Digitales Pressedienstarchiv
“Spuren der Berührung” - Kunst für drinnen und
draußen
Der Bereich Kunst und Kultur der
Hansestadt Lübeck präsentiert von Dienstag, 17. Juli, bis Mitte
Oktober ein ungewöhnliches Kunstprojekt im öffentlichen Raum.
“Spuren der Berührung” nennt die Künstlerin Tina
Schwichtenberg ihre Installation im Außen- und Innenraum.
Anfang Juli beginnt sie, mehrere Reihen
von Baumstämmen an der Travemünder Allee mit weißen,
leimgetränkten Leinenstreifen zu umwickeln. Es handelt sich um die
Grünfläche zwischen dem Gustav-Radbruch-Platz und der Durchfahrt zum
Gertrudenkirchhof/Jugendherberge. Am 17. Juli soll die Umwicklung abgeschlossen
sein. Bis zum 26. August haben Passanten und Verkehrsteilnehmer Gelegenheit, den
Trocknungsprozeß, bei dem sich Schmutzpartikelchen absetzen und das
Weiß seine Reinheit verliert, zu beobachten. Danach werden die
getrockneten Hüllen aufgeschnitten und vom 13. September bis 15. Oktober im
Foyer der Geschwister-Prenski-Schule dicht an dicht aufgehängt. Beim
Hindurchgehen versetzt das Publikum die Hohlformen in Schwingung. Berührung
wird so sichtbar, hörbar, fühlbar.
Das Projekt, mit dem Tina Schwichtenberg
mit künstlerischen Mitteln auf die Verletzlichkeit und Verletztheit der
Natur aufmerksam machen will, steht in einem internationalen Kontext. Auf drei
Erdteilen hat sie an unterschiedlichsten Orten mit ihrer sensiblen Installation
große öffentliche Beachtung gefunden: Zunächst 1996 in Tokio,
ein Jahr später bei der Weltklimakonferenz im heiligen Bezirk von Kyoto und
danach am “Gelben Fluß”, der Hauptwasserader Chinas. 1999
machte sie im Berliner Monbijoupark, ähnlich wie mit ihrer auch im
Burgkloster gezeigten eindrucksvollen Installation “Bosnisches
Leinen”, mit den “Spuren der Berührung” auf den Krieg in
Jugoslawien aufmerksam. Ende des Jahres werden Bäume auf dem Platz des
heiligen Martinez in Lissabon und 2002 in Prag umwickelt
werden.
Jedes Mal, an jedem Ort erfährt die
Aktion eine unterschiedliche Wirkung und Aussage: durch die Verschiedenheit der
Bäume, des Areals, des (umwelt-) politischen Umfelds. In Lübeck begibt
sich Tina Schwichtenberg erstmals bewußt mitten auf eine verkehrsbewegte
öffentliche Fläche und anschließend in den pädagogischen
Raum. Die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Prenski-Schule
werden in den künstlerischen Prozeß einbezogen und können daran
zugleich ihr Umweltbewußtsein schulen. Am 17. Juli um 11 Uhr wird
Tina Schwichtenberg ihre Außeninstallation der Öffentlichkeit
übergeben und am 13. September, ebenfalls um 11 Uhr, wird sie die
Inneninstallation in der Prenski-Schule vorstellen. Vorab beschreibt sie das
Projekt folgendermaßen:
1. Die Installation im
Außenraum weist auf die geschädigte, verletzte Natur hin.
Die Allee ist verändert, die Baumstämme sind umwickelt: Unbeflecktes
Weiß verfremdet, macht bewußt, weist hin, verdeutlicht, macht
sensibel. Man lernt zu sehen, begreift jeden einzelnen Baum. In Dämmerung
und Morgengrauen erscheinen Bäume wie fremde Wesen, märchenhaft,
geisterhaft voll Zauber...
Traditionell ist das Weißen der
Baumstämme mit Kalk eine gärtnerische Maßnahme. Insekten sollen
so zurückgehalten werden, Sonneneinstrahlungen gemindert, dem frühen
Reifen und Austrocknen soll so vorgebeugt werden.
In anderen Landstrichen kennt man eine
verkehrstechnische Maßnahme: Weiße Rechtecke werden auf die
Alleebäume gemalt und zeigen durch Reflexion die Straßenbegrenzung
an. In Israel beispielsweise wurden in Ermangelung von Draht für die
Einfriedung die Baumstämme weiß bemalt und auf diese Weise die
Grundstücksgrenzen sichtbar gemacht. Mir geht es aber um etwas
anderes.
Der Baum als Sinnbild des Lebens
verbindet Himmel und Erde. Sein Stamm wurzelt in der Erde, seine Krone verliert
sich in der Höhe. Ich gebe den Bäumen eine zusätzliche Hülle
aus weißen Stoffstreifen. Die Stämme werden umwickelt, verbunden.
Pflegen, Schützen und Heilen drängen sich auf.
Ich mache so Vorhandenes bewußt,
verändere gewohnte Sehweisen, ohne in Gegebenes zerstörend
einzudringen. Die Situation am Standort bleibt, wie sie ist. Durch meine
Installation werden Bäume, Sträucher und die Umgebung neu wahrgenommen
über Wochen und Monate hinweg.
Weiß leuchten die Stämme zu
jeder Tageszeit. Phosphoreszierend in der Dämmerung, geistergleich in der
Nacht. Die Ästhetik der Form wird deutlich und drängt sich ins
Bildgedächtnis. Das Wickelmaterial, weiße in Zellleim getränkte
Baumwolle, bekommt später Stockflecken, Schmutzpartikelchen setzen sich ab.
Das Weiß verliert allmählich seine Reinheit und gleicht sich der
Farbe der Stämme an. Später werden die Umwicklungen aufgeschnitten und
ins Foyer gehängt.
2. Die Installation im
Innenraum (Foyer) zeigt Hohlformen, Leerformen, Abbilder der Bäume der
Allee. Eine Verbindung von Außen nach Innen wird deutlich: dieselben
Formen mit demselben gedanklichen Inhalt wirken völlig anders. Dicht an
dicht hängen die Objekte von der Decke. Die Betrachter versetzen beim
Hindurchgehen die Formen in Schwingungen: Berührung wird sichtbar,
hörbar und fühlbar.
Materialbeschreibung:
Gebrauchtes, gewaschenes weißes
Tisch- und Bettzeug wird in schmale Streifen gerissen und in Zellleim
getränkt. Zellleim ist ein Naturprodukt (beispielsweise aus Holz) ohne
chemische Zusätze. Eine Kreuzwicklung je Baumstamm von ungefähr zwei
Metern Höhe ergeben die Hüllen. Der Zellleim verhindert das
selbständige Abwickeln. Kleinsttiere finden trotzt der Umwicklung durch
Borkenriefen und Unebenheiten ihren Weg. Die Baumstämme können durch
die Stoffwicklung atmen. +++
