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Digitales Pressedienstarchiv

Ausstellung über jüdisches Leben - Sammlung Julius Carlebach

020846LK 2002-11-08

“Facetten jüdischen Lebens gestern und heute - Sammlung Julius Carlebach, 1932, im Dialog mit Fotografien von Sebastian Bolesch, 2000” so heißt der Titel einer neuen Ausstellung in der Lübecker Völkerkundesammlung, Parade 10 (Zeughaus am Dom), die am Sonntag, 10. November, um 11.30 Uhr eröffnet wird und bis zum 25. Mai kommenden Jahres zu sehen ist.

Den Schwerpunkt der Ausstellung bildet die Judaica-Sammlung, die Julius Carlebach 1932 gezielt für das Museum für Völkerkunde in Lübeck angelegt hat. Zum ersten Mal seit damals ist diese Sammlung nun, ergänzt um weitere Leihgaben, als Ganzes zu sehen. Joseph Hirsch Zwi (Julius) Carlebach wurde am 28. Juli 1909 als Sohn des Bankiers Alexander Carlebach und seiner aus Moskau stammenden Frau Sonja Persitz in Lübeck geboren. Er gehörte zu einer der berühmtesten orthodoxen jüdischen Familien in Deutschland. Der Lübecker Rabbiner Dr. Salomon Carlebach (1845 - 1919) war sein Großvater und der Rabbiner Dr. Josef Carlebach (1883 - 1942), der von 1919 - 1921 Nachfolger seiner Vaters in Lübeck war und später sein Amt in Hamburg ausübte, war sein Onkel.

Als Jugendlicher - nach eigenen Angaben - durch das Museum für Völkerkunde in Lübeck angeregt, entwickelte Julius Carlebach eine Begeisterung für Ethnographica, mit deren Handel er sein Studium der Kunstgeschichte und Völkerkunde in Hamburg bestritt. Auch mit der Vermittlung von Judaica - unter anderem 1930 an das Altonaer Museum in Hamburg - verdiente er seinen Lebensunterhalt.

Vor 70 Jahren, am 8. Mai 1932, wurde die von Carlebach im Lübecker Museum für Völkerkunde eingerichtete jüdische Abteilung eröffnet. Julius Carlebach selbst beschrieb sein Konzept als das einer Mischung aus volks- und völkerkundlichen Aspekten:

“Der Aufbau, wie ich ihn vorschlagen möchte, wird zum erstenmal völkerkundlichen Gesichtspunkten bei jüdischen Sammlungen gerecht. Ich gehe von primitiven Juden, besonders denen Karpathorußlands aus und bringe Vergleichsmaterial über den Typenablauf in anderen Ländern. Gleichzeitig soll auch das jüdische Volksleben in Gebrauch, Tracht, Spiel und Ähnlichem miterfaßt werden”. Die Sammlung sollte keine Merkwürdigkeiten oder besonders seltene Objekte zeigen, sondern in der Reihe gleicher Abteilungen über andere Kultur und Völker einen Überblick bieten über Geräte, die zur Ausübung des jüdischen Kultus im Haus und in der Synagoge nötig sind. Der nichtjüdische Besucher sollte sich über den jüdischen Kult und die Feste informieren können. Carlebach betonte immer wieder, daß er “im jüdischen Interesse” und “für einen sehr guten jüdischen Zweck” handelte. Sein erklärtes Ziel war: “Wir wollen, um den Antisemitismus zu begegnen, alle jüdischen Gebräuche erklären im Museum”.

Die mehr als 100 Objekte umfassende Carlebach-Sammlung verfügt über Schwerpunkte im synagogalen wie im häuslichen religiösen Bereich. Von der regionalen Herkunft bilden Gegenstände aus Deutschland den Schwerpunkt. Daneben sind aufgrund der guten Verbindungen von Julius Carlebach nach Italien, Palästina, Karpatho-Rußland und Tunis auch diese Herkunftsgebiete vertreten. Carlebach konnte für die Einrichtung der Abteilung auch die Jüdische Gemeinde in Segeberg davon überzeugen, einige Leihgaben zur Verfügung zu stellen, unter anderem eine Thorarolle.

Am 8. Mai 1932 wurde die als Dauerausstellung konzipierte jüdische Abteilung durch Rabbiner Dr. Alexander Winter mit dem Vortrag: “Jüdischer Kultus in Familie und Gottesdienst - mit Lichtbildern” im Museum für Völkerkunde zu Lübeck (am Dom) eröffnet. Während die Lübecker Presse das Geschehen ignorierte, verknüpfte man mit dieser Ausstellung im Israelitischen Familienblatt Hamburg die Hoffnung, “daß durch solche Ausstellungen in den nichtjüdischen Bevölkerungsteilen allmählich ein wirkliches Bild jüdischen Lebens verbreitet wird, so daß sie zu ihrem Teile dazu beitragen, manches Vorurteil zu zerstreuen” (7. Juli 1932). Im Jüdischen Gemeindeblatt in Berlin war am 1. August 1937 unter der Überschrift “Jüdische Kunst in Lübeck” zu lesen: “Diese Lübecker Sammlung vermag durch ihren internationalen Charakter die Bekanntschaft mit Dingen zu vermitteln, die ein wenig abseits liegend, uns nahe gebracht werden”.

Carlebach ging 1933 von Hamburg nach Berlin. Er heiratete 1936 Josepha Silberstein und emigrierte 1937 nach New York. Als Inhaber der “Carlebach Gallery”, die mit klassischer und primitiver Kunst handelte, machte er sich international einen Namen. Berühmte Künstler und Sammler, wie Max Ernst und Peggy Guggenheim zählten zu seinen Stammkunden. Carlebach starb am 13. Oktober 1964 in New York.

Auch wenn die in der Ausstellung zu sehende Judaica-Sammlung hauptsächlich von Julius Carlebach zusammengetragen wurde, so werden auch einige Objekte gezeigt, die sich bereits viel früher in der Museumssammlung befanden, unter anderem ein Tefillin aus der Sammlung des Lübecker Bürgermeisters Johann Casper Lindenberg (1740 -1824). Wichtige Gegenstände für die Ausstellung, wie Tallit (Gebetsschal) und Kippa (Käppchen), die in der Museumssammlung nicht vorhanden sind, wurden freundlicherweise von einer Lübecker Familie als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

Um einen Bezug zur Gegenwart zu schaffen, werden die gezeigten Judaica mit zeitgenössischen Fotos aus Israel in Zusammenhang gebracht. Der Fotograf Sebastian Bolesch (geboren 1967 in Bonn) ist vor zwei Jahren der Frage nachgegangen, wie es jüdische Jugendliche mit der Orthodoxie halten. Über Wochen hat er den 18jährigen Mandy begleitet. Seine fotografische Antwort liefert ein einfühlsames Porträt eines jungen Mannes, der zwischen den gesellschaftlichen Extremen traditioneller Orthodoxie und jugendlicher Subkultur hin- und hergerissen ist. Die Fotos, ursprünglich für eine “Stern”-Reportage aufgenommen, werden in Lübeck erstmalig der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen; der Eintritt beträgt drei Euro (Ermäßigungen bitte an der Kasse erfragen). +++


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