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Ehemaliges Gewerkschaftshaus

Dr.-Julius-Leber-Str. 48

Auf dem Gelände des 1896 von der damaligen Lübecker Genossenschaftsbäckerei GmbH erworbenen und durch späteren Zukauf weiterer Grundstücke (Nrn. 46-52) vergrößerten Areals in der ehemaligen Johannisstraße erhielt die Lübecker organisierte Arbeiterschaft einen Gebäudekomplex, der neben einem großen Saal für ca. 2000 Personen (inkl. Galerie und Bühne), eine Druckerei, ein Bürogebäude und eine Bücherei beherbergte. Weitere Um- und Neubauten sollten erfolgen, letztlich kam es jedoch nur zum Bau einer Bürohaus-Erweiterung auf dem Grundstück Nr. 48, der 1928-1930 nach Plänen von Alfred Runge und Wilhelm Lenschow (s. Kaufhaus am Klingenberg) entstand.

Der Betonskelettbau präsentiert sich mit vier Vollgeschossen sowie einem zurückspringenden Dachgeschoss und einer Straßenfassade, die in 8 Fensterachsen unterteilt ist. Das sachlich nüchterne Erdgeschoss mit seinem unter den beiden rechten Fensterachsen liegenden großformatigen Eingang dient hierbei als Sockel für die folgenden drei Obergeschosse. Sie sind hervorgehoben durch bis zum Dachgeschoss durchlaufende, abgetreppte und über Eck gestellte Lisenen, die sich über dem Stockwerksgesims des Erdgeschosses erheben. Auch hier wird das bereits an anderer Stelle erwähnte in die Höhestreben der Fassade deutlich, die wieder von einem Flachdach abgeschlossen wird. Durch das zurückspringende halbe Dachgeschoss mit stilisierten Mauerankern erfährt die exponierte Plastizität der Fassade eine Betonung, ihre Expressivität durch die über den Fensterachsen weit hervortretenden und in Goldfarbe gefassten kantigen Wangen eine weitere Steigerung.

Im Inneren sind bis heute historische Bauelemente wie u .a. gelbe Wandfliesen, expressionistisch gestaltete Treppengeländer und prismenartig in den Raum hineinragende Metallgitter an raumhohen Fenstern erhalten. Seit dem Umzug der Gewerkschaftshaus-Institutionen in einen am Holstentorplatz errichteten größeren Neubau 1957 beherbergt das Gebäude Sitz städtischer Verwaltungsorgane (Denkmal seit 1989).

Architekten: Alfred Runge und Wilhelm Lenschow

 

Der norddeutsche Klinkerexpressionismus

In Anlehnung an den Heimatschutzstil und unter Beeinflussung der modernen Architekturauffassung des Bauhauses griffen auch Lübecker Verwaltung und Architektenschaft den sich in den 1920er Jahren in Norddeutschland entwickelnden sogenannte Backstein- oder Klinkerexpressionismus für Neubauten auf. Diese wurden im Anschluss an die Inflationsjahre nach 1923 zunächst von öffentlich-kommunaler Seite in Auftrag gegeben und belebten das Lübecker Stadtbild sowohl durch ihre Materialität als auch durch eine innovative Fassadengestaltung bis heute.

Unter Verwendung dunkler Ziegel, die in unterschiedlichen Brandvariationen eine heterogene Oberfläche zu schaffen vermögen, wurden sachlich-funktionale Bauten errichtet, deren äußere Flächenhaftigkeit durch eine phantasievolle Verwendung von Ziegel und Klinker aufgebrochen wurde. So finden sich zu unterschiedlichsten geometrischen Mustern vermauerte, flächig eingefügte Ziegelsteine im Wechsel mit spitz und kantig oder wie gefaltet hervortretenden Gesimsen, Lisenen, Rahmungen, Gittern, Rauten und Friesen sowie weiteren exponiert und z. T. farbig abgesetzten Dekorelementen an den Hausfassaden wieder. Auch figürliche und ornamentale Elemente kamen in reduzierter und akzentuierter Weise zum Einsatz und verstärken den so tatsächlich entstehenden expressiven Gebäudecharakter.

Nahezu alle diese Bauten zeichnet ein vertikaler, stark in die Höhe strebender Zug aus, der häufig durch übereinanderliegende Fensterachsen und diese flankierende, aus der Fläche heraustretende Bänder hervorgerufen wird. Manchmal findet die vertikale Tendenz der Gebäude ihren oberen Abschluss in einem schlanken, spitzen Dreiecksgiebel, häufiger jedoch durch ein Flachdach bzw. abgetreppte Obergeschosse.

So wie Fritz Schumacher und Fritz Höger als namhafte Repräsentanten des Hamburger Backstein-Expressionismus genannt werden, gab es auch in Lübeck Vertreter unter der Architektenschaft und von amtlicher Seite aus, die mit diesem Baustil verbunden sind. Es sind dies u. a. Oberbaurat Friedrich Wilhelm Virck, die Architekten Lenschow, Runge, von Ladiges sowie die zeitgenössischen Künstler Richard Kuöhl und Ervin Bossanyi, die im gesamten norddeutschen Raum für ihre bauplastischen und künstlerischen Beiträge am Äußeren und im Inneren der Bauten jener Zeit bekannt geworden sind.

 

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