Digitales Pressedienstarchiv
Mißhandlung Justins war nicht vorherzusehen
Die Mißhandlung des kleinen Justin
war seitens der zuständigen Mitarbeiter der Hansestadt Lübeck weder zu
vermuten, noch vorherzusehen oder gar zu verhindern. Zu diesem Schluß sind
Bürgermeister Bernd Saxe und Jugendsenator Ulrich Meyenborg gekommen, die
sich intensiv mit dem Fall beschäftigt haben. Beide haben heute
während einer Pressekonferenz im Rathaus Stellung zu den Vorkommnissen um
den kleinen Jungen genommen. Das Kleinkind befindet sich nach wie vor im
Krankenhaus.
Im Zuge der Berichterstattungen hatte Saxe
den zuständigen Bereich Jugendhilfe/Jugendamt um einen Sachstandsbericht
gebeten. Senator Meyenborg ließ sich am Urlaubsort laufend über die
Vorgänge informieren.
Nach Vorlage des Sachstandsberichts
führte Saxe ein intensives Gespräch mit den zuständigen
Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Bereichs Jugendhilfe/Jugendamt, um zu
klären, ob die Mißhandlung von Justin durch die zuständigen
Mitarbeiter früher hätte erkannt und verhindert werden
können.
Saxe und Meyenborg kommen gemeinsam nach
sorgfältiger Prüfung der bisher vorliegenden Ergebnisse zu dem
Schluß: “Der Fall Justin hat in der Öffentlichkeit zu Recht
große Betroffenheit ausgelöst. Auch wir sind wie die Verantwortlichen
im Bereich Jugendhilfe/ Jugendamt erschüttert vom Schicksal dieses Jungen
und aufgebracht über Menschen, die zu so einer Tat fähig sind. In den
vergangenen Wochen ist intensiv geprüft worden, ob diese Entwicklung
hätte verhindert werden können. Tatsache ist, daß die
zuständige Sozialberatungsstelle auf eigene Initiative bereits vor Monaten
Kontakt zur Kindesmutter aufgenommen hat. Anlaß war der Tod des
Kindesvaters. Seither standen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit der
Familie in Kontakt und boten weitergehende Hilfe an. Im Ergebnis ist
festzustellen, daß die Mißhandlung von Justin durch die
sozialpädagogischen Fachkräfte weder zu vermuten, noch absehbar oder
zu verhindern gewesen ist. Die Beratungsarbeit war fachlich qualifiziert,
bedarfsgerecht und den Erfordernissen entsprechend.”
Bei wiederholten Hausbesuchen wurde nach
Aussage des Sachstandsberichts durch die zuständigen Mitarbeiter des
Bereichs Jugendhilfe/Jugendamt eine gute emotionale Bindung zwischen der Mutter
und ihren Kinder beobachtet. Die Mutter wurde in Situationen erlebt, in denen
sie angemessen sowohl auf die Bedürfnisse der Kinder einging als auch ihnen
erzieherische Grenzen setzte. In der Beratung berichtete die Mutter auf
Nachfrage, daß sie Ratschläge und Unterstützung in
Erziehungsfragen von ihrer Mutter erhalte.
Der Sachstandsbericht bestätigt,
daß es Hinweise des behandelnden Kinderarztes auf Überforderung der
Mutter und Fehlernährung der Kinder gab. Bei einer Überprüfung
ergab sich, daß die Mutter zwar Schwierigkeiten bei der Erledigung von
Behördengängen nach dem Tod des Kindesvaters hatte, die
Betreuungssituation der Kinder aber augenscheinlich gut war und der Verdacht der
Fehlernährung nicht bestätigt werden konnte.
Bei dem Hinweis des Kinderarztes auf
Fehlernährung blieb die Frage offen, ob diese Erkenntnisse aus
Untersuchungen der Kinder oder aus Gesprächen mit Verwandten resultierten.
Saxe und Meyenborg weisen in diesem
Zusammenhang noch einmal darauf hin: “Entgegen anderslautender
Behauptungen gab es in der Vergangenheit keinerlei Hinweise von behandelnden
Ärzten oder von dritter Seite auf Mißhandlungen oder körperliche
Gewalt an den Kindern, die der Hansestadt Lübeck zur Kenntnis gegeben
wurden.”
Abschließend stellen
Bürgermeister und Jugendsenator fest, daß dieser Fall leider einer
von den vielen Fällen ist, in denen Familien mit der Betreuung ihrer Kinder
überfordert sind. Die Verwaltung arbeitet deshalb seit einiger Zeit neben
den laufenden Einzelfallhilfen an Vorschlägen, um gezielt in einzelnen
besonders betroffenen Stadtteilen gegenzusteuern. +++
