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Neues von den Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel

Stand: August 2011

Die Erst-Fassung (April 2010) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel sehen Sie hier.
Eine Aktualisierung (Oktober 2010) zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel finden Sie hier.

Die archäologischen Untersuchungen in der Lübecker Altstadt, die durch das 2009 aufgelegte „Investitionsprogramm für nationale Welterbestätten“ des Bundesbauministeriums möglich wurden, laufen auf vollen Touren weiter und haben bereits viele neue Erkenntnisse erbracht. Nach Grabungsbeginn im Oktober 2009 auf dem ersten Grabungsareal (Parkplatz Einhäuschen-Querstraße) begannen im Juli 2010 die Freilegungen im zweiten Abschnitt (ehemaliger Schulhof der abgerissenen Dorothea-Schlözer-Schule), der von einem 2.250 m² großem Ausgrabungszelt überspannt wird.

Grabungszelt

Nach Abbau des ersten Grabungszeltes lässt die Vogelperspektive die archäologischen Befunde gut erkennen, gleichzeitig wird das neue Zelt auf dem Gelände der abgerissenen Dorothea-Schlözer-Schule errichtet.

Holzkeller

Ein Holzkeller mit rampenartigem
Zugang konnte in die Zeit „um 1181“
datiert werden.

Parallel dazu werden die Untersuchungen auf der ersten Grabungsfläche fortgesetzt, die vor allem die unterhalb der Backstein-Bebauung des 13./14. Jahrhunderts befindlichen Holzbebauung zum Inhalt haben. Teilweise sehr gut erhalten ist hier ein etwa 5,5 x 6,5 m großer Holzkeller mit rampenartigem und gepflastertem Zugang.

Nach Ausweis der Dendro-Chronologie wird der Keller „um 1181“ datiert und ist im 13. Jahrhundert durch Dielenhäuser der Grundstücke Braunstraße 30A/30B/32 überbaut worden. Ältere Holzbefunde sind auf demselben Grundstück zwar ebenso vorhanden, wie etwa eine Grube unmittelbar nördlich dieses Kellers sowie ein weiterer Keller mit rampenartigem Zugang, können aber aufgrund noch ausstehender exakter Dendro-Daten vorläufig nur in den Zeitraum zwischen 1150 und 1175 gesetzt werden.

Bleiglasring

Das Fragment eines Bleiglas-Fingerringes
aus der Mitte des 12. Jahrhunderts deutet
auf slawische Hinterlassenschaft
im Grabungsareal 1-.

Zwar wurden bislang keine slawischen Siedlungsreste im Verlauf der Freilegungsarbeiten auf diesem Areal festgestellt, doch sind einige spätslawische Keramikscherben oder Glasfragmente durchaus als Hinweise auf eine parallele deutsche und slawische Besiedlung der Stadtinsel in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts anzusehen. So datiert das Fragment eines grünen Bleiglas-Fingerringes mit gelbem Dekor nach Vergleichsfunden im nordeuropäischen Raum in die Zeit um 1150.

 

Der aktuelle Grabungsplan vom Juli 2011 macht gänzlich unterschiedliche Bebauungs- und Erhaltungsstrukturen in den Grabungs-Abschnitten 1 (links) und 2 deutlich

Grabungsplan

Der aktuelle Befundplan der ersten beiden Grabungsabschnitte zeigt viele unterschiedliche Strukturen und damit eine bewegte Geschichte in den letzten 850 Jahren. (Für eine größere Ansicht das Bild anklicken)

Kloakenanlagen.jpg

Kloaken-Reihung entlang der Grundstücks-
grenzen von Braun- und Fischstraße.

Während der große Verlust an Backsteingebäuden auf dem Areal der Schlözer-Schule mit den dortigen Keller-Einbauten in den 1950er Jahren begründet werden kann, so fällt insbesondere auf, dass die Hinterhof-Bereiche des ersten Grabungs-Abschnittes deutlich mehr von Backstein-Schächten geprägt sind, als die Hinterhof-Areale des zweiten Abschnitts mit ausschließlich hölzernen Entsorgungs-Anlagen bei hier wie dort gleichartiger West-Ost-Orientierung.

Der rückwärtige Bereich des Grundstückes Braunstraße 26 hielt einen aufgrund seiner nahezu vollständigen Erhaltung sensationellen Holzbefund bereit: Eine fast komplette Toiletten-Anlage des 13. Jahrhunderts mit darunter liegendem unterirdischem und gut gefülltem Kloakenschacht. Das Klosett befand sich innerhalb des zugehörigen etwa 3,0 x 3,5 m großen Schwellbohlenbaus mit gespundeten Wandbohlen und einem Holzfußboden auf massiven Balkenträgern. Der Toilettenkasten von etwa 1,0 x 1,2 m Größe war in Wand- wie Fußbodenkonstruktion verankert und konnte dank eines Doppelsitzes gleich zwei Personen Erleichterung verschaffen.

Doppelsitz

Anrüchiger Glücksfall: Eine nahezu
komplette Toiletten-Anlage des
13. Jahrhunderts mit Doppelsitz.

 

Haus und Hof

Ein gut erhaltener Schwellen- Ständerbau
mit einer durch Findlinge befestigten
Hoffläche auf dem Grundstück
Braunstraße 26.

Auf demselben Grundstück wird zurzeit ein weiteres Holzhaus in Form eines Schwellen-Ständerbaus freigelegt. Dessen Kellerkonstruktion ist in vollständiger Geschosshöhe von knapp über zwei Meter sehr gut erhalten. Es ist zudem durch einen Höhenvergleich zum erfassten Außenbereich anzunehmen, dass auch das Erdgeschoss des Hauses teilweise um bis zu einen Meter eingetieft war. Die Hoffläche außerhalb des Holzhauses war mit Findlingen und sekundär verwendeten hölzernen Schiffsteilen befestigt. Bei diesen Hölzern handelt es sich um Planken und Spanten als ehemalige Bauteile von Kähnen, die auf Binnengewässern unterwegs waren.

Doch nicht nur bei den reinen Holzbefunden waren vielschichtige neue Erkenntnisse zu vermelden – auch für Backsteinbauten gelangen außergewöhnliche Entdeckungen. So konnte im Bereich Fischstraße 21 unmittelbar unterhalb der Mauerfundamente eines Dielenhauses des 13. Jahrhunderts ein älterer gemauerter Kellerzugang freigelegt werden.

Dieser führte zu einem Holzkeller, der mit einem frühen Steingebäude auf Findlings-Fundamenten („Steinwerk“) überbaut war. Die für die Kellertreppe verwendeten Backsteine lassen die Anlage in die Zeit um 1200 datieren.Mit diesem Befund liegt nun ein sehr frühes wie eindrucksvolles Beispiel zum profanen Backsteinbau in Lübeck vor.

Backsteintreppe Quecksilberaktion

Eine Kellertreppe aus der Zeit um 1200, überbaut von Mauerfundamenten des 13. Jahrhunderts, belegt intensiven profanen Backsteinbau bereits in Lübecks Frühzeit.

Vorsichtsmaßnahmen bei Bergung des mittelalterlichen Quecksilber-Komplexes im April 2011.

Für einige Aufregung sorgte schließlich der Fund von 30 Gramm Quecksilber in einer schachtartigen Holzkonstruktion innerhalb eines Holzhauses aus dem 14. Jahrhundert auf dem Grundstück Fischstraße 17. Die Bergung des über 700 Jahre alten flüssigen Metalls erfolgte nach heutigen Sicherheitsstandards und verwandelte das Grabungszelt kurzzeitig in einen Hochsicherheitstrakt.

Der aufsehenerregende Fund wird zurzeit vom Deutschen Bergbaumuseum Bochum untersucht im Hinblick auf seine Provenienz (Spanien? Mittelasien?) und seinen vermutlichen Verwendungszweck (Alchemie? Vergoldung? Spiegelmacherei?). Doch nicht nur für diesen Fund interessieren sich die Nachbardisziplinen. Ebenso konnte die Universität Kiel für Untersuchungen gewonnen werden, die mittels organischer Geochemie Zersetzungsprozesse innerhalb der Kloaken analysieren oder durch Paläontologie die Herkunft der hier verbauten Kalk-Sandsteine ergründen wollen.

Der hohe Lebensstandard der Lübecker Bürger zur Hansezeit sowie die hervorragenden Erhaltungsbedingungen der Abfallanlagen bescherten den Archäologen wiederum interessante wie wertvolle Funde. Sie werfen ein intensives Licht auf Handwerk, Handel und Lifestyle der Bevölkerung der ehemals wichtigsten und modernsten Stadt Nordeuropas.

Holzidol Loeffelbohrer

Ein kleines Idol mit markant geschnitztem Gesicht datiert in das 15./16. Jahrhundert

Holzteller

Der Holzteller aus einer Backsteinkloake zeigt deutliche Schnittspuren von Messern.

Teil eines frühneuzeitlichen Löffelbohrers, auf dem der Handwerker seine Initialen einritzte.



Ledertasche

Ein Rekonstruktionsversuch dieser großen Ledertasche aus frühneuzeitlichem Fundzusammenhang belegt ein vielgliedriges Innenleben.


Textil mit Tuchplombe Nadeldose

Der Textilrest mit Tuchplombe verweist auf dessen Eigentümer und seine Handesverbindungen

Für eine sichere Aufbewahrung von Nadeln diente die aus Knochen gearbeitete und zuschraubbare Nadeldose aus der Neuzeit.

Bleiglasbecher

Eine hochentwickelte Trinkkultur bereits im 13. Jahrhundert belegen die Scherben eines Bechers aus gelbem Bleiglas mit grüner Fadenverzierung.


Ohring

Der goldene Ohrring mit Email-Einlagen und Scharniergelenk kam seiner Besitzerin vermutlich in der Zeit um 1500 abhanden. Ein besonderer Clou: das S-förmige Ende greift in das stilisierte Maul einer Schlange und verschließt das Schmuckstück.

Neben den Arbeiten in den Abschnitten 1 und 2 begannen im Juli 2011 gleichfalls archäologische Untersuchungen auf der dritten Grabungsfläche und hier im östlichen Schulhof der Hanseschule. 1985 wurden im Rahmen der fünfjährigen Grabungen „Alfstraße/Fischstraße“ in diesem Bereich für zwei Monate Sondierungsmaßnahmen bzw. erste Freilegungen durchgeführt, jedoch aufgrund Zeitmangels wieder mit Sand verfüllt. Die Neuaufnahme der Grabungen, die bis zum Projekt-Ende im Dezember 2013 abgeschlossen sein werden, komplettieren die „Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel“ zu einer Gesamtfläche von etwa 9.000 Quadratmeter. Gerade auf diesem Areal werden besonders gute Erhaltungsbedingungen der historischen Strukturen erwartet und es ist vorgesehen, die archäologische Hinterlassenschaft auf den Grundstücken Fischstraße 26 und 28 weitgehend zu erhalten und sichtbar zu machen.



InfoPoint

Lage der drei Grabungs-Abschnitte, des Ausgrabungszeltes und des InfoPoints in der Braunstraße.


Welterbetag

Zum Welterbetag am 5. Juni 2011 kamen über 200 Interessierte auf die Grabungen im Gründungsviertel.

(Text: Dr. Peter Steppuhn)