960047R 25. Januar 1996

Geläutert durch das Feuer?

Der Lübecker Bürgermeister Michael Bouteiller ruft zum zivilen Ungehorsam auf

VON THOMAS KLEINE-BROCKHOFF

Am Sonntag, als sich herausstellt, daß alles wahrscheinlich anders war als vermutet, brauchen einige Berichterstatter einen Schuldigen. Nicht den jungen Libanesen, den die Polizei festgenommen hat, denn der ist ja nur tatverdächtig. Nein, lieber einen, dessen Schuld schon erwiesen ist; einen, der dafür Verantwortung trägt, daß die Republik auf die falsche Fährte gehetzt wurde, einen, der die Deutschen kollektiv in vorauseilende Selbstbezichtigung trieb.

"Herr Bürgermeister, haben Sie sich in den vergangenen Tagen nicht zu weit aus dem Fenster gehängt?" fragt ein Journalist scheinnaiv. Ein Dutzend Kameras nehmen Michael Bouteiller ins Visier. Das Oberhaupt der Hansestadt Lübeck ahnt, daß die Medienwalze ihn nun platt machen will. Erst hatten Journalisten ihn umschwärmt und die drei Tage seit der Brandnacht in ein Endlos-lnterview verwandelt, ihm Dutzende von kleinen Statements entlockt, weil der Mann so schön melancholisch in die Linse schaut und so schön kritisch über die Asylpolitik spricht. Jetzt ist alles anders, die große Story vom rassistischen Anschlag scheint geplatzt zu sein.

Bevor Michael Bouteiller antworten kann, folgt schon die zweite, die dritte Frage: "Haben Sie das Geschehen nicht unzulässig politisiert?" - "Warum sind Sie in Ihren Kommentaren von einer ausländerfeindlichen Tat ausgegangen?" Bouteiller rechtfertigt sich wortreich, aber die Journalisten erreicht er nicht mehr. Viele folgen nun dem Urteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Lübecks Bürgermeister "rhetorischer Exzesse" geziehen hatte.

Berichterstatter, jedenfalls manche, können vergeßlich sein und gnadenlos, wenn es gilt, die eigene Eilfertigkeit zu camouflieren. Ja, Michael Bouteiller hat die Brandkatastrophe von Anfang an politisiert, bloß nicht so plump wie plötzlich behauptet. Ja, er ist weit gegangen mit seinen Ankündigungen, wahrscheinlich zu weit, aber nicht, weil er der Idee verfallen war, Rechtsradikale müßten partout die Täter gewesen sein.

Am Donnerstag abend, gerade vierzehn Stunden nach Ausbruch des Feuers. hielt der Bürgermeister von Lübeck jene Rede, die ihn republikweit bekannt gemacht hat. Rund tausend Lübecker versammeln sich zu einer spontanen Trauerfeier vor der rauchenden Ruine. Sie glimmt in gleißendem Scheinwerferlicht, auch nach Sonnenuntergang suchen Feuerwehrleute darin nach Überlebenden. Vor der Menge steht der Bürgermeister auf einem kleinen Podest, durch eine Leselampe in fahles Licht getaucht. Gleich zu Beginn seiner Trauerrede sagt er, was viele nicht hören wollen: "Wir wissen noch nicht, wer oder was für diese Katastrophe verantwortlich ist." Die Macht der Bilder hat die Versammlung ergriffen: Das Haus hinter dem Gartenzaun erinnert verteufelt an die Fotos aus Solingen und Mölln. Und vor dem Zaun der Bürgermeister, der alles offenläßt, wo alles klar zu sein scheint. Wutgeheul erhebt sich, Pfiffe, Proteste einer starken Minderheit. "Hören Sie nur zu", ruft Bouteiller, "ich werde das Nötige schon sagen."

Das Nötige aus seiner Sicht ist dies: "Diese Katastrophe, was immer der Grund dafür ist, soll uns ein Zeichen sein. Wir müssen uns der Menschen in den Asylbewerberheimen annehmen und ihre Lebensverhältnisse verbessern." Vor dem Podest steht eine kleine Gruppe Afrikaner, viele sind Überlebende der Brandnacht. Dem Bürgermeister haben sie einen Zettel übergeben. "Urgent", eilig, steht darauf, daneben eine Forderung: Man wolle in die deutsche Gesellschaft integriert werden, in Wohnungen unter Deutschen wohnen. Auf französisch liest Bouteiller den Zettel vor und auf französisch sagt er spontan die Wohnungen zu. Doch er geht noch weiter, viel weiter: "Die Asylbewerberheime müssen geschlossen werden. Lassen Sie mich hier das Versprechen abgeben, daß wir in Lübeck damit anfangen werden."

Die Menge applaudiert, es war am Ende doch der rechte Ton. Aber waren es auch die richtigen Worte? Der oberste Lübecker hat nicht vorverurteilt. Aber er hat zugleich nicht weniger angekündigt als einen Rechtsbruch. "Sammelunterkünfte" werden vom Gesetz gefordert. Und nun: Die Heime schließen, um mit der Integration zu beginnen, die das Gesetz gerade verhindern will?

Viel später, im kleinen Kreis, erklärt sich Bouteiller. Das heißt, er erzählt. Vom Inferno der Brandnacht und den Augen der Opfer, die er nicht vergessen wird. Wie er herumirrte zwischen all denen, die aus den Fenstern gesprungen waren und mit Knochenbrüchen auf dem Asphalt kauerten, die irr aufschrien und heulten, wenn sie einen Verwandten am Fenster auftauchen und wieder im Flammenmeer verschiedeneswinden sahen. Wie er sich neben einer schluchzenden Afrikanerin wiederfand, die er umarmte und zu trösten versuchte. Wie er schließlich selber zu weinen begann und merkte, daß es keine Rolle mehr war, die er als Amtsperson zu spielen hatte. "Ich stand nicht mehr neben mir", sagt Bouteiller. In diesem Moment sei ihm klargeworden: "Die Stadt muß etwas tun, und die Stadt, das bin ich."

Das schlechte Gewissen der liberalen Öffentlichkeit ist erst recht das seine. Bouteiller ist ein linker Sozialdemokrat, wie er in dieser Reinform nur noch selten anzutreffen ist, erst recht in höheren Ämtern. Wörter wie "Kapitalverwertungsinteresse" gehen ihm flüssig über die Lippen, was der hanseatischen Kaufmannschaft auch gleich aufgefallen ist, als Bouteiller 1988 vom Bielefelder Umweltamt nach Lübeck wechselte. Gewöhnungsbedürftig war auch, daß er, kaum im Amt, gleich einen stadtbekannten Obdachlosen zum Essen in den Ratskeller einlud und bekanntgab, er gehöre einer Friedensgruppe und einer Ausländerinitiative an. Heute empfindet er es als Verrat an der eigenen Biographie, daß er in der SPD den Asylkompromiß mitgetragen hat.

Plötzlich das Feuer. Noch im Lichtschein der Flammen beschließt Michael Bouteiller, jetzt selbständig zu handeln: "Ich wollte nicht sein wie so viele Politiker, die mit den Achseln zucken und auf den Innenminister in Bonn zeigen."

Nur zwei Stunden hat der Bürgermeister geschlafen, als er am Freitag mittag das Rathaus betritt. Der Börsensaal ist randvoll. 500 Menschen die wissen wollen, wie es weitergeht in der Stadt der Brandmale. Bouteiller wirkt zunächst ruhig und gefaßt, er schüttelt Hände, tröstet. Der gedeckte Zweireiher, der gemessene Schritt und die weihevollen Handbewegungen machen aus dem Linksintellektuellen einen städtischen Notabeln.

Doch der Bürgermeister gibt nicht bekannt, er läßt diskutieren. Krisenmanagement ist nicht bloß Verwaltungssache: Bouteiller fragt die Anwesenden. Binnen Minuten entwickelt sich eine spontane Bürgerversammlung. Am Anfang ist er Moderator, am Ende steht er als kleiner Volkstribun von Lübeck da. "Ist jemand von einer Baugesellschaft da? Können Sie Wohnungen zur Verfügung stellen?" - "Fünf Wohnungen? Sehr schön." "Wer hat einen Raum, in dem wir Kleiderspenden sammeln können?" - "Wie bitte, nur Geldspenden? Also gut." - "Jemand hier vorne schlägt Patenschaften vor. Wollen Sie Patenschaften?"

In der ersten Stuhlreihe sitzt Jean-Daniel Makudila, der Mann, der seine Frau und fünf Kinder verloren hat. Leise wimmernd hört er dem Bürgermeister zu. Längst stehen den Schülern in den hinteren Reihen die Tränen in den Augen. Bald heult der halbe Saal. Auch Bouteiller droht die Kontrolle zu verlieren. Mühsam Haltung bewahrend, geht er zu Makudila, streicht ihm über den Kopf, geht zurück zum Mikrophon. Auch der letzte im Saal hat verstanden: Dieser Bürgermeister ist echt, mehr Bürger als Meister.

Daß er seine Stellung nutzen und zugleich vergessen machen möchte, darin liegt womöglich das Problem seiner Amtsführung. Vielleicht erhält er angesichts des Schmerzes, der ihn umgibt und ihn ergreift, auch nur eine Art euphorischen Schub. Wieder geht Bouteiller weit, diesmal noch weiter als am Vortag. "Wir werden sie in unsere Arme schließen und nicht mehr loslassen", sagt der Bürgermeister, und er ruft zu "zivilem Ungehorsam" auf für den Fall, daß die überlebenden Opfer abgeschoben werden sollten. "Wenn tausend Lübecker das tun, wird der Staat nicht wagen einzugreifen." Bloßrger Bouteiller, der mit seiner Friedensgruppe das Raketendepot zu Bremerhaven blockierte. Jetzt aber bekleidet er ein Amt. Sollen die städtischen Bediensteten nun massenhaft das Recht brechen, wenn der Bürgermeister es ihnen sagt? Soll Lübeck "asylrechtsfreie" Zone werden? Welche Auffassung vom Recht offenbart dieser Mann, der einst Verwaltungsrichter war?

Selbst jene in der Stadt, die Bouteiller wohlgesonnen sind, finden nun, er spiele mit dem Feuer. Aber in der Öffentlichkeit sprechen seit der Verhaftung des jungen Libanesen nur jene, die den Bürgermeister nicht für das kritisieren, was er gesagt hat, sondern für eine voreilige Schuldzuweisung, die er beharrlich vermieden hat. Bouteiller wird langsam zum Blitzableiter derer, die sich in ihrem Stolz als Deutsche verletzt fühlen, wenn immer wieder der Nazivorwurf erhoben wird. Der Bürgermeister, sagt der CDU-Kreisvorsitzende Thorsten Geißler, sei der Sendbote des Betroffenheitskultes. Und die rührige Frankfurter Allgemeine Zeitung verbreitet die Geschichte einer Stadt, die sich nach zwei Synagogenbränden freiwillig und ungerechtfertigt als "Symbol des Rechtsradikalismus" geißelte - unter tätiger Mithilfe eines bußfertigen Bürgermeisters.

Dabei fühlt sich Michael Bouteiller gerade durch die Verhaftung des Libanesen bestätigt. Erhärte sich der Verdacht, daß Anlaß der Brandstiftung ein Streit unter den Bewohnern war, so müßten die miserablen Verhältnisse verändert werden, in denen solcher Streit keime.

Nach Lübeck könnte diese Veränderung beginnen, aber nicht als kommunaler Ungehorsam eines Bürgermeisters. +++

Quelle: DIE ZEIT, 26. Januar 1996



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