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Günter Grass überreichte in Lübeck Pankok-Preis an Dr. Hasani

020720D 2002-09-30

In Anwesenheit von Bundespräsident Johannes Rau hat Günter Grass heute abend im Bürgerschaftssaal des Rathauses der Hansestadt Lübeck den Otto-Pankok-Preis 2002 an den Arzt und Bürgerrechtler Dr. Ibrahim Hasani verliehen. Der in Dresden lebende Arzt und Bürgerrechtler erhält die Auszeichnung in Würdigung seines beispielhaften Einsatzes für die in Deutschland lebenden Roma-Flüchtlinge aus dem Kosovo. Der Otto-Pankok-Preis der von Günter und Ute Grass gegründeten “Stiftung zugunsten des Romavolkes” ist mit 10 000 Euro dotiert.

Dr. Ibrahim Hasani gehört selbst dem Romavolk an und stammt aus Urosevac/Kosovo. Dort war er als angesehener Arzt tätig. Er hat am eigenen Leib die Verfolgung erfahren, die die Roma im Kosovo-Krieg erlitten haben und der sie dort auch weiterhin ausgesetzt sind. Vor den serbischen Truppen flüchtete er im März 1999 zusammen mit seiner Familie nach Bosnien. Nach dem Rückzug der serbischen Armee im Juni 1999 kehrte die Familie in ihre Heimat zurück, mußte aber kurz darauf erneut fliehen, diesmal vor Truppen der UCK. Daß Dr. Hasani zwischenzeitlich Albaner in mazedonischen Flüchtlingslagern freiwillig ärztlich betreut hatte, schützte ihn und seine Familie nicht. Über Mazedonien und Österreich rettete sich die Familie nach Deutschland. Wie sie wurden über 100 000 Roma und Aschkali aus dem Kosovo vertrieben.

Tilman Zülch, Gründer und seit Mai 2000 Generalsekretär der deutschen Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und Präsident der Gesellschaft für bedrohte Völker International, sprach in seiner Laudatio für den Preisträger davon, daß Dr. Hasani für viele seiner Landsleute ein Hoffnungsträger sei: “Mit seiner ruhigen, beständigen und vermittelnden Art hat er sich Sympathie und Anerkennung von verschiedenen Seiten erworben. Der von Günter Grass gestiftete Otto-Pankok-Preis genießt bei dem Volk der Roma, Sinti und Aschkali großes Ansehen. Er ist die Anerkennung für einen Menschen, der seine Möglichkeiten und seine Ausbildung in den Dienst seiner Mitflüchtlinge gestellt hat. Er hat in den vergangenen drei Jahren eindrucksvoll bewiesen, daß er mit seinem überzeugenden Einsatz Aufmerksamkeit und Verständnis für das Schicksal der Roma-Angehörigen wecken konnte. Nicht zuletzt dank seines unermüdlichen Wirkens konnte die schlimmste der Möglichkeiten für die Roma bisher verhindert werden: ihre zwangsweise Rückführung in den Kosovo.”

Bundespräsident Johannes Rau, der zuletzt zur 600 Jahr-Feier der Schiffergesellschaft am 6. Dezember 2001 in Lübeck war, dankte Ute und Günter Grass für ihre Arbeit in der “Stiftung zugunsten des Romavolkes”. “Wir brauchen in unserer Gesellschaft mehr Verständnis für die Lebensweise der Roma. Wir können Vorurteile und Ängste dann abbauen, wenn wir über die kulturellen Traditionen und die soziale Lage der Sinti und Roma mehr wissen”, sagte der Bundespräsident.

Ministerpräsidentin Heide Simonis betonte in ihrem Grußwort, daß für die Landesregierung seit Jahrzehnten aktive Minderheitenpolitik zum politischen Selbstverständnis gehöre: “Wir wollen den Minderheiten Raum geben, ihre kulturelle, historische und religiöse Identität frei zu leben. Und wir wollen Frieden, Wohlfahrt und kulturelle Vielfalt für alle Bürgerinnen und Bürger ermöglichen. Das ist eine schwierige Aufgabe, der wir uns auch in Schleswig-Holstein immer wieder neu stellen müssen. Und doch sind wir auf diesem Weg schon ein gutes Stück vorangekommen!”

Gemeinsam verfolgten die Landesregierung und der Landesverband Deutscher Sinti und Roma mit ihrem Modell einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit ganz ähnliche Ziele wie Günter Grass mit seiner “Stiftung zugunsten des Romavolkes” und dem Otto-Pankok-Preis. Gemeinsames Ziel sei es, die kulturelle Eigenständigkeit der deutschen Sinti und Roma als nationale Minderheit zu schützen und gleichzeitig ihre politische Mitwirkung und die Integration in unsere Gesellschaft zu fördern.

Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe dankte in seiner Begrüßung Bundespräsident Johannes Rau für dessen Kommen: “Daß Sie, verehrter Herr Bundespräsident, anläßlich der heutigen Preisverleihung zu uns gekommen sind und sogar zu uns sprechen, wissen wir hoch zu schätzen. Sie unterstützen damit die Stiftung zugunsten des Romavolkes und verleihen ihr die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihr Anliegen verdient. Der Glanz, der durch Ihren Besuch auch auf die alte Hansestadt Lübeck fällt, tut ihr gut, beruft sie sich doch seit altersher auf Weltoffenheit, Toleranz und Völkerverständigung.”

Hintergrundinformationen zum Otto-Pankok-Preis:

Zweck der 1997 in Lübeck gegründeten “Stiftung zugunsten des Romavolkes” ist es, “das Verständnis für die Eigenarten des Romavolkes zu fördern und über seine kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären” sowie zu Toleranz beizutragen. Gefördert werden journalistische, wissenschaftliche, sozialpolitische und künstlerische Arbeiten, deren Anlaß und Thema das Romavolk ist, insbesondere die Sinti und Roma in Deutschland. Nach dem “Alfred-Döblin-Preis” zur Förderung junger Schriftsteller und der “Daniel-Chodowiecki-Stiftung” zugunsten deutsch-polnischer Kulturbeziehungen ist die “Stiftung zugunsten des Romavolkes” die dritte gemeinnützige Stiftung, die der in Lübeck wirkende Schriftsteller und Künstler Grass ins Leben rief.

Der Preis soll außerdem an den bildenden Künstler Otto Pankok (1893 - 1966) erinnern, der in seinem sozial-kritischen Werk immer wieder auf verfemte Minderheiten, insbesondere auf die “Zigeuner” aufmerksam machte. Von 1948 bis 1952 war Pankok Lehrer von Günter Grass an der Kunstakademie Düsseldorf. Erste Preisträgerin war am 5. Dezember 1999 die Filmemacherin, Publizistin und Bürgerrechtlerin Melanie Spitta, die ebenfalls an dem Festakt teilnahm. +++


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