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Ausgrabungen im Lübecker Gründungsviertel

Stand: April 2010

Eine aktualisierte Fassung zu den Ausgrabungen im Gründungsviertel finden Sie hier.
Aktuelle Informationen zum Welterbeprogramm erhalten Sie hier.

Mit dem mittelalterlichen Stadtkern der Hansestadt Lübeck und ihren in der Zeit der Hochgotik errichteten Gebäude-Strukturen sowie ihrem archäologischen Erbe im Untergrund wurde 1987 erstmals in Nordeuropa ein ganzes Altstadtquartier von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Die Welterbestätten haben im Jahre 2009 aus dem „Investitionsprogramm für nationale Welterbestätten“ des Bundesbauministeriums 150 Millionen Euro erhalten. Als Voraussetzung für die städtebauliche Neuordnung stellt der Bund für die notwendigen archäologischen Grabungen im Lübecker Gründungsviertel daraus 9 Millionen Euro zur Verfügung. Seit Oktober 2009 werden bis zum 31. Dezember 2013 rund 9000 Quadratmeter Stadtgrundrissfläche archäologisch untersucht, das sind 44 Grundstücke zwischen der Braun- und der Alfstraße. Um das Ausgrabungs-Projekt zu realisieren wurden insgesamt 32 befristete Arbeitsplätze für die Aufgabenbereiche Grabungsleitung, Archäo-Informatik, Grabungstechnik, Fotografie, Grafik, Restaurierung, Fundbergung und Inventarisierung geschaffen.

Bombenangriff auf Lübeck

In der Nacht zum 29. März 1942 zerstörten Bombardements der britischen Luftwaffe etwa 20 Prozent der Lübecker Altstadt.

Zur Geschichte: Beim Bombenangriff auf Lübeck in der Palmsonntagnacht 1942 wurden etwa 20 Prozent der Altstadt zerstört, vor allem das Gründungsviertel. Die Bebauung der Jahre 1955-1961 durch zwei Schulen nahm keine Rücksicht auf die gewachsenen Strukturen der Innenstadt. Deshalb wurde schon vor Jahrzehnten aus städtebaulichen Gründen begonnen, für dieses Viertel eine „Stadtreparatur“ vorzunehmen. Nach Abriss der Schulbauten sollen die Grundstücke mit einer kleinteiligen Bebauung versehen werden.

Grabungen erfolgen in mehreren Abschnitten

Die nur durch die Fischstraße getrennten
Grabungsabschnitte werden nach Auswertung
der archäologischen Untersuchungen
Einblicke in ein großes mittelalterliches
Siedlungsareal ergeben.

Da die gesamte Lübecker Innenstadt als Grabungsschutzgebiet ausgewiesen ist, müssen die Archäologen vor der vorgesehenen Neubebauung Ausgrabungen durchführen, um das verborgene archäologische Erbe vor der endgültigen Zerstörung bzw. Überbauung zu dokumentieren und wissenschaftlich zu untersuchen. Die Grabungen erfolgen in mehreren Abschnitten:

Zwar belegen schriftliche Quellen, dass Lübeck im Jahre 1143 als erste deutsche Stadt an der Ostsee gegründet wurde, doch sind sich die Historiker bis heute nicht einig, an welcher Stelle des Stadthügels zwischen Wakenitz und Trave die Anfänge Lübecks liegen. So werden in den nächsten vier Jahren Antworten auf viele Fragen erhofft, wie etwa:

Erste Grabungen

Bereits vor 25 Jahren konnte mit großflächigen
Ausgrabungen im Bereich Alfstraße/
Fischstraße/Schüsselbuden begonnen werden.

Die neuen Grabungen ergänzen die zwischen 1985 und 1990 durchgeführten Untersuchungen unterhalb der Marienkirche. Bei diesen Ausgrabungen ergaben sich erste grundlegende Einblicke in die Entwicklungsgeschichte Lübecks seit dem 12. Jahrhundert. Aufgrund der herausragenden Erhaltungsbedingungen konnten für das 12. bis 20. Jahrhundert sieben Siedlungsperioden herausgearbeitet werden. Die ersten vier Phasen sind durch hölzerne Bauten seit der Mitte des 12. Jahrhunderts charakterisiert, die drei jüngeren durch Backsteingebäude seit dem frühen 13. Jahrhundert und deren Veränderungen. So ist die Stadtstruktur, die hier im obertägigen Bereich durch Baumaßnahmen der letzten Jahrhunderte unlesbar geworden ist, im Boden weiterhin erhalten.

Jetzige Grabungen

Die Gebäudestrukturen in der nördlichen
Braunstraße zeichnen sich deutlich ab und
werden ebenso untersucht wie die
darunterliegenden Siedlungsschichten.

Auch bei der jetzigen Grabung haben die Archäologen bereits Mauern und Keller der hier bis 1942 stehenden Häuser ebenso ergraben wie den Verlauf der ehemaligen Einhäuschen Querstraße. Die für Lübeck typische hohe Dichte archäologischer Befunde offenbarte sich gleichfalls an dieser Stelle: Die mittelalterlichen Hofbereiche der Häuser befinden sich unmittelbar unter der modernen Asphaltdecke. Hier liegen nun Zäune, Brunnen und Kloaken frei, von denen die ersten schon ausgehoben sind und ihr reiches Fundspektrum freigegeben haben. Im Verlauf der Grabungen werden sicherlich noch viele weitere Relikte aus dem Alltags- und Arbeitsleben der mittelalterlichen Lübecker zu bergen sein!

Kloakenanlagen Halle

Viele Befunde auf kleinstem Raum: Zwei Kloakenanlagen unterschiedlicher Konstruktionen sind am oberen Bildrand zu sehen, davor verläuft ein ehemaliger Entwässerungsgraben.

Parallel zu den archäologischen Untersuchungen im ersten Abschnitt, die in einem Zelt stattfanden, liefen die Abbrucharbeiten an der Dorothea- Schlözer-Schule.

Dem glücklichen Umstand, dass es in Lübeck zahlreiche Kloakenanlagen gibt, ist zu verdanken, dass neben Glas- und Keramikgefäßen ebenfalls vielfältige organische Funde aus Holz, Leder oder Textil ans Tageslicht gelangen. Gleiches gilt für die neue Grabung: Neben zahlreichen Daubenschälchen und hölzernen Tellern sind u. a. Trippen, hölzerne Überschuhe, mit denen die Lübecker um 1500 ihre feinen Lederschuhe schützten, gefunden worden. Als weitere Besonderheiten einzuordnen sind eine Pilger- bzw. Feldflasche aus Holz und eine große lederne Tasche, über deren exakten Zuschnitt die Restauratoren noch forschen. All diese Funde müssen nun konserviert werden, damit auch die nächsten Generationen die Kulturgeschichte ihrer Vorfahren nachvollziehen können.

Trippe Pilgerflasche

Da die spätmittelalterlichen Lederschuhe noch keine wasserdichten Sohlen hatten, schützten Frauen und Männer ihre Fußbekleidung außerhalb der Wohnung durch das Hineinschlüpfen in Überschuhe (Trippen).

Diese hölzerne Flasche mit Verschluss könnte von ihrem Besitzer auf Reisen, vielleicht sogar während einer Pilgerfahrt, benutzt worden sein.

Keramikgefäße Neuzeitliche Glasobjekte

Ein typisches Keramik-Spektrum des 13. bis 15. Jahrhunderts: Einheimische sogenannte Grauware und zwei aus Siegburg importierte Steinzeug-Krüge (links).

Fototafeln mit aktuellen Funden aus der Grabung (hier: neuzeitliche Glasobjekte) illustrieren das facettenreiche archäologische Fundspektrum.