Der diesjährige Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck geht an die
in Kalifornien und Göttingen lebende Schriftstellerin Ruth Klüger.
Die Hansestadt ehrt damit "eine im besten Sinne provokative und subtile
Essayistin, exzellente Literaturwissenschaftlerin und einzigartige
autobiographische Erzählerin", heißt es in der Begründung der
Jury.
In ihrem Buch "weiter leben" (1992) habe sie den Erfahrungen des Holocaust und
des Exils eine den Dialog fordernde und ermöglichende Sprache gegeben, in
ihren Essays Katastrophen und Hoffnungen der Humanität in der deutschen
Literaturgeschichte sichtbar gemacht. Weiter heißt es in der
Begründung: "Mit Ruth Klüger wird eine Schriftstellerin aus jener
Generation gewürdigt, die, aus Deutschland verjagt, ein unersetzliches
geistiges Erbe lebendig erhalten und unserem Land unverdient zurückgegeben
hat."
Ruth Klüger, geboren 1931 in Wien, als Jüdin verschleppt in die
Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christiansstadt,
wanderte nach einem Notabitur in Nachkriegsdeutschland 1948 aus in die USA. Sie
studierte Germanistik und Anglistik in New York und Berkeley, Kalifornien und
lehrte an den Universitäten von Virginia und in Princeton, New York. Heute
ist sie Professorin für Literaturwissenschaft an der University of
California in Irvine und in Göttingen. Sie ist Mitglied des deutschen
P.E.N. und korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache
und Dichtung. Den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik
erhielt sie 1997.
Ruth Klügers Hauptwerke sind neben literaturwissenschaftlichen Studien der
autobiographische Bericht "weiter leben. Eine Jugend" (1992) sowie die
Essaybände "Katastrophen über deutsche Literatur" (1994) und "Frauen
lesen anders" (1996). Aufsehen erregte zuletzt ihr Essay "Von hoher und
niedriger Literatur" (1998) über KZ-Kitsch.
Der Thomas-Mann-Preis wurde 1975 von der Hansestadt Lübeck gestiftet.
Preisträger waren die Dichter Uwe Johnson, Siegfried Lenz, Günter de
Bruyn und Günter Grass sowie die Literaturwissenschaftler und -kritiker
Peter de Mendelssohn, Joachim Fest, Marcel Reich-Ranicki und Hans Wysling. Der
mit 15 000 Mark dotierte Preis wird alle drei Jahre an Persönlichkeiten
verliehen, die sich durch ihr literarisches Wirken ausgezeichnet haben "im
Geiste der Humanität, die das Werk von Thomas Mann prägte". Die
Verleihung findet am 9. Mai im Scharbausaal der Stadtbibliothek statt. Die
Laudatio hält der Kieler Literaturwissenschaftler Professor Dr. Heinrich
Detering. +++
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