960051R 26. Januar 1996

Tränen der Rührung, weibisches Geflenne

Interview mit Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller

VON JOCHEN SEELHOFF

Frage: Herr Bouteiller, wie viele Interviews haben Sie in den letzten Tagen gegeben?

Michael Bouteiller: Ich weiß es nicht, aber sicher über hundert. Doch es war wichtig, den Menschen in unserer Stadt und überall in Deutschland nicht nur grauenhafte Bilder aus Lübeck zu zeigen, sondern ihnen auch aus dieser Stadt Mut zu machen.

Dabei sind sie nicht immer verstanden worden.

Bouteiller: Ich bin falsch zitiert worden, und das hat sich dann festgesetzt und ein schiefes Bild gezeichnet. Ich habe trotz der Belastungen der letzten Tage viel gelernt: Ein Gerücht, das sich verselbständigt, ist kaum noch zu stoppen. Das hat mich zu allem übrigen sehr betroffen gemacht. Schlimm, wenn dann noch Absicht dahinter zu stehen scheint.

Haben Sie Beispiele dafür?

Bouteiller: Sehen Sie, wenn eine Zeitung in Leipzig oder Augsburg Falsches über mich berichtet, ist das zwar ärgerlich, aber ich kann damit leben. Wenn aber eine in Lübeck weit verbreitete Zeitung so handelt, dann kann ich ihr das nicht durchgehen lassen.

Herr Bouteiller, werden Sie doch mal ganz konkret, wenn es geht.

Bouteiller: Als viele Medien herausposaunten, ich hätte ungeprüft Rechtsextremisten zu Tätern erklärt, hat der stellvertretende Chefredakteur der Lübecker Nachrichten, Achim Hauenschild einen Kommentar geschrieben, der so nicht stehenbleiben darf. Er hat diesen Vorwurf ungeprüft übernommen. Er behauptet, Beweise zu haben, kann sie bislang aber nicht beibringen. Und er hat dann etwas geschrieben, das ich sonst nur aus Stammtischnebel und aus anonymen Briefen dieser Tage kenne: Die fast unverblümte Aufforderung, doch, bitteschön, Asylbewerber in mein eigenes Haus zu nehmen. Und er hat zum Schluß die Bürgerschaft gefragt, ob es nicht ihre ureigenste Aufgabe sei, diesen Bürgermeister in die Wüste zu schicken.

Überbewerten Sie das nicht? Ein Kommentar, eilig in der Aufregung dieser Tage geschrieben.,.

Bouteiller: ... in denen man von mir nur Statements erwartet, die so geschliffen sein sollen wie ein Goethe'sches Gedicht. Nein, nein, die Sache scheint System zu haben. Wenig später ein großer Bericht in der selben Zeitung: " ist, wird die Schlagzeile auch nicht vom Text gestützt. Da heißt es nur korrekt, Bouteiller wolle sich dafür einsetzen, daß Stadt und Land die Kosten der Beisetzung übernehmen. Es gibt keine verbindliche Zusage von mir, aber eine Unterstellung des Blattes. Ich frage Sie, was ist das für ein Journalismus? Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt. Ich erwarte ja gar nicht, daß alle Redakteure der Lübecker Nachrichten mich lieben. Hören wir auf, mit zweierlei Maß zu messen. Wenn Kohl bei Mitterands Trauerfeier weint, sind das Tränen der Rührung. Wenn ich vor einem Haus, in dem gerade Menschen verbrennen, weine, dann ist das "weibisches Geflenne". Ach, wissen Sie, der Helmut Kohl in Paris, der steht mir sehr nahe.

Gab es trotz allem einen schönen Augenblick in diesen Tagen?

Bouteiller: Doch! Als ich den Brief eines kleinen Mädchens von der Gesamtschule Essen Mitte bekam: "Ich will, wenn ich Gott wehr, denn Kindern ihre Eltern widergeben. Und weil ich nicht Gott bin will ich die Upfer wenigsten ein bischen trösten." +++



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