970531RK 28. September 1997

Günter Grass: "Wie ich zum Stifter wurde"

Rede anläßlich der Feierstunde am 28. September 1997 im Lübecker Rathaus zur Gründung der "Stiftung zugunsten des Romavolkes"

"Wer in Lübeck der Öffentlichkeit eine Stiftung bekannt macht, knüpft an eine dieser Stadt zugewachsene Tradition an, an etwas, das ihr vom Füchtingshof bis zur Possehl-Stiftung eigen ist, an ein bürgerliches Verhalten besonderer Art. Diese Haltung setzt in kleinem wie in größerem Umfang Wohlstand voraus, aber auch den Willen, Kultur zu fördern oder gegen soziale Mißstände widerständig Akzente zu setzen. Bürgerliches Selbstbewußtsein hat seit jeher auf diesem Feld seinen Ausdruck gesucht, christlich geprägt oder von den Zielen der Aufklärung bestimmt. Doch auch dem Künstler öffnet sich - so er zu einigem Vermögen gekommen ist - die Möglichkeit, als Bürger gesellschaftlich zu handeln. Er, dem die Rolle des Außenseiters als Pflichtfach zugeschrieben zu sein scheint, legt die selbsterrichteten oder ihm verordneten Barrieren nieder und handelt nicht etwa notorisch ichbezogen, sondern mit Blick auf sein Umfeld.

So wurde auch ich zum Stifter. Von des Lesers Lust auf erzählte Geschichte seit Jahrzehnten begleitet, war es mir mehrmals möglich, gestützt auf den Erfolg des einen oder anderen Romans, einen Teil meines Vermögens den ohnehin begünstigten Erben zu entziehen, sie also vor Leichtsinn zu bewahren und mit einer nicht gerade spektakulären, aber doch handfesten Summe den Grundstein für eine Stiftung zu legen.

1978 machte "Der Butt" es möglich. Ich konnte einem Schriftsteller, der mir mit seiner Erzählhaltung und einer Vielzahl wegweisender Romane Lehrer gewesen ist, meinen Dank erweisen und zugleich jungen Autoren, die mitten im Manuskript steckten, behilflich werden: die Stiftung des Alfred-Döblin-Preises ist, wenn man die Reihe der Preisträger von Gerold Späth über Libuše Moniková bis zu den jüngstgekürten, Wildenhain und Kieseritzky, als Leser zur Kenntnis nimmt, der deutschsprachigen Literatur förderlich geworden. Und wenn es zudem gelungen ist, den aus Deutschland ins Exil vertriebenen Döblin uns wieder näher und ins Bewußtsein zu bringen, ist überdies dem Zweck dieser Stiftung ein wenig Genüge getan.

Denn einen Zweck muß eine jede Stifiung haben. Das verlangt mit strenger Aufsicht das zuständige Prüfungsamt. Und so verhielt es sich auch mit meinem zweiten Vorhaben, das 1992 realisiert werden konnte. Nachdem die Berliner Akademie der Künste meinen sogenannten "Vorlaß", das heißt gestapelte und in Blindbände geschriebene Manuskripte, jahrzehntelang lagernden Briefwechsel, Zeichnungen und sonstige Absonderungen meiner Werkstatt erworben hatte, konnte ich aus mir überschüssigen Mitteln den Daniel-Chodowiecki-Preis als Stiftung ausstatten. Dieser vorzügliche Graphiker und Frühaufklärer polnischer Herkunft war als Reformator der Königlich Preußischen Akademie der Künste tätig und zudem ein frühentlaufenes Kind meiner Heimatstadt Danzig; Anlaß genug, die Arbeit polnischer Zeichner, Radierer und Lithographen zu fördern. Als im Prozeß der deutschen Einheit, als Vorbedingung, endlich die Westgrenze Polens auch von der Bundesrepublik Deutschland völkerrechtlich anerkannt werden mußte, war die Zeit reif für eine grenzüberschreitende, die Deutschen und Polen einander näherbringende Stiftung. Die Graphiken des Preisträgers und all jener, die nach Sicht der Jury in die engere Auswahl kamen, wurden in polnischen Städten, aber auch in Berlin und jüngst in Düsseldorf ausgestellt. Die Preissumme ergibt sich - wie beim Döblin-Preis - aus den Zinsen des Stiftungskapitals, ist also, wie alles Kapitalabhängige auf dieser von Börsenlaunen und sonstigen Spekulationen beunruhigten Welt, Schwankungen unterworfen, beträgt aber dennoch, weil fürsorglich angelegt, zwischen 15 000 und 20 000 Mark.

So weit - und nüchtern bilanziert - mein Vorleben als Stifter. Wenn es mir bislang darauf angekommen ist, im Umkreis meiner beiden künstlerischen Disziplinen tätig zu werden, möchte ich nun dem, was oft Anstoß erregt und Ärgernis bereitet hat, Vorschub leisten: dem Anspruch des Schriftstellers als Bürger politisch ein Wort mitzureden, mehr noch, nach Überzeugung zu handeln. Eine Stiftung zugunsten des Volkes der Roma wird heute, verbunden mit dem Otto-Pankok-Preis, bekannt gemacht.

Es stellen sich Fragen. Warum das Volk der Roma, dem immer noch ungehemmt die überliefert amtliche Klassifizierung Zigeuner anhängt? Warum nicht ein anderes der vielen bedrohten Völker? Weil die Roma, zu denen auch die in Deutschland lebenden Sinti gehören, wie kein anderes Volk, außer dem der Juden, anhaltender Verfolgung, Benachteiligung und in Deutschland der planmäßigen Vernichtung ausgesetzt gewesen sind. Dieses Unrecht hält bis heute an. Selbst als Opfer der verbrecherischen Rassenpolitik während der Zeit des Nationalsozialismus werden die Roma und mit ihnen die Sinti nur zögerlich anerkannt; während der Völkermord an den Juden, wenn auch gegen Widerstände, sich unserem Bewußtsein eingeprägt hat, wird die Vernichtung von mehreren hunderttausend, was heißt, ungezählten "nichtlebenswerten Zigeunern" in den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Treblinka und an vielen anderen Orten des Schreckens allenfalls beiläufig erwähnt. Schlimmer noch: Als es vor einigen Jahren in Berlin darum ging, ein Denkmal für die Opfer des Rassenwahns zu errichten, sollte ausschließlich der ermordeten Juden gedacht werden. Verlegen und mit hinhaltenden Ausreden wurden die ermordeten Zigeuner sozusagen auf Warteliste gesetzt. Bei allem guten Willen, den ich den um das Denkmal bemühten Gremien und Initiativen nicht absprechen will, blieb es bisher bei dieser empörenden Ausgrenzung, als stünde das Volk der Roma und ihre Opfer noch immer unter dem Verdikt, einer minderwertigen Rasse anzugehören.

Ähnlich verhält es sich in vielen anderen Bereichen. So ängstlich abgrenzend die Innenpolitik unseres Landes allen Ausländern gegenüber Praxis ist, besondere Härte widerfährt dem Volk der Roma. Selbst als deutsche Staatsbürger erleben sich die hier seit Generationen ansässigen Sinti als mißachtet und isoliert. Mag sein, daß andere Ausländer - ob mittlerweile durch Bleiberecht geschützt oder noch immer von Abschiebung bedroht - besser organisiert sind, mehr Fürsprecher auf ihrer Seite wissen oder sich als Juden auf den Staat Israel berufen dürfen; das Volk der Roma jedoch existiert jenseits aller fürsorglichen Obhut, erfährt nur selten Fürsprache und weiß keinen Staat zu nennen, der ihm unüberhörbar Stimme geben könnte. Um ein Beispiel zu nennen: Verdienstvollerweise fördert der Berliner Senat eine Reihe ausländischer Vereine und deren Projekte. Die mir vorliegende Liste nennt das Deutsch-Türkische Gemeinschaftshaus e.V., das Kurdische Zentrum e.V., die Vereinigung der Polen in Berlin e.V., den Arabischen Frauenverein AL-DAR e.V., die Liga zur Verteidigung der Menschenrechte im Iran e.V., den Verein Koreanischer Krankenschwestern und -pfleger e.V. und viele andere Gruppen mehr. Die Zuwendungen an Fördermitteln schwanken zwischen 80 000 und 12 000 Mark. An keiner Stelle jedoch sind die in Berlin lebenden Roma ausgewiesen, etwa 16 000 an der Zahl. Von ihnen gestellte Projektanträge wurden Jahr für Jahr abgelehnt. Diese Mißachtung grenzt an Diskriminierung. Und es stellt sich die Frage, warum wir in unserer Gesellschaft, die sich doch vielerorts für Ausländer und von Abschiebung Bedrohte einsetzt - oft im Gegensatz zur offiziellen Politik - so wenig Bereitschaft finden, den ortsansässigen Sinti und den aus anderen Ländern vertriebenen Roma behilflich zu werden.

Gewiß, uns ist seit Zeiten der Romantik aus fast allen Kunstbereichen ein Mitgefühl für das sogenannte "Zigeunerleben" überliefert. Die schönsten Lenaugedichte, vielgesungene Brahmslieder gehören zu unserem Bildungsgut. In einer unverwüstlichen Operette ist der "Zigeunerbaron" unsterblich. Doch sobald die Angehörigen dieses Volkes, das immerhin seit über 600 Jahren in Europa, wenn schon nicht Heimat, dann doch vorübergehende Bleibe sucht, in unserer Nachbarschaft zur Ruhe kommen wollen, ist uns, dem liedseligen Volk, das "Zigeunerleben" nicht mehr "lustig". Dann soll "das fahrende Volk" sehen, wo es bleibt. Notfalls beruft man sich auf andere, gerade noch geduldete Ausländer, die ihrerseits unduldsam werden, sobald Zigeuner in Sicht sind.

Was ist dagegen zu tun? Ich habe kein schlüssiges Konzept zur Hand. Stellvertretend für eine Reihe von Bemühungen kann ich eine beispielhafte Initiative nennen, die auf die Notlage des Volkes der Roma konzentriert ist: Die "Gesellschaft für bedrohte Völker", die sich mit einem Projektbüro der Romani in Rumänien annimmt und zwar mit auf Arbeit bezogenen Projekten in der Landwirtschaft und im traditionellen Bereich der Metallbearbeitung. Unterstützt wird diese Initiative zur Selbsthilfe, die zur Zeit an vier Orten tätig ist, vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland, vom Europarat und von der Freudenberg-Stiftung. Die Schwierigkeiten vor Ort, das heißt in Rumänien, sind besonders und tagtäglich spürbar, weil ohne ausreichendes Eigenkapital nur schwerlich Märkte für die Produkte aus dem Gemüseanbau, der Ziegelei, der Korbflechterei, der Metallverarbeitung erschlossen werden können. Doch nur so, durch die Förderung von Eigeninitiative, wird zu helfen sein. Deshalb wird die heute bekanntgemachte Stiftung alle ein bis zwei Jahre einen Preis vergeben, der unter anderem die hier nur skizzierten Bemühungen würdigt. Auch sollen kulturelle Leistungen bedacht werden, desgleichen hervorragende journalistische und wissenschaftliche Berichte und Analysen, die die soziale und gesellschaftliche Lage des Volkes der Roma in Europa zum Thema haben.

Sie, die Romani, in ihrem permanenten Zustand der Zerstreuung, sind - genau gesehen - Europäer in jenem Sinn, den wir, gefangen in nationaler Enge, vor Augen haben sollten, wenn sich das vereinte Europa nicht zu einem bürokratisierten Verwaltungs- und übermächtigen Wirtschaftskoloß entwickeln soll. Zumindest dieses eine, ihre grenzüberschreitende Mobilität, haben uns die sogenannten Zigeuner voraus. Sie sollten sich zuallererst durch einen Europapaß ausweisen dürfen, der ihnen von Rumänien bis Portugal das Bleiberecht garantiert.

Doch von solcher Einsicht sind wir weit enfernt. Auch mich hat erst ein Lehrer mit der produktiven Unruhe der allerorts geschmähten Zigeuner bekanntmachen müssen. Der Zeichner und Meister des Holzschnitts Otto Pankok verstand es, mich und andere Schüler zu lehren, mit ihnen umzugehen und - fern aller romantischen Verklärung - die jeglicher Verfolgung trotzende Schönheit ihrer Existenz zu begreifen. Der Ort dieser für mich grundlegenden Lektion war die Kunstakademie Düsseldorf. Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre, gingen im Atelier Otto Pankoks und im Atelier seiner Schüler junge und alte Zigeuner ein und aus. Sie belebten unsere Zeichenblöcke. Wir versagten vor ihrer Anmut. Doch in Pankoks Holzschnitten und großformatigen Kohlezeichnungen begegneten sie uns; und selbst in dem von ihm geschaffenen christlichen Passionsweg begriffen wir die Passion der Zigeuner. Otto Pankok hat mit ihnen gelebt. Er war ihnen sozial verpflichtet. Mir wurde er als Lehrer beispielhaft. Und deshalb soll der von der Stiftung zugunsten des Romavolkes vergebene Preis "Otto-Pankok-Preis" heißen.

Dem Vorstand der Stiftung gehören, außer meiner Frau Ute und mir, Herr Rajko Djuric, der Präsident der Internationalen Romani Union und Generalsekretär des Romani P.E.N., Herr Matthäus Weiß, als Vorsitzender der deutschen Sinti und Roma, Landesverband Schleswig-Holstein, Frau Dr. Ada Kadelbach, die Leiterin des Amtes für Kultur der Hansestadt Lübeck und Herr Mehrens von der Sparkasse zu Lübeck als ständiger Berater an. Der Vorstand beruft die Jury für die Vergabe des Otto-Pankok-Preises. Sitz der Stiftung ist die Stadt Lübeck, deren gute Tradition im Fortleben ihrer Stiftungen zu finden ist.

Ich danke den Lesern meiner Bücher, die es mir möglich gemacht haben, meinen beruflichen Disziplinen und meinem gesellschaftlichen Engagement folgend, wiederholt zum Stifter zu werden.

Ich danke dem Bürgermeister und dem Stadtpräsidenten der Hansestadt Lübeck, daß die Stiflung zugunsten des Romavolkes im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses der Öffentlichkeit vorgestellt werden darf." +++



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