970347L 30. Juni 1997

Wertvolle Funde im Rathaus nach Hausschwammsanierung

Wertvolle kunsthistorische und baugeschichtetliche Funde im Lübecker Rathaus sind jetzt der Öffentlichkeit wieder zugänglich. Sie wurden entdeckt im Rahmen einer dreieinhalb Jahre dauernden Gebäudesanierung, die jetzt abgeschlossen wurde. Diese war notwendig geworden, nachdem man im Januar 1994 einen intensiven Hausschwammbefall im nördlichen Trakt des mittelalterlichen Gebäudes festgestellt hatte.

Nach Entfernung der Fußböden und Wandverkleidungen, hinten denen sich der "Echte Hausschwamm" (Serpula lacrimans) eingnistet hatte, traten unter neuzeitlichen Verkleidungen Ausstattungsreste vom 19. über das 18. Jahrhundert bis zurück zum Mittelalter zu Tage. Ehemals wenig beachtete Nebenräume offenbarten ihre große Vergangenheit. Im Obergeschoß wurden die Reste des Fliesenbodens des 1610 eingebauten "Hansischen Archivs" sowie Mauerreste des ehemaligen Hörkammerbaus und des Gewandhauses gefunden.

Alle Einbauten mußten im Zuge der Schwammsanierung entfernt werden. Dabei wurde im Erdgeschoß die historische Raumaufteilung in ihrer ursprünglichen Größe zurückgewonnen. Den interessantesten Fund birgt ein Mauerstumpf des ehemaligen Hörkammerbaus: eine von innen bemalte Nische, die ursprünglich ein Fenster war. Fenstergitter und die Kloben sind erhalten und im Erd- und Obergeschoß zu sehen. Von der ursprünglichen Ausstattung des 1888 eingerichteten Zimmers der Senatskommissare im Obergeschoß, das zwischenzeitlich zu Toiletten umgebaut war und in Zukunft als Garderobe dienen wird, hat sich die historistisch bemalte Decke erhalten.

Die Untere Hörkammer, die im 14. Jahrhundert als Ratsstube zusammen mit dem Ratssaal, dem heutigen Audienzsaal, errichtet wurde und mit diesem über einen schmalen Zwischenbau verbunden war, wurde ebenfalls von allen Um- und Einbauten befreit. Zutage trat der heute sichtbare Raum, der zwar seine ursprüngliche Größe wiedergewonnen hat, jedoch bis auf wenige Reste seine gesamte ursprüngliche Ausstattung verloren hat. Bemalte Fragmente an den Wänden beweisen, daß nicht nur in den beiden Nischen, sondern ringsum Malerei auf den Wänden war. Eine im 18. Jahrhundert mit Backsteinfragmenten zugesetzte, fast den gesamten Raum in rund einem Meter Höhe umziehende Nut weist auf die Existenz eines Holzpaneels oder eines Gestühls hin. Nagelspuren in den Deckenbalken zeigen, daß diese ursprünglich nicht nackt zu sehen waren, sondern eine schmückende Bekleidung besaßen. Von dieser hat sich hinter dem Stuck ein winziges Reststück erhalten.

Wie die bemalten Wände und die Decke genau aussahen, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Eine moderne Bekleidung hätte die historischen Spuren unsichtbar gemacht. Deshalb hat man sich entschlossen, Decke und Wände quasi im Rohbau-Zustand zu belassen. So sind auch die mächtigen Bohlen über den Deckenbalken weiterhin sichtbar.

Welche Bedeutung die Hörkammer ursprünglich besaß, läßt sich ein wenig anhand eines Gemäldes von 1625 erahnen. Dargestellt ist der Audienzsaal vor seinem Umbau 1755. Der Raum ist oberhalb eines Gestühls mit Bildern verziert und besitzt eine profilierte und die Fenster oben anschneidende Kassettendecke. Auf der linken Seite ist ein reich geschnitztes Portal von 1581 zu erkennen. Dieses Portal führt in die Hörkammer. Die lateinische Inschrift über dem Portal ermahnt die Ratsherren, die sich zu Beratungen und wahrscheinlich auch zur Wahl des Bürgermeisters in die Hörkammer zurückzogen: "Nichts ist ein schändlicherer Fehler als Habgier, besonders bei den Führern und denen, die das Gemeinwesen steuern. Denn das Gemeinwesen als Erwerbsquelle zu nutzen, ist nicht nur schimpflich, sondern auch frevelhaft und verrückt."

Im späteren 18. Jahrhundert hat man schließlich die Hörkammer dem Erscheinungsbild des neuen Audienzsaales angepaßt: alle Nischen vermauert, die Nut zugesetzt, die Deckenverkleidung abgenommen, um eine Stuckdecke anbringen und den Raum glatt verputzen zu können.

Die Kosten der Schwammsanierung, die von der Stadt aufgebracht werden müssen, belaufen sich auf rund eine Million Mark. Die aufwendige Restaurierung der Wandmalerei wurde gefördert durch den Rotary Club Lübeck Holstentor. +++



[Pfeil links]Zurück zu den Pressemitteilungen

   

© Copyright, 2003 Hansestadt Lübeck, Impressum  -  Publishing: LYNET Kommunikation

Lübeck Adler