Die großen Umweltverbände Greenpeace, BUND und Robin Wood haben 1996 gemeinsam mit dem ökologischen Landbauverband Naturland eine Kampagne zur ökologischen Waldnutzung beschlossen. Gemeinsam wurden Richtlinien erarbeitet, nach denen der gemeinnützige Verband Naturland jetzt Forstbetriebe zertifiziert. Das Stadtforstamt Lübeck ist der erste Betrieb, der diese Zertifizierung erreicht hat. Ein Modellbetrieb: Was in Lübeck seit Jahren mit Erfolg praktiziert wird, war auch mit Grundlage für die Richtlinien der ökologischen Waldnutzung.
Lübecks 4500 Hektar große Wälder werden so genutzt, daß ihre Lebensbedingungen möglichst naturnah gestaltet bzw. belassen werden, damit die Prozesse - ähnlich wie in natürlichen, von Menschenhand unberührten Waldökosystemen - optimiert ablaufen können. Um beobachten zu können, wie die natürliche Entwicklung abläuft, bleiben mindestens zehn Prozent der Fläche sich selbst überlassen. Öffentliche Wälder müssen nach den Richtlinien derartige Referenzflächen ausweisen. Privatwälder profitieren von diesen Flächen. Dr. Lutz Fähser, Leiter des Stadtforstamtes Lübeck: "Wir haben acht Waldstücke als Referenzfläche ausgewiesen - Mindestgröße 20 Hektar. Das größte Stück hat 163 Hektar. Diese Flächen sind für uns ganz entscheidend. Hier kann der Wald seine über Jahrtausende genetisch optimierte Programmierung wiederfinden. Wir müssen lernen, was Natur im Sinne unseres Wirtschaftszieles von alleine macht und was sie nicht kann."
Bei der naturnahen Waldnutzung in Lübeck sind menschliche Eingriffe im Ökosystem Wald auf ein geringes Maß begrenzt. Auf Kahlschlag wird verzichtet. Nur einzelne hiebreife Bäume, höchstens kleine Baumgruppen, werden herausgeholt. Holz wird im Winter während der Saftruhe eingeschlagen. Bodenbearbeitung ist tabu, Energiesparen ist ein wichtiges Ziel, der Einsatz von biologischem Sägekettenöl selbstverständlich. Abgestorbene Bäume werden grundsätzlich nicht aus dem Wald entfernt. Totes Holz ist wertvoller Lebensraum für Tausende von Tier- und Pflanzenarten. Nachgepflanzt wird in der Regel nicht, der Wald verjüngt sich aus angeflogenen Samen.
Ein Gradmesser für den ökologischen Erfolg der bisher geleisteten Maßnahmen sind die neuen Bewohner im Lübecker Stadtwald: Zwei Uhupaare - zum Brüten auf Baumhöhlen angewiesen - haben sich ganz neu angesiedelt. Der Schwarzspecht, ein Altholz-Spezialist, hat sich deutlich vermehrt, und die Populationen verschiedenesiedener Fledermäuse sind beachtlich gewachsen.
Die ökologische Waldnutzung ist auch ökonomisch erfolgreich: Dank eingesparter Ausgaben und trotz eines um ein rundes Drittel geringeren Holzeinschlags verbessert sich die betriebswirtschaftliche Bilanz in Lübeck um 300.000 bis 500.000 Mark pro Jahr. Bezogen auf das Gesamtbudget wird eine Verbesserung der betriebswirtschaftlichen Situation um 10 bis 20 Prozent erwartet.
Was in Lübeck praktiziert wird, zieht jährlich rund 1000 Fachleute aus aller Welt an, die sich beim Forst-Team der Hansestadt informieren. Denn Lübeck hat ökologischen wie ökonomischen Erfolg: Trotz - oder vielmehr gerade wegen - der naturnahen Bewirtschaftung läßt sich die Bilanz im Öko-Wald sehen.
Nach der Zertifizierung in der Naturland Anerkennungskommission am 15. Januar 1997 kann Holz aus dem Lübecker Stadtwald nun mit dem Naturland Zeichen gekennzeichnet werden - der Nachweis für die ökologische Waldnutzung nach den Naturland Richtlinien zur ökologischen Waldnutzung. Holzprodukte - vom Zaun bis zum kompletten Blockhaus - werden in den beiden Lübecker Holzhöfen bereits angefertigt. Martin Reinold, Forstexperte des Naturland Verkunftsweisend - und wirtschaftlich sehr interessant." +++
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