960028R 19. Januar 1996

Lübeck trauert um die Opfer der Brandkatastrophe

Wut und tiefe Trauer kennzeichet die Stimmungslage der Lübecker Bevölkerung am Morgen nach der Brandkatastrophe in der Asylbewerberunterkunft Neue Hafenstraße. Für die Leser des "Lübeck-Fensters" im Internet bieten wir als Berichtszusammenfassung einen Artikel an, den wir mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Januar entnommen haben.

Zehn Tote bei Brand in Asylbewerberheim/ Drei Festnahmen/ Behörden: Ursache noch nicht geklärt

VON JASPER VON ALTENBOCKUM

LÜBECK, 18. Januar. Tropfen von Schweiß und Tränen laufen über das Gesicht des Feuerwehrmannes. Seit dem frühen Morgen ist er im Einsatz, wurde aus dem Bett geklingelt, bekam einen Einsatzbefehl, der anders klang als sonst: Großbrand in einem Asylbewerberheim. In der Hafenstraße, dicht an den Kais und.Lagerhallen des Lübecker Hafens, war ein Brand ausgebrochen. Mit Löschen war es nicht getan. Leben mußte gerettet, Entsetzen mußte gezügelt, Verzweiflung bekämpft, Tränen mußten erstickt werden. Um 3.55 Uhr rückte das erste Feuerwehrfahrzeug an. An Brandbekämpfung, sagt der Mann, sei gar nicht zu denken gewesen: Schreie, Flammen, Qualm und Hilferufe schlugen den Feuerwehrmännern entgegen.

Auf das Dach und die Fenstersimse hatten sich die Bewohner des Heims in panischer Angst geflüchtet, Asylbewerber aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten, Aussiedler, Kinder, Mütter. Die ersten waren schon in ihrer Verzweiflung in den Abgrund gesprungen, auf dem Bürgersteig aufgeschlagen. Augenzeugen müssen miterleben, wie eine Mutter mit ihrem Kind im Arm hinabspringt. Die Frau stirbt, das Kind wird schwer verletzt. Sprungtücher werden gespannt. Mit der Drehleiter versucht die Besatzung des ersten Feuerwehrautos sofort, Leben zu retten. Als sie die Leiter ans zweite Stockwerk schiebt, kippt sie um. Im Haus war jeder Fluchtweg abgeschnitten. Das Feuer fraß sich von der ersten Etage nach oben, über Holztreppen, zuletzt schlug es wie aus einem offenen Kamin lichterloh durch den Dachstuhl in die Nacht.

Wie viele Todesopfer es gegeben hat, weiß man auch am späten Nachmittag noch nicht. Neun Tote hat man gefunden, drei Kinder unter ihnen, aber noch werden Bewohner des Heims vermißt. Was ist mit der Familie geschehen, die im Dachstuhl wohnte? Zweihundert Feuerwehrmänner aus Lübeck und den angrenzenden Kreisen aus Ostholstein hatten alles getan, um es soweit nicht kommen zu lassen. Glück war es, daß ein Einsatzfahrzeug zuvor ganz in die Nähe gerufen worden war - falscher Alarm. Die Feuerwehrleute wurden dann auf das Feuer in der Hafenstraße aufmerksam. Minuten später war der Großeinsatz organisiert. Notärzte, Krankenwagen, Polizei waren zur Stelle. Sie konnten nur noch retten, nicht einmal Schlimmeres verhüten.

Das Feuer ist am Morgen gelöscht, schwelt aber weiter, am frühen Nachmittag schlagen noch einmal Flammen aus den ausgebrannten Fensterhöhlen. Da stürzt das Haus schon fast ein. Mehr als fünfzig Heimbewohner waren leicht oder schwer verletzt in die umliegenden Krankenhäuser bis nach Bad Oldesloe gebracht worden. Ein Kind schwebt am Nachmittag noch in Lebensgefahr. Nur wenige kamen mit dem Schrecken davon, die 22 Menschen, die Feuerwehrmänner aus den Fallen befreiten, in die das Feuer sie getrieben hatte. Sie wurden in Bundeswehrkasernen gebracht.

Wenige Minuten nachdem die ersten Rettungswagen eingetroffen waren, gegen 4 Uhr früh, hielt eine Polizeistreife in der Nähe des Brandes die Personalien dreier Männer fest, die in ein Auto gestiegen waren. Einer hatte kurzgeschorene Haare, wie er waren auch die anderen mit Bomberjacken, Fliegerstiefeln bekleidet. Skinheads also? Das Auto hatte das Kennzeichen "GVM" für Grevesmühlen, eine Kreisstadt einige Kilometer weiter östlich in Mecklenburg-Vorpommern. Die Polizei sucht die jungen Männer noch am Vormittag dort wieder auf. Sie werden wenig später festgenommen und als Beschuldigte, als Tatverdächtige vernommen. Der Verdacht lautet auf Mord und schwere Brandstiftung.

Liegt ein Fluch über Lübeck? Schlug hier wieder der fremdenfeindliche Feuerteufel zu, der die Hansestadt in den vergangenen Jahren immer wieder heimgesucht hat? Wie um die gediegene Seriösität dieser Stadt auf bitterböse Weise und immer auf dieselbe feige Art herauszufordern? Im Jahr 1994 wurden Molotow-Cocktails auf die Lübecker Synagoge geschleudert, ein Jahr später, im Mai 1995, schlugen abermals Brandstifter gegen das Gebäude in der Innenstadt zu. Gegen den Rohbau eines neuen Asylbewerberheims wurden Brandanschläge verübt. Es gab Drohungen, anonyme Anrufe gegen andere Einrichtungen und Personen. Nach "Hoyerswerda", "Rostock-Lichtenhagen", "Mölln" und "Solingen" nun ein noch schlimmeres, noch entsetzlicheres "Lübeck"? Die schlimmste Katastrophe für die Stadt, wie Bürgermeister Bouteiller am Donnerstag sagt? Das Ende des schönen Bildes, das man sich von der Stadt an der Trave macht, vom Holstentor, vom Haus der Buddenbrooks?

Am Nachmittag im Behördenhochhaus in der Possehlstraße. Die Stadt, die Staatsanwaltschaft, Feuerwehr und Kriminalpolizei informieren über den Stand ihrer Aktionen und Ermittlungen. Noch immer ist die Brandursache nicht geklärt. Waren es drei Brandherde? Das spräche eher für Brandstiftung. Aber noch suchen Fachleute in der ausgekohlten Ruine in der Hafenstraße nach Spuren und Hinweisen. Es sind Ermittlungen unter Lebensgefahr. Jederzeit können die Mauern einbrechen. Noch wird nicht ausgeschlossen, daß ein technischer Defekt die Feuersbrunst entfacht hat. Vielleicht ist es aber nur noch eine Hoffnung.

Qualm zieht am späten Nachmittag über das Haus am Hafen. Die Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, Heide Simonis, und Bundespräsident Roman Herzog wollten aus Kiel hierherkommen. Beide werden von Nebel über Ostholstein davon abgehalten. Nur wenige Schaulustige zieht es an den Ort der Katastrophe. Abends versammeln sich Asylbewerber und Lübecker zu einer Kundgebung. Viele sind wütend. Andere trauern still.

Anschläge in Mölln und Lübeck

LÜBECK, 18. Januar (AP). Das Feuer in der Lübecker Asylunterkunft ruft Erinnerungen an zwei Brandanschläge im benachbarten Mölln und auf die Synagoge der Hansestadt wach. In Mölln starben im November 1992 bei einem Anschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser eine Frau und zwei Mädchen. Es war der erste ausländerfeindliche Brandanschlag in der Bundesrepublik, bei dem Menschen umkamen. Der Synagogenbrand von Lübeck war der erste Anschlag auf ein jüdisches Gotteshaus in Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

In der Nacht zum 23. November 1992 hatten Michael Peters und Lars Christiansen mit Molotow-Cocktails die beiden Häuser in der Möllner Innenstadt in Brand gesetzt und sich Minuten später telefonisch mit "Heil Hitler" der Tat bezichtigt. Wenige Tage danach waren die beiden zur Skinhead-Szene gehörigen Männer festgenommen worden. Nach einem Prozeß von gut einem Jahr Dauer verurteilte das Oberlandesgericht Schleswig beide zu Höchststrafen, Christiansen zu zehn Jahren Jugendstrafe, Peters zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Als Motiv sah der Senat Fremdenhaß als erwiesen an.

Peters war der Kopf einer rechtsextremistischen Gruppe aus Mecklenburg-Vorpommern, die im Herbst 1992 in Gudow und Kollow, beide im Lübecker Nachbarkreis Lauenburg, Brandanschläge auf Asylbewerberheime verübt hatte. Neun junge Männer und eine Frau aus Ostdeutschland wurden deshalb vom Landgericht Lübeck zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Nur wenige Monate nach dem Mölln-Urteil brannte es am 25. März 1994 in einem Anbau der Lübecker Synagoge. Sechs Wochen später beantragte die Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen vier junge Lübecker. Alle stammten aus sozial-zerrütteten Verhältnissen, drei hatten engen Kontakt zur Skinhead-Szene. Wieder verhandelte der II. Strafsenat des Schleswiger Oberlandesgerichts den Fall, wieder kam es zum Schuldspruch. Im April 1995 wurden die vier Männer im Alter von 20 bis 26 Jahren wegen einfacher Brandstiftung zu Haftstrafen zwischen 45 und 54 Monaten verurteilt.

Auf den Anschlag von Mölln hatten auch die Lübecker mit Lichterketten reagiert, nach der Brandstiftung der Synagoge verstärkte die Stadt ihre Anstrengungen gegen Gewalt und Rechtsextremismus. Dies gilt in Polizeikreisen als Hintergrund für ein Briefbomben-Attentat im Sommer 1995, das einem führenden Repräsentanten der SPD galt. Beim Öffnen des Pakets, das aus Österreich stammte, war der Geschäftsführer der Lübecker SPD-Fraktion am 13. Juni an der Hand verletzt worden

Im Mai 1995, am Vortag der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Kriegsendes, war es zu einem zweiten Brandanschlag auf die Synagoge gekommen. Dringender Tatverdacht besteht gegen einen im Herbst vergangenen Jahres festgenommenen Lübecker, der keine Verbindung zur rechtsextremen Szene haben soll.



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