960032R.doc 20. Januar 1996

Ursache des Brandes weiter unklar / Drei junge Männer nach langem Verhör wieder frei

Lübeck (AFP/AP/dpa/Reuter) - Nach der Feuerkatastrophe in einem Lübecker Asylbewerberheim, bei der am Donnerstag mindestens zehn Menschen ums Leben gekommen waren, sind die drei als Beschuldigte festgenommenen Männer aus Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) nach langem Verhör wieder freigelassen worden. Den Angaben des Kieler Justizministers Klaus Klingner (SPD) zufolge besteht gegen sie nicht mehr der Verdacht, daß sie die Urheber des Brandes gewesen sein könnten. Nach Auskunft der Ermittlungsbehörde haben sie ein Alibi. Die Ursache des Feuers ist nach wie vor unklar. Laut Lübecker Polizei sind für die Untersuchungen noch zwei bis drei Tage notwendig. Von einem Brandanschlag werde zur Zeit nicht gesprochen.

In einer Erklärung der Lübecker Polizei zur Freilassung der drei jungen Männer hieß es: "Die Entscheidung beruht nicht nur auf der Einlassung der vorläufig festgenommenen Personen, sondern auch auf objektiven Beweiserhebungen." Zu den bisherigen Ermittlungen hinsichtlich der Brandursache teilte die Polizei der Hansestadt mit, das Feuer sei offenbar im ersten Stock des dreigeschossigen Gebäudes ausgebrochen. Dafür gebe es mehrere Hinweise, hieß es.

Die Suche nach weiteren Opfern in dem ausgebrannten Haus an der Hafenstraße wurde am Freitag fortgesetzt. Nach der bislang schwersten Brandkatastrophe in einer Ausländerunterkunft in Deutschland wurden noch vier Menschen vermißt. 35 verletzte Ausländer lagen in Krankenhäusern. Mehrere von ihnen schwebten noch in Lebensgefahr. Nach wie vor sei nicht auszuschließen, daß im Dachgeschoß der Ruine weitere Tote gefunden würden, sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Allerdings stand nach Angaben der Diakonie, die das Haus betreute, eine der Wohnungen im Dachgeschoß leer. Da eine fünfköpfige Familie, die bis vor kurzem dort gewohnt habe, ausgezogen sei, "hoffen wir, daß wir keine Toten mehr finden", sagte der Sprecher.

Die schleswig-holsteinische Landesregierung kündigte an, sie werde für sachdienliche Hinweise 50 000 Mark aussetzen, wenn die Entwicklung der Ermittlungen das erfordere. Wie konkret verfahren werde, hänge davon ab, ob es sich um einen Unglücksfall oder um ein Verbrechen handele, sagte Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD).

Die Kieler Regierungschefin wies Vorwürfe zurück, nach denen das Asylbewerberheim überbelegt gewesen sei. Es hätten sich etwa 60 Personen in dem Gebäude aufgehalten, darunter Besucher. Nach den Worten von Frau Simonis können die Kommunen selber entscheiden, ob sie Asylbewerber in Gemeinschaftsunterkünften oder dezentral unterbringen. In Schleswig-Holstein gebe es 10 000 Asylsuchende, von denen bis zu 2500 in Gemeinschaftsunterkünften lebten.

Vertreter der Bundesregierung und der SPD wandten sich am Freitag gegen Vorverurteilungen. Regierungssprecher Herbert Schmülling sagte, er wolle keine Bewertung vornehmen, "solange die Ursachen nicht ermittelt sind". Auch die SPD-Innenpolitikerin Cornelie Sonntag-Wolgast betonte, das Ende der Ermittlungen müsse abgewartet werden. Die Grünen dagegen sprachen zunächst von einem "Anschlag" und schlossen sich der Forderung des Lübecker Bürgermeisters Michael Bouteiller nach "Auflösung der gesonderten und abgesonderten Asylbewerberheime" an. Die Grünen-Politiker Kerstin Müller, Jürgen Trittin und Cem Özdemir forderten eine "konzertierte Aktion" von Landes- und Kommunalpolitikern, um Flüchtlinge in Wohnviertel zu integrieren. Die Verantwortlichen hätten in den vergangenen Jahren "regelrechte Ghettos" für Asylbewerber geschaffen. Rechtsradikale hätten so freien Zugang zu den Unterkünften.

Mahnwachen und Demonstrationen

Schmülling sagte, die Bundesregierung trauere mit den Angehörigen der Toten. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, meinte am Rande der Feierstunde des Bundestags zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus in Bonn, nach den Anschlägen der vergangenen Jahre kämen unweigerlich die Assoziation an die Verbrecheb der Nazi-Diktatur und Vermutungen auf, daß Neonazis die Verantwortung tragen könnten. Es könne sich jedoch auch herausstellen, daß "es sich in Lübeck um einen Unglücksfall" gehandelt habe. Bevor dies nicht klar sei, dürften keine Verurteilungen stattfinden.

In der Nacht zum Freitag hatten sich ausländische Mitbürger in der Nähe des ausgebrannten Hauses zu Mahnwachen versammelt. Am Freitag demonstrierten in Lübeck und Hamburg Hunderte von Schülern gegen Ausländerfeindlichkeit. Im Lübecker Rathaus wurde ein Bürgertelephon eingerichtet, über das Informationen zur Brandkatastrophe gegeben werden. +++



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