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“Spuren der Berührung” - Kunst für drinnen und draußen

010499LK 2001-07-04

Der Bereich Kunst und Kultur der Hansestadt Lübeck präsentiert von Dienstag, 17. Juli, bis Mitte Oktober ein ungewöhnliches Kunstprojekt im öffentlichen Raum. “Spuren der Berührung” nennt die Künstlerin Tina Schwichtenberg ihre Installation im Außen- und Innenraum.

Anfang Juli beginnt sie, mehrere Reihen von Baumstämmen an der Travemünder Allee mit weißen, leimgetränkten Leinenstreifen zu umwickeln. Es handelt sich um die Grünfläche zwischen dem Gustav-Radbruch-Platz und der Durchfahrt zum Gertrudenkirchhof/Jugendherberge. Am 17. Juli soll die Umwicklung abgeschlossen sein. Bis zum 26. August haben Passanten und Verkehrsteilnehmer Gelegenheit, den Trocknungsprozeß, bei dem sich Schmutzpartikelchen absetzen und das Weiß seine Reinheit verliert, zu beobachten. Danach werden die getrockneten Hüllen aufgeschnitten und vom 13. September bis 15. Oktober im Foyer der Geschwister-Prenski-Schule dicht an dicht aufgehängt. Beim Hindurchgehen versetzt das Publikum die Hohlformen in Schwingung. Berührung wird so sichtbar, hörbar, fühlbar.

Das Projekt, mit dem Tina Schwichtenberg mit künstlerischen Mitteln auf die Verletzlichkeit und Verletztheit der Natur aufmerksam machen will, steht in einem internationalen Kontext. Auf drei Erdteilen hat sie an unterschiedlichsten Orten mit ihrer sensiblen Installation große öffentliche Beachtung gefunden: Zunächst 1996 in Tokio, ein Jahr später bei der Weltklimakonferenz im heiligen Bezirk von Kyoto und danach am “Gelben Fluß”, der Hauptwasserader Chinas. 1999 machte sie im Berliner Monbijoupark, ähnlich wie mit ihrer auch im Burgkloster gezeigten eindrucksvollen Installation “Bosnisches Leinen”, mit den “Spuren der Berührung” auf den Krieg in Jugoslawien aufmerksam. Ende des Jahres werden Bäume auf dem Platz des heiligen Martinez in Lissabon und 2002 in Prag umwickelt werden.

Jedes Mal, an jedem Ort erfährt die Aktion eine unterschiedliche Wirkung und Aussage: durch die Verschiedenheit der Bäume, des Areals, des (umwelt-) politischen Umfelds. In Lübeck begibt sich Tina Schwichtenberg erstmals bewußt mitten auf eine verkehrsbewegte öffentliche Fläche und anschließend in den pädagogischen Raum. Die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Prenski-Schule werden in den künstlerischen Prozeß einbezogen und können daran zugleich ihr Umweltbewußtsein schulen. Am 17. Juli um 11 Uhr wird Tina Schwichtenberg ihre Außeninstallation der Öffentlichkeit übergeben und am 13. September, ebenfalls um 11 Uhr, wird sie die Inneninstallation in der Prenski-Schule vorstellen. Vorab beschreibt sie das Projekt folgendermaßen:

1. Die Installation im Außenraum weist auf die geschädigte, verletzte Natur hin. Die Allee ist verändert, die Baumstämme sind umwickelt: Unbeflecktes Weiß verfremdet, macht bewußt, weist hin, verdeutlicht, macht sensibel. Man lernt zu sehen, begreift jeden einzelnen Baum. In Dämmerung und Morgengrauen erscheinen Bäume wie fremde Wesen, märchenhaft, geisterhaft voll Zauber...

Traditionell ist das Weißen der Baumstämme mit Kalk eine gärtnerische Maßnahme. Insekten sollen so zurückgehalten werden, Sonneneinstrahlungen gemindert, dem frühen Reifen und Austrocknen soll so vorgebeugt werden.

In anderen Landstrichen kennt man eine verkehrstechnische Maßnahme: Weiße Rechtecke werden auf die Alleebäume gemalt und zeigen durch Reflexion die Straßenbegrenzung an. In Israel beispielsweise wurden in Ermangelung von Draht für die Einfriedung die Baumstämme weiß bemalt und auf diese Weise die Grundstücksgrenzen sichtbar gemacht. Mir geht es aber um etwas anderes.

Der Baum als Sinnbild des Lebens verbindet Himmel und Erde. Sein Stamm wurzelt in der Erde, seine Krone verliert sich in der Höhe. Ich gebe den Bäumen eine zusätzliche Hülle aus weißen Stoffstreifen. Die Stämme werden umwickelt, verbunden. Pflegen, Schützen und Heilen drängen sich auf.

Ich mache so Vorhandenes bewußt, verändere gewohnte Sehweisen, ohne in Gegebenes zerstörend einzudringen. Die Situation am Standort bleibt, wie sie ist. Durch meine Installation werden Bäume, Sträucher und die Umgebung neu wahrgenommen über Wochen und Monate hinweg.

Weiß leuchten die Stämme zu jeder Tageszeit. Phosphoreszierend in der Dämmerung, geistergleich in der Nacht. Die Ästhetik der Form wird deutlich und drängt sich ins Bildgedächtnis. Das Wickelmaterial, weiße in Zellleim getränkte Baumwolle, bekommt später Stockflecken, Schmutzpartikelchen setzen sich ab. Das Weiß verliert allmählich seine Reinheit und gleicht sich der Farbe der Stämme an. Später werden die Umwicklungen aufgeschnitten und ins Foyer gehängt.

2. Die Installation im Innenraum (Foyer) zeigt Hohlformen, Leerformen, Abbilder der Bäume der Allee. Eine Verbindung von Außen nach Innen wird deutlich: dieselben Formen mit demselben gedanklichen Inhalt wirken völlig anders. Dicht an dicht hängen die Objekte von der Decke. Die Betrachter versetzen beim Hindurchgehen die Formen in Schwingungen: Berührung wird sichtbar, hörbar und fühlbar.

Materialbeschreibung:

Gebrauchtes, gewaschenes weißes Tisch- und Bettzeug wird in schmale Streifen gerissen und in Zellleim getränkt. Zellleim ist ein Naturprodukt (beispielsweise aus Holz) ohne chemische Zusätze. Eine Kreuzwicklung je Baumstamm von ungefähr zwei Metern Höhe ergeben die Hüllen. Der Zellleim verhindert das selbständige Abwickeln. Kleinsttiere finden trotzt der Umwicklung durch Borkenriefen und Unebenheiten ihren Weg. Die Baumstämme können durch die Stoffwicklung atmen. +++


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