Die Toten von St. Marien – Teil 3
„Eigentlich sind wir doch mit der Grabung fertig, oder?“
„Eigentlich schon.“
Eigentlich.
Die erste Grabungskampagne in St. Marien war abgeschlossen. Einige der Grabungsflächen blieben jedoch bewusst geöffnet, damit Besucher bis zum Beginn der nächsten Kampagne weiterhin einen direkten Blick auf die freigelegten Befunde unter dem Kirchenboden werfen konnten. Darunter befand sich auch eine Gruft im südlichen Seitenschiff, über die wir bereits berichtet haben. Besonders bemerkenswert sind ihre außergewöhnlich gut erhaltenen Wandmalereien: schwarze Ranken, Laubwerk und Inschriftenkartuschen auf weißem Grund. Sie wurden bereits während der Grabung in das 17. Jahrhundert datiert. Dass solche empfindlichen Befunde über mehrere Monate offen liegen, bedeutet allerdings auch, dass ihr Zustand regelmäßig kontrolliert werden muss. Ein Restaurator der Kirchengemeinde überwacht deshalb die Wandmalereien und achtet insbesondere auf Veränderungen durch Feuchtigkeit. Und genau dabei zeigte sich ein Problem: Obwohl im Untergrund nur geringe Mengen Schichtenwasser vorhanden sind, nehmen die Gruftmauern und ihr Kalkputz Feuchtigkeit auf. Durch die sogenannte Kapillarwirkung wird das Wasser innerhalb der feinen Poren des Mauerwerks nach oben transportiert, wo es an der trockeneren Oberfläche verdunsten kann. An einer der bemalten Gruftwände wurden dadurch zunehmend Feuchtigkeitsflecken sichtbar. Für die Malereien war das auf Dauer keine gute Nachricht. Also hieß es: noch einmal zurück auf die Grabung.
Kurzfristig rückte ein kleines Team für eine weitere Woche in St. Marien an. Da nun bis zum Boden der rund drei Meter tiefen Gruft gearbeitet werden sollte, musste zunächst auch in Sachen Arbeitssicherheit nachgerüstet werden: Die Gruft erhielt eine zusätzliche Aussteifung, und ein Elektrokran erleichterte das Bergen des Materials. Dann konnten wir die letzten Zentimeter der Verfüllung entfernen. Und die hatten es noch einmal in sich. In der Nord- und Südwand kamen mehrere paarweise angeordnete Eisenzapfen zum Vorschein. Sie liegen sich auf gleicher Höhe gegenüber und bildeten einst Auflager für hölzerne Querbalken. Auf diese Weise konnten innerhalb der Gruft mehrere Ebenen geschaffen werden, auf denen weitere Särge abgestellt wurden. Mindestens sechs Särge fanden so Platz in der Kammer. Direkt darunter erreichten wir schließlich den Boden der Gruft. Und der war beinahe zu schön, um ihn anschließend wieder verschwinden zu lassen.
Ein sorgfältig verlegtes Backsteinpflaster bedeckte die gesamte Grabkammer. Von einem halben Backstein in der Mitte ausgehend wurden die Steine teilweise konzentrisch beziehungsweise schneckenförmig angeordnet und gehen anschließend in unterschiedliche Verlegemuster über. Fast alle Backsteine tragen einen St.-Petri-Stempel. Die Backsteinformate und Stempel fügen sich ebenso wie die Wandmalereien in die Datierung der Gruft in das 17. Jahrhundert ein. Damit war die Gruft erstmals vollständig freigelegt. Nach der zeichnerischen und fotografischen Dokumentation wurde die gesamte Grabkammer zusätzlich dreidimensional erfasst. So bleibt der Befund auch digital erhalten und kann weiterhin untersucht und betrachtet werden, obwohl die Gruft selbst inzwischen wieder unter dem Kirchenboden verschwunden ist. Nach Abschluss der Arbeiten wurde sie kontrolliert mit Sand verfüllt. Das stabilisiert die Mauern und schafft wieder gleichmäßigere
Bedingungen für den empfindlichen historischen Putz und die Wandmalereien. Was wir für kurze Zeit vollständig freigelegt hatten, liegt damit wieder geschützt im Boden.
Denn im Oktober wartet bereits die nächste Gruft auf uns. Sie liegt in einer der Seitenkapellen und möglicherweise ist sie deutlich älter als die gerade untersuchte.