960050R 26. Januar 1996

Morddrohungen gegen Lübecks Bürgermeister

Nach der Brandkatastrophe von Lübeck schreiben Neo-Nazis: "Wir bringen Dich Schwein um!"

VON JOCHEN SEELHOFF

LÜBECK - Seit Tagen wird von allen Seiten auf Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller(SPD) eingeschlagen. "Nestbeschmutzer, Niggerfreund, Deutschenhasser", so steht es in vielen, oft anonymen Briefen. "Vorauseilende Selbstbezichtigung, Instinktlosigkeit, Unterwürfigkeit, Staatsgefährdung", so schreiben es viele Kommentatoren, formulieren es politische Gegner. Und in dem dicken Aktenordner Post, die der Bürgermeister seit der Brand-Tragödie in der Hafenstraße bekommen hat, finden sich immer wieder Morddrohungen.

Warum? Was ist geschehen? Michael Bouteiller soll noch in der Brandnacht und am Tag danach Deutsche Rechtsextremisten als Täter bezeichnet haben. Bouteiller hat zu Zivilem Ungehorsam, zum Verfassungsbruch zugunsten von Asylbewerbern, aufgerufen. So jedenfalls behaupten es seine Kritiker. Zu Unrecht, wie sich jetzt zeigt.

Der Bürgermeister ist erschöpft, die Augen liegen tief, er hat seit Tagen kaum geschlafen. Aber wenn die Rede auf diese beiden Vorwürfe kommt, regt sich Kampfesmut: "Ich möchte endlich einen ernst zu nehmenden Menschen finden, der es mir ins Gesicht sagt: Jawohl, Michael Bouteiller, genau so habe ich es von Ihnen gehört! Aber diesen Menschen gibt es nicht, kann es nicht geben, weil ich das nicht gesagt habe."

Dabei, so meint er bedauernd, sei es inzwischen ja fast schon so, daß es vielen wichtiger erscheine, in Zitaten zu forschen, Bürgerschaft und Landtag damit zu befassen, anstatt sich der eigentlichen Aufgabe zu widmen: Not der Betroffenen zu lindern, soweit man Trauer überhaupt lindern könne. Immerhin, es trifft ihn schon, "ständig falsch zitiert zu werden." Und auch dies: "Irgendeiner, vielleicht ein Radio- oder Fernsehreporter oder eine Agentur, hat den Unsinn in die Welt gesetzt, und dann ist er landauf, landab ungeprüft nachgedruckt worden. Auch in Lübeck, das finde ich ärgerlich und unnötig. Ein Anruf hätte genügt .... Es wird doch sonst dauernd telefoniert ..."

Bouteiller ist sich seines Wortes sicher. Und ein Brief bestätigt ihn, am 23. Januar von der Lübeckerin Gabriele Engelhardt geschrieben: "Der Bürgermeister wird für etwas verurteilt, was er in der Form nicht gesagt hat. Am Abend des Brandtages bei der Kundgebung am Brandhaus mußte er drei- oder viermal ansetzen, um den Satz zu formulieren < ... falls es sich um einen ausländerfeindlichen Anschlag handelt>, weil die meisten Anwesenden davon ausgingen und ihn ausbuhten!"

Weil dieser Satz von vielen nicht gehört worden ist oder werden will, muß Bouteiller nun bitterböse Kommentare in vielen Zeitungen lesen. Und muß Briefe empfangen, die ihn und seine Familie beschimpfen oder gar mit Mord bedrohen:

"Nimm Dich nur in Acht, daß wir Dich Drecksau nicht in einer Nacht der langen Messer abstechen ...Ausländerspeichellecker und Judenknecht ...Sieh Dich vor, sonst könnte Dich Lumpenhund womöglich ein süßes Briefbömbchen zerfetzen." Unterschrift: Der Orden unterm Totenkopf - SS 2. Auf dem Umschlag ein voller Absendername aus Stuttgart.

"Du Arschloch ... Schmeiß die Niggerschweine raus, oder Du bist bald ein mausetoter Bürgermeister." Anonym.

"Wenn Anschläge, dann nicht auf Ausländer, sondern auf solche Vögel wie SIE." Marion R., Wiesbaden.

"Sei vorsichtig, wir wissen, wo Du wohnst!" Anonym aus Lübeck.

"Sprechen Sie mit Herrn Kohl und Rexrodt, als nächster ist der Spinner Rexrodt mit einem kleinen Feuerchen dran. I.A. von Adolf." Anonym aus Braunschweig.

"Inzwischen ist Ihnen wohl bekannt geworden, daß Sie die größte Pflaume als Politiker der Stadt Lübeck sind." Anonym aus Solingen.

"Mit dem Ausdruck höchster Verachtung, dem sich meine elf Kegelbrüder anschließen." Gerhard W., Dortmund.

"...verleumderische und ehrabschneiderische Schweinebrigade von Lübeck ...". Wolfgang Sch. Berlin 3.

"Elendes rotes Dreckschwein, wieviel Kanaker willst Du in Dein Haus aufnehmen?" Abraham A. Freiburg.

So geht es weiter in Bouteillers Aktenordner, Blatt um Blatt. Muß ein Mann, der gewählter Bürgermeister dieser Stadt ist, sich das bieten lassen?

Bouteiller winkt ab. "Das ist der deutschnationalistische Bodensatz. Schlimmer finde ich Journalisten und Politiker, die mir zivilen Ungehorsam als Putsch gegen den Rechtsstaat vorwerfen, weil ich dies gesagt habe: In diesem Fall - in diesem einen Fall! - müssen wir uns über das Gesetz hinwegsetzen, das die Unterbringung der Asylbewerber nach Möglichkeit - man merke! - in Sammelunterkünften vorschreibt. Das dürfen wir den Menschen, die den Feuersturm wie durch ein Wunder überlebt haben, nicht noch einmal zumuten."

Blättert man in des Bürgermeisters Postmappe, findet man indes auch Tröstliches. Da bietet Melitta E. aus Wiesbaden für eine brandgeschädigte Mutter und ihre Kinder Urlaubsunterkunft zur Erholung an.

Da schreibt Rüdiger Sch. aus Cuxhaven: "Nicht oft kommt es vor, daß Politiker ... ihre ehrenvollen Gefühle zeigen."

Oder Beate M. aus Salzuflen: "So schrecklich der Brandanschlag ist, so glücklich und hoffnungsfroh macht mich ihre Reaktion."

Oder Julia K. aus Krefeld: "... haben Sie nicht nur unmittelbar spontan, sondern auch an nachfolgenden Tagen überlegt mutige Worte gefunden."

Und Inga L. aus Wellhelm: "Ich bin eine 19jährige Abiturientin. Sie haben vielen, auch, oder vor allem, aus meiner Generation aus der Seele gesprochen."

Daniel K. aus Barsinghausen: "Ihr Mut schaffen neuen Mut - und Vertrauen."

Kaum zu zählen sind die Solidaritätsbeweise anderer Bürgermeister deutscher Städte. Auch der britische Generalkonsul in Hamburg beglückwünscht Bouteiller zu seiner Haltung. Hat er die ganze Post schon gelesen? "Das wenigste. Aber es tut gut zu wissen, daß das so viele Unbekannte an mich schreiben und Sympathie zeigen."

Wie soll es nun weitergehen? "Unterkunft finden, Opfer einkleiden, die Toten begraben, versuchen, die Trauer der Überlebenden zu lindern, dagegen ankämpfen, daß sich Ausländerfeindlichkeit - so oder so - weiter ausbreitet. Millionen unserer älteren Mitbürger waren vor 50 Jahren selber Flüchtlinge. Und jeder von uns kann es eines Tages wieder werden. Unsere Welt ist nicht so friedlich, wie sie scheint. Sie vergißt nur so schnell."

Hat er Angst vor den Morddrohungen? Für seine Familie, für sich? Bouteiller: "Ich habe volles Vertrauen in Lübecks Polizei." +++

Jochen Seelhoff c/o Redaktionsbüro Seelhoff

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