960270RK 05. Mai 1996

Thomas-Mann-Preis für Günter Grass - Laudatio von Dr. Adolf Muschg

"Ein Banquet Républicain für Günter Grass"

Der erste bedeutende Literaturpreis, der Günter Grass zugesprochen wurde, war bereits mit dem Namen einer Hansestadt verbunden: Bremen, 1959. Nur bekommen hat er ihn dann nicht, denn der Senat hat die Verleihung abgelehnt. In der "Blechtrommel" hatte der 32jährige für regierende Nasen, auch sozialdemokratische zu wüst aufgetischt: frischen Aal aus faulen Pferdeköpfen; Brausepulver aus der Nabelgrube einer werdenden Stiefmutter; ein "Bonbon" genanntes Parteiabzeichen, das sich nur mit Todesfolge schlucken ließ - nicht zu vergessen die Spezialität eines Zwiebelkellers am Rhein, wo man sich, zur Trauer nicht fähig, immerhin die Tränen dazu auspressen konnte. Die "Blechtrommel" war auch seit Tristram Shandy der erste Roman, der mit der Zeugung eines Helden anfing - Asylmißbrauch unter einem Frauenrock auf kaschubischem Kartoffelacker, der noch nicht wie ein Weites Feld aussah.

Oskar Mazerath hat seinen Weg in die Welt auch ohne Bremer Literaturpreis gemacht. So überlebensgroß ist der kleine Wachtumsverweigerer geworden, daß die ganze deutsche Literatur lange nicht aus seinem Schatten trat - und sein Autor bis heute nicht: Denn: wann immer ein neuer Grass erscheint, beschäftigt manche Kritiker nichts wie die Frage, ob er denn so gut wie der erste sei. Die Frage, das wissen sie schon vorher, ist getrost zu verneinen. Man kann ja - so Friedrich Schlegel - nicht besser sein als Shakespeare, nur weiter. Goethe mochte "Wahlverwandtschaften" schreiben oder "Wanderjahre" - den "Werther" hat er sich nicht mehr nachgemacht. Das rieben ihm, schon damals, am liebsten die Leute unter die Nase, für die schon der "Werther" das Ende der Zivilisation gewesen war.

In der Tat: ein Autor, der nicht jung stirbt wie Büchner, hat viel damit zu tun, einen Geniestreich zu überleben. Aber wenn seine Tadler des Spiels "Ätsch, du kannst es uns nicht recht machen" gar nie müde werden, muß ihm doch etwas gelungen sein. Damit haben sie ihm schon zugestanden, was sie ihm so inbrünstig absprechen: nachhaltige Geltung - um nicht gleich von einem Klassiker-Status zu reden. Schon die 68er-Kritik traktierte ihren Grass als Denkmal, gegen das sie verstohlen das Bein stützte, während sie es an ihm hob. Er begegnete ihnen im Zeichen seines sozialdemokratischen Wappentiers, der Schnecke, mit Empfindlichkeit und Geduld. Autoren, die kürzlich noch selbst als Pinscher tituliert wurden, lernen mit kleineren Tieren pfleglicher umgehen als mit großen. In seinem zweiten Roman konnte Grass nicht einmal eine Epoche auf den Hund kommen lassen, ohne dem Hund zugleich die Witterung des Feinsten zu gönnen, Heideggers Philosophie. Da Grass, als Kriegs- und Nachkriegskind, lernen mußte; Demokratie gibt es erst dann, wenn ihre Bürger nichts umkommen lassen, behandelte er Feinde fast wie Freunde, nämlich unbeugsam zivil.

Das hatte er schon mit der alten DDR so gehalten, in der er viele Jahre der berühmteste nicht verlegte Autor gewesen war. Und als es die DDR nicht mehr gab, betrachtete er als seine Bürgerpflicht, sie nachträglich - vielmehr: unnachträglich - anzuerkennen; nicht als Staat, sondern als Geschichte von Menschen, die in diesem Staat realer existiert hatten als er selbst. Dabei sahen sie, aus der Nähe betrachtet, nicht großartig aus - fast so wenig wie ihre getrennten Brüder und Schwestern im Westen, die längst aufgehört hatten, an der Trennung zu leiden und sich über sie erst zu wundern begannen, als es sie, auf dem Papier, nicht mehr gab. Wer, wie Grass, nicht auf Löschpapier zeichnet oder schreibt, dem verwischen sich Grenzen nicht so fix; für den ist es kein Witz, wenn der Wessi sagt: Wir sind ein Volk! Und der Ossi antwortet: Wir auch.

Eine Weile, nach der Wende, durfte das vereinigte Deutschland alles sein, nur kein weites Feld. Die Lesart, die Grass der Weisheit des alten Briest gab, machte sich der schlimmsten im Westen möglichen Unkorrektheit schuldig. Sie behandelte den geschichtetlich gebildeten Bürger Fonty und seinen perennierenden Spitzel so nicht als Personeneinheit, so doch als klassisches Paar wie Don Quixote und Sacho Pansa. Auflösbar war es vielleicht bei gegenseitigen Entwicklungschancen; unzertrennlich aber blieb es für das Messer moralischer Chirurgie. Nicht-Leser freilich, die das Buch als Einladung zu deutscher Gemütlichkeit, wo nicht gar zum ethischen Schwachsinn mißverstanden, hätten, als Grass Auschwitz zur immer noch gültigsten Wende deutscher Geschichte erklärte, eigentlich irrewerden müssen. Leider waren sie nur doppelt gekränkt. Die deutsche Einheit hatte ihn ja schon, den Dichter, nach dem sie rief; nur blieb er ihrer Anerkennung etwas schuldig. Nach dieser Schuld war nicht gefragt. Aber sie schwelt weiter, und es kommt sogar wieder vor, daß es brennt.

Unter diesen Umständen darf man mutig finden, wenn - 37 Jahre nach Bremen - die zweite, pardon: erste Hansestadt sich entschließt, Günter Grass einen Literaturpreis nicht nur zuzuerkennen, sondern auch zu verleihen.

Aus der fernen Schweiz betrachtet, riskiert Lübeck damit nicht mehr allzuviel - das soll kein Trost sein. Etwas mehr riskiert man schon mit einem Preis im Namen Thomas Manns. In seinem Ausspruch, Antikommunismus sei die Grundtorheit des Jahrhunderts; oder in seinem Anspruch, im Kalten Krieg Deutschland als ganzes zu repräsentieren - und das heißt: als nicht grundlos zerbrochenes, nicht zufällig geteiltes - liegt immer noch , oder heute wieder, Zündstoff versteckt. Ich weiß noch, wie die Kränze, welche die DDR-Regierung 1955 zur "Abdankung" nach Kilchberg tragen ließ, wegen Übergröße nicht durch die Tore der dörflichen Kirche kamen. Sie blieben draußen, wie wir Studenten, und fielen da, anders als wir, erst recht ins Auge. Viele Jahre danach durfte der falsche deutschte Staat seinen Erstkondolationsanspruch zwar nicht am Todestag selbst feiern, aber einen Tag eher. Überholen, ohne einzuholen - hier wurde Ulbrichts absurde Parole endlich einmal Ereignis, und dieses frühe Beweisstück deutsch-deutscher Kompromißkunst wäre eines Denkmals auf dem "Weiten Feld" würdig gewesen.

Aber man wird beide - Thomas Mann und Günter Grass - zuerst damit ehren, daß man ihre entschiedene Nichtverwandtschaft feststellt. "Wo ich bin, ist Deutschland" - ein so großer Satz wäre Grass wohl noch weniger in den Sinn gekommen als Brecht, geschweige denn auf Papier. Die "Betrachtungen eines Unpolitischen" und "Das Tagebuch einer Schnecke" sind Berichte von verschiedenesiedenen Sternen - auch wenn beide der Erde, sogar der deutschen Erde, heimzünden.

Und doch, ein Schriftstellerschicksal teilen sie beide, aber mit allen ihrer Zunft. Es ist das Schicksal, daß ihre wahrste Wahrheit nur in einer Währung zahlbar ist - und daß man sie, wenn man sie "ästhetisch" nennt, dem Mißverständnis ausliefert, dem groben oder dem leichtherzigen. Und doch: was von der Kunst "bleibt", hat nicht das geringste damit zu tun, ob sie gut gemeint, von hoher Gesinnung oder wenigstens politisch korrekt war. So wenig hat es damit zu tun, daß der bekannte Umkehrschluß Gottfried Benns fast näher bei der Wahrheit zu liegen scheint: Kunst sei das Gegenteil von gut gemeint. Doch nicht einmal, daß es - leider - in diesem Jahrhundert bedeutende Autoren gab, die bekennende Faschisten waren, wenn auch für einmal nicht auf deutsch -: nicht einmal dieses peinliche Faktum soll uns dazu verführen, die gegengleiche, die steile Dummheit für plausibler zu halten als die flache und natürlich ihrerseits gut gemeinte. Es gibt gute Bücher, und unvergleichliche, und es gibt sie vom selben Autor: und wenn wir jetzt doch eine frappierende Ähnlichkeit im literarischen Schicksal von Thomas Mann und Günter Grass einräumen, so ist es der Epoche machende, der kategorische Rang ihrer ersten Bücher.

Natürlich war es ein Hohn, wenn der Verfasser des "Zauberbergs" den Nobelpreis für die "Buddenbrooks" bekam. Aber es war - von Gerhart Hauptmanns maliziöser Nachhilfe ganz abgesehen - doch etwas Wahres dran. Es hatte mit jener epochalen Stellung zu tun, welche der "Werther" den "Wahlverwandtschaften", dem bedeutenderen Buch, voraus hat, oder Tony Buddenbrook dem mir teuren Joseph in Ägyten, oder eben ein gewisser Oskar Mazerath einem gewissen Theo Wuttke.

Es gibt "Lübeck", es gibt "Danzig" als ausgeschöpften Topos nur ein Mal im Lebenswerk eines Autors. Und was er sich daraus macht, hat überaus wenig mit dem Ort gleichen Namens zu tun - außer vielleicht, daß er ihm verloren ist; verloren wie die Kindheit. Dem Verschluß dieser Quelle entspringt die Energie der Verwandlung, die jede Erwartung übersteigt. Den Kurvereinen oder Kulturämtern - ich sage es mit Respekt vor beiden - ist die Mutation nicht zugedacht. Der Adressat sitzt an einem radikaleren Ort: mitten im Leser; dieses Zentrum findet sich geweckt, heimatlich aufgeschreckt durch den unverhofften Bogen, der ihm von einem bisher ganz fremden Punkt her zugeschlagen wird. Der Stützpunkt auf seiten des Autors ist keine Stadt an der Ostsee. Er ist auch nicht, wie bei Kleists bewußtlos glücklichen Marionetten, identisch mit einem statischen Schwerpunkt. Er muß exzentrische Eigenschaften haben, um anderswo ins Zentrum zu treffen; er macht heiß durch die heftige Befremdung, in die er das Vertraute zieht. Er erzeugt den Blick Oskar Mazeraths auf historisch genannte Veranstaltungen: der Blick von unten oder von hinten erzählt eine andere, neue Geschichte. Ob es sie gab oder nicht: sie ist wahr.

Diesen Zugriff haben Erstlinge eher geschenkt - scheinbar, denn natürlich steckt die Seelenarbeit einer ganzen Jugend dahinter, ein Riesenwerk ohne Schrift. Später ist Kunst nötig, und immer mehr Kunst, sich wieder an diesen Genie-Punkt zu versetzen. Diese Kunst lehrt zum Beispiel, daß einem Daten wie März 1914 über die blauen Augen eines verirrten Hamburger Jungingenieurs eher beizukommen ist als über den zu klugen Blick eines "Mannes ohne Eigenschaften". Sie lehrt, sich einen Leverkühn mit einem Zeitblom ein Stück vom Leibe zu halten und dabei auch die Schmutzkonkurrenz eines gewissen "Bruder Hitler" abzuschütteln, des folgenreichsten deutschen Tonsetzers.

Ganz gut kommt so etwas nie mehr heraus; nur besser kann es werden. Ich finde "Ein weites Feld" besser als "Katz und Maus", wenn auch natürlich nicht so gut. Die Kunst hat es, nach Goethe, mit "dem Schweren und Guten" zu tun - es muß Grass viel zu schaffen gegeben haben, einen Theo Wuttke zugleich auf dem Abstand der Kunst zu halten und in der richtigen Nähe zu seinen Lesern. Wie bringt man eine Figur dahin, daß sie ihr Geheimnis bewahrt, und damit zugleich ein Geheimnis des Autors hütet - auch vor ihm selbst? Damit tut sich ein Grass nicht leicht, der auch außerhalb seines Werks viel zu sagen hat und für Bürgerpflicht hält, es zu sagen. Die Plastik seiner Äußerungen, und ihre Verstärkung durch die Medien, bringt sie in Gefahr, als ein letztes Wort zu gelten. Nur seine Arbeit weiß, daß wahre Sätze am besten daran zu erkennen sind, daß ihr Gegenteil ebenso wahr wäre. Seine Figuren, wenn sie gelingen, wissen nichts besser, und erregen eben so wieder Anstoß; sie wissen ja nicht einmal, was Leitartikler und Fernsehkommentatoren schon definitiv festgestellt haben. Doch, der Autor, dem es gelänge, seine Figuren korrekt nachzuführen, der wäre nicht nur für die Kunst verloren; auch die politische Beweiskraft seiner Bücher fiele am nächsten Tag schon gegen Null. Ich habe "Ein weites Feld" zweimal gelesen: ausgelesen habe ich es damit nicht. Und wenn Grass eines hoffentlich nahen Jahres den fälligen Preis von der gegenüberliegenden Ostseeküste bekommt, dann hoffentlich nicht für ein einziges Buch, sondern für eine anhaltende Arbeit, die weder gut gemeint war noch im Gegenteil, sondern in der das Schwere und Gute Figur macht: und das heißt auch im schwärzesten Buch: glückliche Figur.

Den ersten Grass meines Lebens habe ich auf einer Schulreise ins Engadin kennengelernt. Er war Wirt auf dem Ofenpaß, einen Schnauzbart trug er auch schon, nur Günter hieß er noch nicht. Grass, hörte ich von ihm, sei ein typisches Bündergeschlecht. - Daß der Autor der "Blechtrommel" aus Danzig stammte, machte mich nicht gleich irre. Der Vater meiner Tanzstundenliebe, Rückwanderer aus Ostpreußen, war dort nämlich "Schweizer" gewesen, und nicht nur mit dem Paß, sondern von Beruf. - Als ich den bekannten Grass kennenlernte, bei Max und Marianne Frisch im Tessin, zeigte er sich des Schweizerdeutschen mächtig und wirkte auch politisch familiär auf mich. Vielleicht hatte ich es ja doch mit einem verkappten Berufsschweizer zu tun. Denn welcher normale Deutsche hätte gewußt, daß er sich in meinem Land als Ausländer politisch nicht zu äußern hat? Ernest Mandel, Kopf der Vierten trotzkistischen Internationale, hatte deswegen gerade Einreiseverbot gekriegt. Das war noch nicht lange her, als Günter Grass 1975 an einer sozialdemokratischen Wahlveranstaltung in Zürich teilnahm. Ich kandidierte damals für einen Sitz meines Kantons im Berner Ständerat. Er wisse schon, daß er hier nicht mitzureden habe, sagte er, aber fragen werde man ja noch dürfen. Und so lieferte er seine ebenso kritische wie kompetente Analyse der Eidgenossenschaft hartnäckig in Frageform ab - und hatte damit nicht nur die Lacher auf seiner Seite, sondern auch die politische Kultur.

Da war es natürlich längst heraus, daß Grass Deutscher war - bei Thomas Mann hätte ich schon als Kind nicht daran gezweifelt, wenn ich ihm allein, vielleicht mit Hund, im benachbarten Küsnachter Tobel begegnet wäre. Inzwischen bin ich heilfroh, daß ich ein Deutschland, wo ich lange gelebt habe - und sogar politisch mitreden durfte - daß ich dieses Deutschland in Grass immer noch wiedererkenne. Mein kleines Land treibt von Europa ab, das vergrößerte Deutschland verkörpert Europa schon fast wieder zu exklusiv. Wenn mir der Respekt davor sauer werden will, blicke ich nach ein paar deutschen Patrioten, denen ihr Grundgesetz über alles, sogar noch über Deutschland geht. Dann blicke ich auf Günter Grass, und so einsam steht er ja keineswegs da, wie sich das im Feuilletonteil manchmal liest. Dann weiß ich: die überraschende Spaltbarkeit deutscher Materien, die man für demokratisch fest verbunden hielt; ihre sogar in Lübeck wieder mögliche todbringende Strahlung: sie hat das Feld noch keinswegs für sich: dieses Feld ist immer noch weit. In Tschechien oder Ungarn bekleiden Schriftsteller höchste Staatsämter; eine Not, in der Deutschland nur noch Schriftsteller helfen können, wird man ihm so wenig wünschen wie ihnen.

Zu Willy Brandts Zeiten schienen entsprechende Gedankenspiele nicht ganz absurd, aber zum Glück waren sie müßig. Die Bundesrepublik hatte damals schon einen Präsidenten, der, auf seine Liebe zum Staat angesprochen, erwiderte, er liebe seine Frau. Auch mit Grass wäre nicht die Phantasie an die Macht gekommen, eher hätte sie die Macht Mores gelehrt. Aber Grass braucht kein Staatsamt, um ein Maß zu setzen, und zwar ein hierzulande nicht eben angestammtes. Ein Maß dafür, daß Phantasie Vernunft annehmen kann, und Vernunft Phantasie. Dafür, daß man das Mögliche so wenig ohne das Wirkliche denken kann wie das Wirkliche ohne das Mögliche. Daß Kunstverstand und Gemeinsinn zwei paar Schuh sind, aber daß man zum Gehen beide braucht, schon für die kleinsten Gänge. Daß man sich vom Gemeinsinn nicht weiter entfernen kann als in die Gemeinheit.

Ich danke der Freien und Hansestadt Lübeck dafür, daß sie mir Gelegenheit gibt, Günter Grass für dieses eurpäische, nein weltbürgerliche Maß zu danken.

In den Fünfzigerjahren, als Grass die "Blechtrommel" schrieb, plagte ich mich noch mit dem Feinsinn eines germanistischen Seminars. Da war etwa die Frage, wer denn der größte deutsche Dichter sei; und wir gaben uns Mühe, ihre Einfalt vielstimmig zu machen, durch Wechsel der Betonung. DER größte deutsche Dichter? Der hatte Goethe zu bleiben. Der GRÖSSTE deutsche Dichter? Dafür nahmen wir Schiller. Der größte DEUTSCHE Dichter? Kleist, klarer Fall. Der größte deutsche DICHTER? Dreimal dürfen Sie raten, müssen aber dreimal sagen: Hölderlin.

Wer wagt es, auf die deutsche Nachkriegslieratur einen ähnlichen Kanon zu singen? Superlative sind ein Männerspiel: also ziehen wir die Frauen da nicht hinein. Auch so werden sich schon für den größten deutschen DICHTER ein Dutzend Kandidaten finden - und für den größten DEUTSCHEN Dichter mindestens zwei. Der GRÖSSTE ...? der soll geschenkt bleiben. Aber was DEN größten et cetera betrifft, da führt kein Weg an Grass vorbei, nicht einmal für Zwerge, die einmal gern groß genug wären, ihr Stäbchen über ihm zu brechen. Ein Superlativ für diesen bestimmten Artikel, für das Unscheinbarste, was die deutsche Grammatik zu bieten hat: diesen Artikel müßte Grass tragen können, auch bei einer so förmlichen Gelegenheit.

Lübeck ehrt Günter Grass im Namen Thomas Manns; Lübeck ehrt, mit beiden Namen, sich selbst. Das muß uns förmlich genug sein für einen kleinen Superlativ. Zum Glück ist Lorbeer ein Blatt zu vielseitigem Gebrauch. Bei Grass tut er, wie ich beide kenne, lieber in der Küche Dienst als auf dem Kopf. Ein Fest für Günter Grass ist ein Banquet Républicain. Möge es noch einige Jahre dauern. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen guten Appetit.

Prof. Dr. Adolf Muschg, Hansestadt Lübeck, Scharbausaal der Stadtbibliothek, 5. Mai 1996 +++



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