970535R 29. September 1997

Dr. Raijko Djuric: "Ein historischer Tag für Roma und Sinti"

Rede aus Anlaß der Gründung der "Stiftung zugunsten des Romavolkes" am 28. September 1997 im Rathaus zu Lübeck

"Für uns Roma und Sinti ist der heutige Tag ein historischer Tag. Die Roma kamen schon im Jahre 1407 nach Deutschland. In der Lübecker Chronik werden sie seit 1417 erwähnt. Seitdem ist unermäßlich mehr in für uns Schlechtes als für uns Gutes "investiert" worden. Viel häufiger wurden jene Kräfte unterstützt und gefördert, die uns das Tor zum Tode öffneten als jene, die im Sinne der moralischen Imperative und humanistischen Anforderungen versuchten auch für uns Roma Wegzeichen zu setzen, die zu einem Leben in menschlicher Würde im Einklang mit den Menschenrechten führen.

Die, die Entscheidungen über das Recht trafen, erklärten die Roma für "vogelfrei". Dieses Volk war mehr als 500 Jahre diskriminiert und brutal verfolgt. Während der Nazizeit sind 500 000 Roma und Sinti in Asche verwandelt worden.

Wenn ich über die Geschichte der Roma und Sinti nachdenke, die wie ein großes Kreuzworträtsel des Todes erscheint, habe ich immer den Buchenwald-Häftling Luis Simon vor Augen. Er, ein Roma, wurde aus Frankreich in dieses Lager deportiert, in dem etwa 10 000 Roma und Sinti interniert waren. Sein Körper war tätowiert. Als das bemerkt wurde, erging der Befehl, ihm eine spezielle Flüssigkeit zu injizieren. Sein Körper - so haben es Donald Kenrick und Grattan Puxon beschrieben - pumpte sich wie ein Luftballon auf. Danach wurde die tätowierte Haut abgezogen und präpariert und der Schreibtisch des Lagerkommandanten damit bezogen. Ich versuche mir die Zeichnungen und Symbole vorzustellen, die auf die Haut dieses Märtyrers tätowiert waren, die ich wie eine Geschichte der Roma und Sinti erlebe. Wollte man alle Roma-Opfer in diesem Jahrhundert aufzählen, so entstünde - wie ich fürchte - eine erschreckende Enzyklopädie des Todes.

Die Roma, an denen jeder seine Macht des Bösen erprobt hat, sind wieder ein Wurm. Ungestraft kann jeder sie vertreiben, töten, als Kanonenfutter benutzen, in Lager deportieren. 12 Millionen Roma und Sinti in Europa, 12 Millionen Menschen und Bürger sind um ihre elementarsten Menschen- und Bürgerrechte gebracht. In Südafrika wurde die Apartheid abgeschafft, aber die Roma sind noch gezwungen, in Ghettos zu leben - von Saloniki bis Bukarest, von Rom bis Madrid, von Belgrad bis Berlin - Mangel und Hunger zu leiden, Gewalt und Bosheit zu dulden, selbst dann zu schweigen, wenn ihre Häuser in Brand gesteckt, ihre Söhne getötet, ihre Töchter vergewaltigt werden. Man zwingt sie sogar, unter solchen Umständen die Schuld auf sich zu nehmen!

Es ist eine Tatsache, daß unter dem Dach der europäischen Institutionen die Tierschutzorganisationen einen besseren Status genießen, als die Organisationen von Roma und Sinti.

Lieber Herr Grass!

Wie Sie es soeben in Ihrer Rede forderten - sollten sich die Roma und Sinti offiziell anerkannt in Europa fühlen können - auf Grund Ihres außerordentlichen Engagements - möchte ich Sie im Namen der Internationalen Romani-Union und des Roma P.E.N. Zentrums, im Namen des Roma-Volkes bitten, im Europa-Rat und -Parlament einmal Ihre Stimme in diesem Sinne zu erheben. Ich verbinde damit die Hoffnung, daß die politisch Mächtigen im Hinblick auf die unser Volk betreffende Problematik endlich wachgerüttelt werden.

Es gibt in Deutschland eine große Zahl Stiftungen. Jedoch gibt es selten, ganz selten, solche, die wissenschaftliche Forschungsprojekte sowie die Literatur der Roma und Sinti und ihre Autoren unterstützen. Das lehnen sogar die Stiftungen ab, die in der Vergangenheit die Rassegutachten finanziert haben, auf deren Grundlage die Roma und Sinti nach Auschwitz und in die anderen Lager deportiert wurden. Zum Beispiel konnte Dr. Robert Ritter, in der Zeit des Nationalsozialismus Leiter des Instituts für Rassenhygiene in Berlin-Dahlem, sein tödliches Werk von über 20 000 Rassegutachten als Stipendiat der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft ausführen.

Es wäre von großer Bedeutung, wenn in der Öffentlichkeit eine Debatte zu diesem Thema angeregt und die Frage der Verantwortung von Stiftungen aufgestellt werden würde, die heute noch Rassismus gegenüber Roma unterstützen und verbreiten.

Günter Grass hat die Stiftung ins Leben gerufen, die weltweit einmalig ist. Ihr Ziel ist es, zu Gunsten der Roma zu wirken. Sie wird ermöglichen, daß die Wahrheit über dieses Volk Verbreitung findet und sich seine Kultur und Literatur entwickeln kann.

Deswegen ist das Engagement von Günter Grass bewundernswert. Vergessen wir nicht, sehr geehrte Damen und Herren, daß wir heute wieder in einer gefährlichen Zeit leben. Vorurteile, Lüge und Haß, schrecklicher Egoismus sind Konstanten der Gegenwart. In Parlamenten europäischer Länder gibt es Kriegsverbrecher und Mörder. Diejenigen, die Menschenrechte und Rechte nationaler Minderheiten mit den Füßen treten. Unter den Entrechteten sind die Roma am zahlreichsten.

Günter Grass hat uns Parias in Europa als Freund die Hand gereicht. Für mich als Vertreter meines Volkes ist diese Geste von unschätzbarem Wert.

Dank an Günter Grass und seine Familie. Ich danke Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, die gekommen sind, um die Freude mit uns zu teilen, die wir Roma in den vergangenen 500 Jahren weder in Deutschland noch in anderen Ländern erfahren haben." +++



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