960033R.doc 20. Januar 1996

Nach der Brandkatastrophe: Lübecker trauern und helfen

In der Hansestadt fehlt Wohnraum für Flüchtlinge

VON CORNELIA BOLESCH

Lübeck, 19. Januar. Der Bürgermeister von Lübeck hat am Tag nach der neuen Brandkatastrophe in seiner Stadt mit den überlebenden afrikanischen Opfern zusammengesessen und mit ihnen geweint. Auch im Fernsehen war Michael Bouteiller (SPD) als emotionaler Politiker zu sehen, dem "gestanzte Formulierungen zum Halse raushängen" angesichts der Verzweiflung von Menschen, die alles verloren haben. So hat er am Freitag seinen Amtssitz zu einem "Offenen Rathaus" erklärt. Jeder aus der Stadt war eingeladen, in den Sitzungssaal zu kommen, um "seine Wut loszuwerden", wie der Pressesprecher sagte, und darüber zu diskutieren, wie es jetzt weitergehen soll mit der Flüchtlingspolitik.

Die Trauer über das Schicksal der Toten und Verletzten soll umgemünzt werden in Taten - ganz unabhängig davon, ob der Brand im Haus Hafenstraße 52 ein Unglück oder doch ein rechtsradikaler Anschlag war. Die schlimme Wohnungssituation in der Stadt wird im "Offenen Rathaus" sicher auch zur Sprache kommen: Deutsche, Rußlanddeutsche und jüdische Emigranten konkurrieren um den knappen Platz. Selbst geduldete oder anerkannte Flüchtlinge haben da kaum eine Chance, außerhalb von Sammelunterkünften eine Bleibe zu finden.

Mitten in der konkreten Aufarbeitung ist bereits die Diakonie in Lübeck. Sie betreut im Auftrag der Stadt neun Wohnheime für Ausländer und muß sich jetzt um die Opfer und die Hinterbliebenen des Brandes kümmern. Eine alte, umgebaute Kaserne hatte man für diejenigen vorgesehen, die sich unverletzt retten konnten oder die frühzeitig aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Doch nur wenige seien dorthingekommen, sagt eine Mitarbeiterin. "Wir wissen im Moment nicht, wo die anderen sind. Sie sind irgendwo bei Freunden untergekrochen"

Klingelnde Telephone sind das ständige Hintergrundgeräusch der Gespräche mit Mitarbeitern der Diakonie. Die Hilfsbereitschaft der Lübecker Bürger ist groß. Viele bieten Sachspenden und Kleider an für die betroffenen Familien. Geld ist der Diakonie lieber: Wer den Brandopfern helfen will, kann das tun über die Deutsche Bank Lübeck (Kontonummer: 870 061902, BLZ 230 707 00) oder über die Sparkasse Lübeck (Kontonummer: 1002880, BLZ 230 50101).

Der Leiter der Diakonie, Iwer Rinsche, wehrt sich gegen Vorwürfe, das betroffene Haus sei überbelegt und die Wohnverhältnisse seien unmenschlich gewesen. Im NDR sagt er, Feuerwehr, Gesundheitsamt und andere zuständige Behörden hätten das Gebäude für knapp über 50 Menschen zugelassen. Offiziell hätten 45 Menschen darin gewohnt. Zum Zeitpunkt des Brandes hätten sich aber auch Besucher in dem Haus aufgehalten. Daß die Katastrophe "ausgerechnet" das Haus Hafenstraße 52 treffen mußte, ist für die Mitarbeiter der Diakonie schwer zu verarbeiten. Gerade mit diesem Haus haben sie in den oft tristen Begleitumständen ihres Arbeit positive Gedanken verbunden. "Die Bewohner haben sehr gute soziale Kontakte mit Deutscher gehabt".

Quelle: Süddeutsche Zeitung München, 20. Januar 1996 +++



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