Was diese Stadt und ihre Menschen geleistet haben, wie sie die wechselvolle Geschichte gemeistert haben, zeugt von einer beispiellosen Kraft, die wir alle bewundern. Die Geschichte Gdansks liest sich wie die Geschichte unseres Kontinents. Wie keine andere ist diese Stadt hin und hergeworfen zwischen Ost und West und Nord und Süd. Und wie keine andere war sie zugleich Ziel und Opfer unterschiedlichster Machtinteressen. Sie hat unter den Deutschen Ordensrittern gelitten, sie wurde wiederholt Preußen zugeschlagen, sie hatte es mit den Schweden zu tun, sie war mehrfach polnisch und dann immer wieder Stadtrepublik.
Gdansk hat besonders unter den Deutschen gelitten. Ich erinnere: Am 1. September 1939 wurde durch die Schüsse des Schlachtschiffes "Schleswig-Holstein" auf die Westernplatte der 2. Weltkrieg begonnen.
Heute Mittag hat aus Anlaß des Hansetages und des Milleniums der deutsche Bundespräsident im Hafen von Gdansk auf der Fregatte "Lübeck", dem Patenschiff meiner Stadt, einen Empfang gegeben. Ich kann es verstehen, wenn das Einlaufen eines Schiffes der deutschen Bundesmarine in Ihrem Hafen bei älteren Bürgern Ihrer Stadt noch immer gemischte Gefühle hervorruft.
Es ist aber ein Zeichen wiedergewonnener Normalität, daß es heute nicht den geringsten Zweifel daran geben kann, daß es sich selbstverständlich nur um einen Freundschaftsbesuch handelt. Der Bundespräsident kann heute wieder anknüpfen an eine fast 700jährige Geschichte, in der Polen und Deutsche hier friedlich zusammenlebten.
Zurück zur Geschichte der Stadt. Nach dem Krieg war sie lange abhängig von der Sowjetunion. Jetzt ist sie wieder polnische Stadt. Heute nach der Auflösung der Blöcke kann sie endlich das verwirklichen, was sie eigentlich immer sein wollte: Eben einfach Gdansk. Eine selbstbewußte, eine innerlich freie Stadt mit einem großen Streben nach Selbstbestimmung.
Das Streben nach Selbstbestimmung hat- wie alles in Gdansk - eine lange Tradition. 1494 zum Beispiel beschloß der Hansetag die Einführung sogenannter Drittel: Ein lübsches Drittel mit Lübeck an der Spitze, ein westfälisches mit Köln und ein sächsisches mit Braunschweig. Zu dem sächsischen Drittel gehörte auch Gdansk. Gegen diese Abhängigkeit von Braunschweig wehrte sich Gdansk mit allen Mitteln geschickter Diplomatie. Und hatte Erfolg. Nach einen halben Jahrhundert ersetzte man die Drittel durch Viertel oder auch Quartiere. Das sächsische Viertel wurde von Braunschweig geführt und das preußisch-livländische hatte Gdansk an der Spitze.
Gdansk wußte immer schon seine Stadtinteressen zu wahren. Das konnte nur im Verbund mit anderen Städten gelingen. Deshalb nahm es nicht nur seit 1377 an allen Hanstagen teil, sondern sogar noch am allerletzten 1669 in Lübeck. Auch danach hielt es noch Verbindung zu Bremen, Hamburg und Lübeck. Gdansk kämpfte immer wieder erneut für das Selbstbestimmungsrecht der Stadt. So trat es etwa auf den großen Friedenskongressen gegen Ende des 17. Jahrhunderts zusammen mit den drei genannten Hansestädten für die Neutralität und Freiheit der Hansestädte ein.
Der beispiellose Wiederaufbau der Gdansker Altstadt nach deren totaler Zerstörung ist ein einzigartiges Bekenntnis der Bürger zu ihrer neuen-alten Stadt. Das außerordentliche Selbstbewußtsein der Stadtbürger ist es denn auch, das hinführt zum 14. August 1980, dem Streik der Arbeiter auf der Leninwerft, der Gründung der Solidarnosc. Was die Bürger 1980 einforderten und wofür sie ihr Leben einsetzten ist nicht mehr und nicht weniger als das Recht des Bürgers in einem freien Europa. Die Bürger und Bürgerinnen Gdansks haben den Grundstein gelegt für die Neuordnung Europas. Dafür sagen wir Ihrer Stadt, Herr Bürgermeister, Herr Stadtpräsident, großen Dank.
Seitdem wissen wir noch deutlicher: Die Zukunft Europas ist die Zukunft der Europäischen Stadt. Das Thema Stadt war und ist das Thema der Hanse. Stadt und Stadtrecht und damit die besonderen Bürgerrechte und Bürgerpflichten sind die große Errungenschaft der Hanse.
Gdansk gehörte der Städtehanse von 1361 bis 1669, bis zu dem letzten Hansetag an. Über die Jahrhunderte kennzeichneten Weltoffenheit und internationale Beziehungen alle Städte, die diesem Bund angehörten. Die Hanse war ja - wie wir wissen - das erste und das am besten funktionierende europäische Städtenetzwerk. Der über 500 Jahre bestehende Bund der Hanse ist deshalb der Wegbereiter des heutigen Europas. Der in Zwolle 1980 gegründete Hansetag der Neuzeit ist also eine gute Investition in die Zukunft unseres Kontinents.
"Hanse investiert in Hanse" heißt das Thema des 17. Hansetages. Es könnte auch heißen: Europa investiert in Europa: Denn die Hansestädte stehen im Norden für ein neues Europa. Es geht also bei dem Gdansker Hansetag um die Sicherung der Rechte des Bürgers und deren Verpflichtung auf die Zukunft Europas. Die beste Vorbereitung auf diese Zukunft ist die Investition in die Stadt. Und die beste Investition der Stadt ist die Investition in ihre Bürgerinnen und Bürger.
Stadt- und Bürgerrechte werden immer wieder durch Mißbrauch der Staatsmacht bedroht. Und immer wieder kommt aus den Städten der Widerstand der Bürger und die Erneuerung des Staatswesens. An welchem Ort wäre die Geschichte des Staatsmißbrauchs und der Zivilcourage der Bürger besser nachzuvollziehen als gerade in Gdansk.
Wir wissen: Der Stadtorganismus lebt heute nicht mehr in erster Linie von dem Austausch der Warenbeziehungen mit dem Umland. Die Stadt und ihre Region erhalten ihre Bedeutung vielmehr aus der Rolle im Netzwerk der weltweiten Finanz-, Arbeits-, Dienstleistungs- und Warenmärkte.
Wir wissen: Die Kluft zwischen den Armen und Reichen in unseren Städten öffnet sich. Rund 20 Prozent der Bürger in den fortgeschrittenen Industrieländern sind bereits von staatlicher Unterstützung abhängig. Mehr als 18 Millionen Menschen sind allein in Europa arbeitslos. Demgegenüber stellen wir fest: 358 namentlich bekannte Dollarmilliardäre besitzen mehr als die Hälfte der Menschheit, das heißt mehr als das Jahreseinkommen von 2,5 Milliarden Menschen.
Wir wissen: Zwar liegt die Ursache der Armut unserer Städte im internationalen Marktgeschehen. Die Antwort suchen unsere Bürger aber lokal, in ihren Rathäusern. Dieser Widerspruch erzeugt ungeheure Spannungen.
Die Verdienenden verlangen den Abbau und die private Vermarktung der Daseinsvorsorge. Sie begehren geringere staatliche Abgaben. Die Arbeitslosen hingegen verlangen vom Staat Lebensunterhalt, Arbeitsplätze und Wohnung. In unseren Städten verbreitet sich bei immer mehr Bürgern Frust über die Unfähigkeit der Stadt- und Staatsregierungen, für die Bürger zu sorgen. Zu recht. Die Existenz des Bürgers ist nämlich bedroht.
Durch den technischen und biologisch-chemischen Fortschritt werden allein in der EU 30 Prozent der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, 50 Prozent der Industriearbeitsplätze und 30 Prozent der Dienstleistungsarbeitsplätze in den nächsten fünf bis zehn Jahren entfallen. Beklagenswert ist nicht der technische Fortschritt. Die Katastrophe besteht darin, daß die führenden Politiker nicht erkennen, in welch schreckliche Lage sie durch ihr Handeln oder besser Nichthandeln die Gesellschaft bringen. Wie sie ihre Ämter mißbrauchen, um immer neue Erklärungen dafür zu erfinden, den anderen die Schuld zuzuschreiben.
Wenn sich Eltern - wegen fehlender Perspektiven - nicht mehr für die Zukunft ihrer Kinder verbürgen können. Wenn sich das Gefühl ausbreitet, daß der Staat keinen Schutz gewährt, dann wenden sich Menschen instinktiv gegen das Fremde. Dann kommen Antisemitismus und Fremdenhaß auf. Dann wird Nationalismus 50 Jahre nach der Befreiung vom deutschen Faschismus wieder wählbar.
Für uns alle muß das Ergebnis einer im Juni 1997 veröffentlichten Untersuchung der Universität Stockholm unter 8000 Jugendlichen an 120 Schulen ein Menetekel sein: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen gab an, daß sie die Demokratie nicht für das beste Gesellschaftssystem hielten. 12 Prozent der Jugendlichen sind der Meinung, Juden hätten zu viel Einfluß in der Welt, elf Prozent äußern, es widerspräche den Naturgesetzen, wenn Menschen verschiedenesiedener Rassen miteinander Kinder bekämen und 34 Prozent gar sprechen sich dafür aus, außereuropäische Einwanderer sollten dorthin zurückkehren, wo sie herkommen.
Wir geben zu bedenken: Geschichtliches Wissen wird nicht vererbt. Es gibt auch keinen angeborenen Internationalismus. Europäische Bürgerrechte und Pflichten sind nur in einer einzigen Institution immer wieder neu zu sichern: In der Stadt.
Gemeint ist keine beliebige Stadt. Es ist die Stadt des Europäischen Weltbürgers. Es ist die Stadt der Freiheit. Es ist die Stadt der sozialen Verantwortung. Es ist eine Stadt für unsere Kinder. Es ist eine Stadt, in der Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus keinen Raum haben. Es ist die internationale Stadt. Es ist zum Beispiel die Hansestadt Gdansk.
Deshalb fordert der 17. Hansetag der Neuzeit die Bürger und die Bürgerinnen in den europäischen Staaten dazu auf: Investiert in die Europäische Stadt. Investiert in Gdansk.
Wir verbeugen uns noch einmal vor dieser Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern. Sie haben in der fernen und näheren Geschichte für ein vereintes Europa und die Europäische Stadt eingestanden. Wir alle empfinden große Dankbarkeit und herzliche Zuneigung.
lch eröffne den 17. Hansetag der Neuzeit und wünsche ihm großen Erfolg." +++
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