsweise durch Hugo Distler
und wieder durch Walter Kraft - auch vertont. Die Ausstellung zeigt die drei
Ausstrahlungszentren: Paris und Basel mit dem Totentanz jeweils als Fresko eines
Friedhofs, sowie Lübeck mit dem 1942 verbrannten umlaufenden
Gemäldefries. Dieser Totentanzzyklus Bernt Notkes von 1463 in der
Marienkirche mit seinen niederdeutschen Versen verband von Anfang an Malerei und
Dichtung. In dieser Art schuf Notke wenige Jahre später das gleiche
Gemälde für die Nikolaikirche in Reval (heute Tallinn) nach. Beide
Friese sind in der Ausstellung auf großen Fototafeln rekonstruiert. Vier
Lübecker Drucke von 1489 bis 1520 verbreiteten unterschiedliche
literarische Bearbeitungen im niederdeutschen Raum.
Der Totentanz als immer wieder die
Künstler, Dichter und Theologen reizendes Thema geht jedoch auf die
„Bilder des Todes“ zurück, die Hans Holbein der jüngere
1524 unter dem Eindruck des Baseler Totentanzes – aber nicht als seine
Kopie – schuf. Sie stellen den Tod nicht mehr als gleiches Schicksal aller
Stände, sondern als Katastrophe im Leben ihrer individuellen Vertreter dar.
Die Ausstellung zeigt eine Auswahl der zahllosen Nachschnitte der Bilder,
kombiniert mit immer neuen Texten verschiedener Funktion.
Aus dieser Form entwickelte sich seit der
Aufklärung der freie Totentanz als Künstlerbuch oder Gedicht.
Insgesamt steht diese Form für Kulturpessimismus - im 19. Jahrhundert wird
vor technischem Fortschritt und Vermassung, im 20. Jahrhundert vor allem vor den
Schrecken konventioneller und atomarer Vernichtungskriege gewarnt.
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