960263RK 06. Mai 1996

Thomas-Mann-Preis für Günter Grass - Rede von Bürgermeister Michael Bouteiller

Meine Damen und Herren,

ich begrüße - zugleich im Namen von Herrn Stadtpräsident Oertling und Herrn Senator Meyenborg - aber auch in Ihrer aller Namen - den achten Thomas-Mann- Preisträger Günter Grass und seine Frau, seine Familie und seine Freunde.

Es schmerzt uns alle, daß Hans Wysling, der vor drei Jahren an dieser Stelle den siebten Thomas-Mann-Preis entgegengenommen hat, heute nicht mehr bei uns sein kann. Wie sehr freut es uns deshalb, daß Sie, verehrte Frau Wysling, mit ihrer Tochter nach Lübeck gekommen sind, um mit uns und stellvertretend für den unmittelbaren Vorgänger den achten Preisträger zu ehren.

Ihnen allen, meine Damen und Herren, danke ich für Ihr Kommen und deute Ihre Anwesenheit als Zustimmung zur Entscheidung des Preisgerichts, nach Peter de Mendelssohn, Uwe Johnson, Joachim Fest, Siegfried Lenz, Marcel Reich-Ranicki, Günter de Bruyn und Hans Wysling nun heute Günter Grass mit dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck auszuzeichnen.

Wir sind froh, mit der Preisvergabe zwei deutsche Erzähler unseres Jahrhunderts in Lübeck miteinander zu verknüpfen. Meine kurze Rede gilt weniger dem Versuch, eine literarische Annäherung des Danzigers an den Lübecker zu versuchen. Das ist ein weites Feld und ich überlasse dies Adolf Muschg, auf dessen Laudatio ich mit Ihnen allen gespannt bin und den ich von ganzem Herzen hier in Lübeck begrüße.

Ich rede davon, was es wohl für die Kultur der Bundesrepublik Deutschland bedeutet, wenn Worte in der literarischen Zunft neuerdings unversehens gewalttätig werden, distanzlos und persönlich, verletzend und trennend, wie das in der Reaktion des fünften Preisträgers des Thomas-Mann-Preises, auf den heutigen Preisträger geschah.

Hier gibt es zweifellos Parallelen zu den Attacken auf Thomas Mann. Auch Thomas Mann war seinerzeit scharfen Angriffen ausgesetzt, weil er sich - in anderer Weise als Günter Grass - aber nicht weniger entschieden - einmischte. Er hatte präzise Vorstellungen von seiner Bürgergesellschaft in weltbürgerlicher Absicht, die er - als diese existenziell bedroht wurde - zunehmend deutlicher verteidigte. Seine Aufrufe mit politischer Zielrichtung sind zahlreich. Sie ergreifen in der Mehrzahl Partei für den Schwächeren und stehen dem zu Unrecht Bedrängten bei.

Das beginnt 1910 mit dem Protest gegen die Boykottierung des in Lübeck aufgewachsenen und 1934 von den Nazis erhängten Erich Mühsam, reicht über zahlreiche politische Kundgebungen während der Weimarer Zeit und im Faschismus und endet in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg mit seinem Eintreten gegen den McCarthyismus.

Am 21. Februar 1933 verhinderten die Nazis eine Kundgebung des sozialistischen Kulturbundes im Berliner Volksbühnentheater. Thomas Mann entrichtete dazu eine bemerkenswerte Botschaft: "Ich will das Bekenntnis erneuern, das ich schon vor zwei Jahren in einem schwierigen und kritischen Augenblick öffentlich und seitdem noch das eine und andere Mal abgelegt habe: das Bekenntnis zur sozialen Republik und zu der Überzeugung, daß der geistige Mensch bürgerlicher Herkunft heute auf die Seite des Arbeiters und der sozialen Demokratie gehört."

In seinem Aufsatz von 1931 "Die Wiedergeburt der Anständigkeit", setzt er sich gegen Angriffe zur Wehr, welchen er ausgesetzt war, weil er ein Friedens- und Verständigungs-Manifest zusammen mit französischen Intellektuellen unterzeichnet hatte. In dem Aufsatz heißt es:

"In unserem irrational beschwatzten Deutschland glaubt man, ein Dichter vergebe sich etwas, wenn er sein Wort in den Dienst so aufklärerischer Ziele stellt. Vor allem glaubt man sofort, er wisse von überhaupt keinem anderen, kenne und verkörpere nichts als Intellekt und Bewußtheit; denn man verwechselt den Augenblick mit dem Leben, eine sittliche Handlung mit der Persönlichkeit, aus der sie kommt; man isoliert diese Handlung, vergißt über dem einzelnen das Ganze (wenn man je einen Begriff davon gehabt hat) und hält sich versichert, wo ein Wille zur Vernunft und Ordnung sich äußere, da könne kein Dichtertum sein, könne nie eins gewesen sein, und man brauche nur mit dem Tiefenstrom der Kräfte seelischen Dünkels anzurücken, um - welche Gelegenheit! - seinen ganzen vitalen Vorrang über den klapperdürren Seichtling zu erweisen".

Der Grund dieser schärfer werdenden Angriffe auf den Schriftsteller war das Erstarken der nationalen Ideologie. Wer sich deren Inhalten verschiedenesloß, galt als vaterlandsloser Geselle. War er Schriftsteller, so denunzierte man ihn als einen Literaten, der mit "westlichen", blutleeren, rationalistischen Ideen paktiere. Diese Art von Autoren war schlicht nicht national gesonnen, sie war undeutsch.

So steht es nach 1989 offenbar auch mit Günter Grass. Einer unserer Thomas-Mann-Preisträger und nicht irgendwer, findet in seinem vor allem sich selbst bespiegelnden offenen Brief an Günter Grass zur Sprache persönlicher Verletzung, der Ausgrenzung, der Vernichtung durch Häme. Er bescheinigt ihm abschließend, auf fünf von 781 Seiten etwas wunderbar geschildert zu haben und krönt die Zeilen mit: "Es grüßt Sie mit alter Herzlichkeit Ihr Marcel Reich-Ranicki." Das ist infam, feindlich und schmerzt.

Warum löst unser Preistäger heute solche Feindschaft aus mit seinem unbeirrbaren Versuch, die Bedingungen für eine Bürgergesellschaft nach Auschwitz zu formulieren? Weshalb ist der mit diesem Entwurf verbundene Dritte Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus bis zum Haß gesteigerten Angriffen ausgesetzt?

Der Advokat des Faschismus, Carl Schmitt, prägte 1927 einen bestimmten Begriff des Politischen. Politik war für ihn dort, und nur dort lokalisiert, wo die Gegensätze zum Äußersten getrieben werden konnten, in das unversöhnliche Freund-Feind-Verhältnis hinein. Ich halte nichts von der normativen Wirkung dieser den demokratischen Rechtsstaat bewußt zerstörenden Formel.

Nur taugt sie selbstverständlich im Umkehrschluß dazu, reale Konflikte in demokratischer Absicht offenzulegen. Wo Unversöhnlichkeit und Haß wie zwischen Grass und dem besagten Kritiker - die literarische Auseinandersetzung kennzeichnen, wechselt das Feld: es geht nicht mehr um Literatur, sondern um Politik, und zwar in zerstörerischer Absicht. Hier handelt nicht der bedeutende Literaturkritiker sondern ein Handlanger politischer Interessen.

Welcher Interessen? Es ist das Interesse an der Marginalisierung der Bürgergesellschaft selbst und der ihr eigenen politischen Öffentlichkeit im Rahmen des demokratischen Rechtsstaates. Mit ihr verlöre - das sei hinzugefügt - auch der Erzähler der Bürgergesellschaft des 19. Jahrhunderts vor Auschwitz sein Wirkungsfeld, Thomas Mann.

Ich will diese Meinung in sechs Thesen in der gebotenen Kürze belegen. Dabei zeige ich nicht die Techniken auf, die zu dem Verlust führen, sondern den Grad der Vernichtung des Projekts "Bürgergesellschaft" und damit den Stand der Vernichtung des "Bürgerlichen Subjekts" und mit ihm der Substanz unserer Nachkriegsverfassung.

Kern des bürgerlichen Subjekts ist folgende universale humanistische Substanz der Menschenwürde, wie sie unser Grundgesetz ausführt voranstellt: Behandle jeden anderen Menschen so, wie du selbst behandelt werden willst.

1. Spätestens seit dem Brandanschlag auf unsere Synagoge am 25. März 1994 und seit dem Brand in der Hafenstraße am 18. Januar 1996, in dem zehn Flüchtlinge starben, sollte jeder wissen, was Rassismus als Ausgrenzung von Bürgern einer Stadt bedeutet und daß, was die Flüchtlinge angeht, von Gesetzes wegen Rassismus praktiziert wird.

2. Wir wissen: International leben etwa vier Milliarden Menschen in Armut. In Deutschland und in Lübeck steht wachsender Reichtum von rund 30 Prozent der Einwohner gegen wachsende Armut von rund 70 Prozent.

3. Wir wissen: Weltweit sind rund 820 Millionen, Europaweit 20 Millionen, in der Bundesrepublik rund sechs Millionen, in Lübeck seit 20 Jahren zwischen 11 000 und 14 000, das heißt neun bis elf Prozent arbeitslos.

4. Wir wissen: An die Stelle der Herrschaft des Volkes tritt zunehmend die Herrschaft der Wenigen: rund 20 Prozent der Bevölkerung bestimmen bei 60 Prozent durchschnittlicher Wahlbeteiligung über die Regierung in Kommune und Staat.

5. Wir sehen: An die Stelle des Prinzips der Subsidiariät und damit des Prinzip der kommunalen Selbstverantwortung tritt zunehmend die Zentralisierung der Macht in den staatlichen und internationalen Bürokratien.

6. Wir nehmen es hin, daß die Herrschaft der Finanzaristokratie mit täglich rund 1000 Milliarden Dollar weltweit verschiedenesobenem Kapital auf die städtischen sozialen und damit demokratischen Infrastrukturen durchschlägt. Sie unterliegt keiner nationalen oder internationalen Kontrolle. Die Bankengewinne boomen, die Arbeitslosigkeit auch.

Die städtische Bürgergesellschaft in Gänze ist bedroht. Wir müssen deshalb die Gegenkräfte stärken. Treffende Worte sind uns immer willkommen, denn sie können zu Taten werden. Das ist allerdings nur dann der Fall, wenn die Bürgerinnen und Bürger mutig werden. Dazu ist allerdings Zivilcourage angesagt. Und es ist heute auch an der Zeit, zivilen Ungehorsam zur Verteidigung der Bürgergesellschaft zu mobilisieren.

Günter Grass unverbrüchliches Festhalten an einem Entwurf jenseits von Kapitalismus und Kommunismus hat ihm in seiner Geburtsstadt Danzig die Ehrenbürgerwürde eingebracht als erstem Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Hansestädte sind Geburtsorte des Bürgertums gewesen. Dort hat sich vor 800 Jahren nicht nur das Bürgertum entwickelt. Der wichtigste Exportartikel der Hanseaten, das war die Stadt. Das Recht der Stadt. Nur in der lebendigen Stadt kann sich die Öffentlichkeit des demokratischen Rechtstaates entfalten, von unten her oder gar nicht.

Günter Grass beschreibt und bewacht wie keiner nach Thomas Mann die Entfaltung von Bürgerinnen und Bürgern in der Stadtgesellschaft und ihrer beider Gefährdung.

Für das mutige Eintreten für diesen heute so bedrohten Entwurf erhält er zu Recht den Thomas-Mann-Preis 1996.

Michael Bouteiller, Hansestadt Lübeck, Scharbausaal der Stadtbibliothek, 5. Mai 1996 +++



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