960266RK 06. Mai 1996

Thomas-Mann-Preis für Günter Grass - Dankesrede von Günter Grass

"Die Fremde als andauernde Erfahrung"

Kürzlich hatte ich hier in Lübeck das Vergnügen, vor Schülerinnen und Schülern im Katharineum zu lesen. Später führte man mich zu einer Nische, in der mit Hilfe von Plaketten namhafter Gymnasiasten von einst gedacht wird: die ungleichen Brüder Mann haben dort ihren Platz; und auch zu einer Ehrung Erich Mü hat man sich endlich bequemt.

Dennoch soll zu Beginn meiner Dankrede die Behauptung stehen: einmal - und wie grundsätzlich - vertrieben, ist Thomas Mann, trotz aller so zögerlichen wie beharrlichen Bemühungen, in Deutschland fremd geblieben. Das trifft zwar gleichermaßen auf einen Großteil der sogenannten Emigrations-Literatur zu, doch in seinem Fall, der mehr unser Fall ist, kommt mir dieses Fremdeln besonders anrüchig vor. Man könnte meinen, es sei der hierzulande virulente Ironieverdacht bündig auf den Meister des distanzierten Erzählens gerichtet, es habe uns Jean Paul mit seinen ironisch verästelten Vieldeutigkeiten vergeblich beschenkt, es gelte die Ironie noch immer als "undeutsch", wiel dieser, selbst den Schmerz mit Heiterkeit aufwiegenden Erzählweise jene allen Tiefsinn auslotende Schwere fehle, also das vom germanistisch übergeorneten Eichamt geprüfte Bleigewicht.

Nicht, daß er vergessen ist. Man hörte in gerne "im Radio vorgelesen", das heißt, durch schauspielernde Könner vermittelt; doch der Vorbehalt bleibt. Bis in meinen Kollegenkreis hinein höre ich immer wieder - und nicht selten mit neidvoll-gehässigem Unterton Verdikte wie: "Bloße Kunstprosa . . .", "Alles Lebendige ist wegironisiert . . .", "Und überhaupt: dieser Großschriftsteller mit seinen Tagebuchwehwehchen und seinen bürgerlichen Allüren . . . ", "Dieser Möchtegern-Goethe!"

An ihm wetzen schmal ausgestattete Talente gern ihren Stichel. Kleingeister tun sich groß beim Abrechnen. Spießer von akademischem Rang bekritteln sein Familienleben. Und Fliegenbeinzähler klopfen sein Wek nach homoerotischen Nahtstellen ab. Neuerdings sind, außer berufsnotorischen Saubermännern, auch Biographen bemüht, der Mc Carthy-Ära Dauer zu verleihen, indem sie dem fürs Mittelmaß übergroßen Autor "ideologische Unzuverlässigkeit" ankreiden, ihm leichtfertige Nähe zum Kommunismus und kritiklose Hinnahme jenes Staates nachsagen, der sich einst Deutsche Demokratische Republik nannte und dessen Entstehen Thomas Mann in der Tat mit skeptischem Wohlwollen beobachtet hat; warum sollte er nicht, zumal ihn die gleichzeitig entstehende Bundesrepulbik Deutschland nicht gerade einladend begrüßt hat.

So gegensätzlich Alfred Döblin und Thomas Mann im hier unwegsamen dort kultivierten Gelände der deutschen Literatur zueinander standen: als beide Emigranten ihre Rückkehr versuchten, blieb ihnen der westliche Staat gleichermaßen verschiedeneslossen, nur Achtlosigkeit und Ablehnung waren zu haben; entsprechend verletzt waren beide für kleine und größere Freundlichkeiten empfänglich, die ihnen der Oststaat aus Taktik oder Respekt erwiesen hat. Sogar ein Zobelpelz aus kommunistischer Produktion wird dem Autor höchstrichterlich und bis heutzutage in Rechnung gestellt.

Nun, ich bin kein - wie Sie bemerkt haben werden - Thomas-Mann-Kritiker, auch kein nachweislicher Thomas-Mann-Kenner, wohl aber - von Zeit zu Zeit - ein immer wieder neu zu begeisternder, verführter und verzauberter Thomas-Mann-Leser. Hiermit ist ein breit belastetes Bücherregal angesprochen, aus dem auszuwählen geboten ist. So lieb mir die Erzählungen sind, so unwiderstehlich stark ist meine Neigung, mich auf ein episches Werk einzulassen und für diese, den Rahmen einer Rede womöglich sprengende Stoffwahl, Gründe zu nennen.

Als wir vor demnächst zehn Jahren eine Reise antraten, die uns für längere Zeit nach Kalkutta und Westbengalen bringen sollte, gehörte zu unserem Gepäck eine per Seefracht nachgeschickte Bücherkiste, ahnten wir doch, daß diese besondere Fremde nach europäischem Rückhalt verlangen werde. So brachte die Kiste meiner Frau unter anderem viel Fontane und mir, neben Lichtenberg, Schopenhauer und Canetti, in ganzen Umfang die zum Roman geweitete Legende "Joseph und seine Brüder". Weit über tausend Seiten in vier Büchern, die von der Fremde und vom Leben in der Fremde handeln, zudem vier Bücher, deren Niederschrift zwar in München begonnen, aber erst in den Jahren der Emigration, also in der Fremde, vollendet wurde; derweil verging ein Jahrzehnt.

Der Autor und sein Fluchtgepäck. Was ihm nicht zu nehmen war. Was er - hin und zurück - übers Wasser gerettet hat. Deshalb soll meine Dankrede diese und andere Entfernungen nachzeichnen. Ich habe sie unter dem Titel "Die Fremde als andauernde Erfahrung" gestellt, wohl wissend, daß damit auch die Gegenwart, zum Beispiel das latent gefährdete Fremdsein in Lübeck angesprochen werden muß; ein Thema, das nicht von uns ablassen will.

In Kalkutta las ich an wechselnden Orten: Unterm Ventilator, der schwüle Luft quirlte, auf Treppen, die zu maroden Palästen der Kolonialzeit führten, unter einem vielstämmigen und mit Luftwurzeln Grund suchenden Banjangbaum, von einer Dachterrasse über weitflächig geduckte Slumviertel blickend, auf einem armenischen Friedhof und spät noch unterm Moskitonetz. Nicht merkwürdig kam es mir vor, eher im Völker-, Kasten-, Religionsgemisch Kalkutta naheliegend, wenn mir das im Buch auflebende Ägypten zur Zeit des Pharaonen Echnaton und des anstelligen Fremdlings Joseph so wenig exotisch anmutete; offenbar war es dem Autor gelungen, so gewinnend "auf humoristische Weise mystisch zu sein", daß seine Josephsgeschichtete das Fremdsein an jedem Ort wenn nicht aufhob, dann doch als allgemein menschliche Lage deutete.

Er, der Emigrant an kalifornischer Küste, er, den die Heimatstadt und das Vaterland ausgespien hatten, er, der nur wenig mehr als seine, die deutsche Sprache hinüberzuretten wußte, war mit allen Erfahrungen des geduldeten, gepriesenen, aber auch mißtrauisch überwachten Ausländers ganz auf Seiten seines Helden, der von den Brüdern in die Grube gestoßen, der von reisenden Händlern gekauft und weiterverkauft wurde, der, sich langsam hochdienend, die Fremde bestehen mußte; denn selbst in Potiphars Haus blieb er, so sehr ihn der Hausmeister Montkaw begünstigte, und so klug er es verstand, sich allseits und über Mißgunst hinweg beliebt zu machen, der Fremde, mehr noch, er war gefährdet, oder wie geschrieben steht: "Das Schwert schwebte über ihm, und wir haben zu bewundern, daß es nicht auf ihn niederfiel. Es saß lose genug. Joseph war ein nach Ägypten verkaufter Ausländer, ein Asiatensohn, ein Amu-Knabe, ein Chabire oder Ebräer, und der Verachtung, der er als solcher in dieser dünkelhaftesten aller erschaffenen Länder grundsätzlich anheimgegeben war, muß man ins Auge sehen, bevor man dazu übergeht, ihre Abschwächung, ja Aufhebung durch entgegenstehende Einflüsse zu erläutern."

Die hier erwähnte Abschwächung der Verachtung war nicht nur Josephs Verdienst, sondern rührte mehr noch von jener altägyptischen Liberalität her, die den alltäglichen Fremdenhaß am Nilufer dämpfte: die dünkelhafte Großmacht, der ringsum alle Völker dienstbar und handelspflichtig waren, leistete sich nach Lust und Laune, das heißt in Grenzen Toleranz. Die unter den Pharaonen entwickelte Lebensweise galt als überlegen und beispielhaft. Sich zivilisiert zu geben, gehörte, wenn auch nicht unangefochten, zum guten Ton.

Und wie sich des Autors amerikanische Emigrantenerfahrung der fortschreitenden Niederschrift, dem Großunternehmen "Joseph und seine Brüder" mitgeteilt haben mag, so brachte mir, dem Leser am fremden Ort, voraneilende Lektüre die indische, in Grenzen vorherrschende Toleranz, aber auch den Schnittpunkt aller denkbaren Agression, die Stadt Kalkutta näänge, aber auch die so milde wie kalte Gleichgültigkeit der Brahmanen, den auf Messerschärfe gereizten Streit zwischen Hindus und Moslems und das in Westbengalen regierende, streng den allzeit gefährdeten Relegionsfrieden bewachende Linksbündnis, das von Kommunisten dominiert wird. Zur Toleranz gezwungen, leben sie nebeneinander und erinnern sich ungern einstiger und jüngster Gemetzel.

Welch aufregendes Leseabenteuer! Vielfenstrige Einblicke ins andauernde Zeitgeschehen. Lektüre, die dazu einlädt, vom Text abzuweichen und textflüchtige Nebenhandlungen einzufädeln. Denn sobald ich den Blick vom Satzspiegel löste, ging die Geschichte weiter, nistete sich die Legende in den Ruinen einst fürstlicher Paläste, in viktorianischen Stuck herrischer Kolonialzeit ein. Und schon vermischten sich die gestrengen Rituale des ägyptischen Oberpriesters Beknechons mit den hinduistischen Opferbräuchen im Tempel der schwarzen, der schrecklichen Göttin Kali. Schon suchte ich ihn inmitten der pavement-dweller, der Straßenschläfer, die selbst im Slum keinen Platz finden. Ich suchte nach einem Joseph, der dort in Lumpen und doch in ungebrochener Erwartung liegt: denn schon und plötzlich wird er von zwei Parteifunktionären zum Herrscher über Westbengalen, zum Uraltkommunisten Basu geführt, der überall in der Stadt nach einem Traumdeuter fahnden läßt, weil ihn marxistische Angstträume quälen, die der kundigen Deutung bedürfen. Sein Chefideologe, der sonst auf alles eine Antwort weiß, hat versagt. Eile ist geboten.

Und schon sah ich meinen bengalischen Joseph, der eigentlich kein Bengale, sondern ein Zugewanderter aus verkarsteter Bergregion war und zur Kaste der Kastenlosen, der Unberührbaren gehörte, zu Füßen des Uraltkommunisten. Und er deutete Basus Traum. Das konnte er immer schon: Träume deuten.

Im Jahr 1986, als der Name Gorbatschow und die schillernden Begriffe Glasnost und Perestroika bereits im Umlauf waren, sagte er, ohne Hokuspokus zu machen, eher freiweg den Zerfall der Sowjetunion und die plötzliche Vereinsamung des Kapitalismus voraus. Doch zugleich bot er in seinen präzisen Deutungen die kleinen Möglichkeiten und Tricks marxistischen Überlebens an, und Basu, der auch heutzutage und immer noch wie unangefochten Westbengalen regiert, folgte Josephs Traumdeutungen aufs Wort, damit, wie geschrieben steht, den mageren Jahren fette in Aussicht stünden.

So - und einzig durch abschweifende Lektüre - übertrug sich mir Josephs Gabe, praxisbezogene Prognosen in die Welt zu setzen. Kaum mehr kann ein Buch erreichen. Es schickt des Lesers Phantasie auf die Reise. Seine Offenheit über den Satzspiegel hinweg eröffnet Räume, die in des Buches Index nicht vermerkt sind. Es stiftet eine uferlose und in der Regel unveröffentliche Literatur. Mit Hilfe des Lesers eignet das Buch sich die Fremde an, indem es, wie in diesem Fall, des fremden Herrschers Träume kenntlich und nutzbar macht. Freilich muß ein Held wie Joseph abrufbar sein; dessen Fähigkeit, sich anzupassen, ist beispielhaft und erlaubt ihm Auftritt in dieser und jener Gestalt.

Indem wir den Bericht seiner Karriere lesen, sehen wir ihn von Stufe zu Stufe besser gewandet: der Fremde als Aufsteiger. Er, der sich seiner Verluste, was man allgemein Heimat, Familie, Stallgeruch, Nestwärme nennt, schmerzlich gewiß ist, hat, dank seiner neugierigen und am Neuen haltsuchenden Augen, den besseren Überblick. Er, in unserem Fall Joseph, ist an fremdem Ort nicht vom altfränkisch Hergebrachten beschwert, kein Besitzdünkel hängt ihm als Klotz am Bein, und seinen Sinn für Komik kommt das Ägypterland "drollig" vor. Lächelnd, weil aus Distanz, schaut er dem kindisch anmutenden Treiben am oberen und unteren Nil zu. Selbst unfrei fühlt er sich frei und weiß deshalb, gut zu raten. Ihm, dem Aufsteiger, kommen die klügeren, wenngleich oft zu kühnen Ideen. Er faßt Gedanken, die der Zeit und ihren Nöten zwar angemessen, aber dennoch, weil sich die jeweilige Gegenwart unheilbar nachhinkt, um Meilenschritte voraus sind. Er, der fremde Aufsteiger, entpuppt sich als Nothelfer in katastrophaler Lage.

Dieser Einsicht folgend, habe ich einige Jahre später meinen bengalischen Joseph, der als Traumdeuter bereits einige Verdienst zu verbuchen hatte, in eine Erzählung unter dem Titel "Unkenrufe" verpflanzt, selbstverständlich samt Ortswechsel. In Danzig-Gdansk, meinem literarischen Fixpunkt, der spekulativ genug ist, um jegliches Weltgeschehen zu bündeln, ist er dabei, alle innerstädtischen Verkehrsprobleme auf so leise wie revolutionäre Art zu lösen. Ihm gelingt es, die asiatische Fahrradrikscha zuerst in Gdansk, dann europa-, schließlich weltweit zu beheimaten und den chaosproduzierenden Autoverkehr auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Indem er, Werkhalle nach Werkhalle, die Rikschaproduktion ausbaut und - wie nebenbei - die berühmt-berüchtigte Leninwerft saniert, deckt er den wachsenden Bedarf an diesem so umweltfreundlichen Verkehrsmittel. Er, der allzeit fremde Aussteiger, ist zwar den ortsansässigen Polen und den aus Gründen der Pietät, sowie aus Geschäftsgründen anreisenden Deutschen nicht recht geheuer, aber die Simplizität seiner, die Stadt von Lärm und Gestank befreienden Findung, überzeugt und wird schließlich beklatscht. Fremd bleibt er trotzdem. Mißtrauen umgibt ihn wie lästig stehenden Geruch. Man fürchtet sich vor ihm, auch wenn man nicht weiß, warum.

Mein Joseph, der die Farradrikscha zum zweiten Mal - und diesmal zum Wohl Europas - erfindet, heißt Chatterjee und Subhas Chandra mit Vornamen. Niemand hat ihn in die Fremde verkauft. Sozusagen aus freien Stücken, oder weil es bei ihm zu Hause zu eng wurde, wanderte er aus. Er sieht sich als Vorbote. Viele, nicht nur seine Vettern, werden ihm folgen: der Überschuß aller am Rande lebenden Völker. Doch da er nicht mit leeren Händen, sondern reich an rettenden Ideen angereist kommt, hofft er, willkommen zu sein. Aber die Einheimischen, oder jene Einheimischen, die ihrer selbst unsicher sind und deshalb alles Fremde hassen, wollen ihn nicht annehmen. Und schon ihr zweites Wort heißt: abschieben.

Wie es Joseph im Verlauf der vier Bücher ergeht. Kaum ist er ein wenig aufgestiegen, gerät er in landesinterne Zwistigkeiten religiöser Art: hier sehen wir - "ausländisch angehaucht, beweglich und weltfreundlich allgemein von Neigung"-, die höfische Fraktion des Sonnengottes Amun-Ré, die sich lässig in Toleranz gefällt, dort steht die priesterliche Fraktion es Amun-Ré zu Karnak, eine Variante des Sonnengottes, von dem gesagt wird: "Er war starr und streng, ein verbietender Feind jeder ins Allgemeine ausschauender Spekulation, unhold dem Ausland und unbeweglich beim nicht zu erörternden Völkerbrauch, beim heiligen Angestammten verharrend. . . " Entsprechend scheel blicken die Anhänge des Amun zu Karnak auf Joseph, den "ausländischen Leib- und Lesediener" des Höflings Potiphar. Besonders scheel blickt den Hofzwerg und "Vorsteher der Schmuckkästchen" Dúdu, so sehr Joseph bemüht bleibt, ihm und seiner Familie zu schmeicheln: "Aber es half nichts, dieser bewies ihm, von unten herauf, Abgunst, wie er nur konnte, und besonders durch die würdig-altsittenstrenge Betonung von Josephs Unreinheit als chabirischen Fremdling gelang íhm dies. Denn bei Tisch, wenn die höheren Diener des Hauses und unter ihnen Joseph, mit dem Meier Montkaw das Brot aßen, hielt er, indem er seine Oberlippe über der eingezogenen unteren ein würdiges Dach bilden ließ, unerbittlich darauf, daß den Ägyptern besonders aufgetragen werde und dem Ebräer besonders, ja, wenn der Verwalter und die anderen es nach dem Sonnensinne Amun-Ré's nicht so genau damit nehmen wollten, so rückte er amunfromm-kundgebungsstreng weitab von dem Greuel, spie auch wohl nach den vier Himmelsrichtungen und führte im Kreis um sich herum allerlei exorzierende und die Besudlung absühnende Zaubereien aus, welchen die Beflissenheit, den Joseph zu kränken, überdeutlich anzumerken war."

Man möchte ausrufen, nichts Neues unter der Sonne!, denn dieser Ekel vor dem Fremden ist so genau zielend gesehen, daß er peinlich noch auf unsere Gegenwart zutrifft. So verschiedeneswenderisch reich Thomas Mann seinen Helden ausgestattet und ihm geschickte Anpassung erlaubt - "Joseph wurde zusehens zum Ägypter nach Physiognomie und Gebärde, und das ging rasch, leicht und unmerklich bei ihm, denn er war weltkundlich-schmiegsam von Geist und Stoff . . . " - , er blieb dennoch der Ausländer, zudem der Ebräer; aber das fiel in altägyptischer Zeit nicht besonders ins Gewicht, Ausländer reichte. So kommt denn auch im Verlauf eines längeren Gesprächs, das in seiner Verzweigtheit hier nicht nachzuzeichnen ist, diese prinzipielle Abneigung zu Wort.

Es geht um ein häusliches Fest mit geladenen Gästen und dann um eine reisende Gruppe von babylonischen Tänzerinnen. Potiphar wünscht deren Auftritt beim geplanten Festgelage, denn Potiphar ist an allem Fremden interessiert, besonders, wenn es mit Schönheit einhergeht. Mud, seine Frau, hingegen will wissen, ob Amuns erster Priester, Beknechons, zum Fest geladen sei. "Unzweifelhaft und unumgänglich . . . " heißt die Antwort. Der Dialog spitzt sich zu: "Er wird nicht dulden, daß man den Verborgenen kränke vor seinen Augen."

"Durch einen Tanz von Tänzerinnen?"

"Von ausländischen Tänzerinnen, - da doch Ägypten reich ist an Anmut und selbst die Fremdländer damit beschickt."

"Desto eher kann es sich seinerseits den Reiz gönnen des Neuen und Seltenen."

"Das ist nicht die Meinung des ernsten Beknechons. Sein Widerwille gegen das Ausland ist unverbrüchlich."

Hier nun nicht weiter, denn wir wissen ja, daß Potiphars Frau am Ausländischen in Gestalt von Joseph mehr, immer mehr und schließlich heillos mehr Gefallen gefunden hat; das Fremde ist nicht ohne erotischen Reiz. Zwar blieb Josephs sprichtwörtliche Keuschheit einigermaßen unangetastet, doch in die Grube mußte er dennoch, und sei es, um abermals, nach Art der überlebenstüchtigen Fremden, aus dem Loch zu finden, sich freizustrampeln und endlich ruhmreich in höchste Stellung zu gelangen. Seiner speziellen Tüchtigkeit als Traumdeuter verdankte sich dieser abermalige Aufstieg. Außerdem war er ein Mann der Vorsorge, das heißt, er verstand es, der dem Traum abgelesenen und vorausgesagten Notlage den Stachel zu nehmen. Solche Triumphe sind mit Vorzug jenen vergönnt, die von weither und von unten komen, mögen sie vom Ebräerland stammen oder Kalkutta und dessen Slums hinter sich gelassen haben.

Doch mit dieser nüchternen Einsicht ist nichts bewegt und keines der Bücher ausgelesen. Mir fehlte es nur an Gelegenheit, wiederum einzusteigen in die Legende: "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit . . ." Doch da manchmal Krankenhausaufenthalte das Schmökern episch ins Kraut schießender Texte begünstigen, bot sich im so lang anhaltenden Winter dieses Jahres die Gunst, im Klinikum Lübeck mein bengalisches Leseabenteuer zu wiederholen. Nach annähernd zehnjähriger Frist nahm mich abermals die biblische Legende gefangen und wiederum in jener Deutung, die alle Register der Ironie zieht: "Joseph und seine Brüder" lagen auf meiner Bettdecke.

Diesmal lasen sich die vier Bücher fremder, denn ringsum heimelt nicht Kalkutta an, vielmehr versuchten die Fertigbauteile des sanitären Gebäudes, den lesetrunkenen Patienten auszunüchtern. Arzvisiten, Schonkost, die Nachtschwester, Mineralwasser. Draußen fiel Neuschnee.

Nein, so fremd und entrückt las sich die Josephs-Legende nun doch nicht. Lübeck und Mölln lagen nahe, mein vom Fremdenhaß und dessen Exzessen gezeichnetes Land. Die demagogischen Reden korrekt gescheitelter Politiker sind als böse Saat aufgegangen: kümmerlich wenig ist vom Recht auf Asyl, diesem hochherzigen Gebot geblieben. Anstelle herrschen Abschiebehaft und Abschiebepraxis. Joseph, käme er aus Nigeria oder Pakistan zu uns, fände sich in eine Lage gebracht, in der seine besondere Begabung, die Traumdeuterei, kaum von Nutzen wäre; weder der Kanzler noch sein Innenminister scheinen von Träumen beschwert zu sein.

Und doch findet immer noch des dekadent-verspielten Echnatons Gegenstimme ihr Echo. Aus Rest mutwillig beschädigter Liberalität lassen sich Fragmente jener Toleranz klauben, die Thomas Mann im Sinn gehabt hat, als er, der aus Lübeck, München, aus Deutschland vertriebene, nunmehr in Amerika geduldete Fremdling seine "Fleischwerdung des Mythos" im Februar 1943 zum Abschluß brachte.

Nachdem meine literarische Arbeit gepriesen und freundlich gelobt worden ist, habe ich zu antworten versucht. Meine Dankrede hat zwischen den vielen Schichtungen der Joseph-Bücher nur die eine betonen kökel zu nehmen und das Gesamtwerk in seiner primären Gestalt neu zu entdecken, sei es auf Reisen und aus Distanz, sei es im heimischen Krankenhausbett. Lassen Sie sich von Thomas Mann entführen, verführen, verzaubern.

Günter Grass, Hansestadt Lübeck, Scharbausaal der Stadtbibliothek, 5. Mai 1996 +++



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